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Wissenschaftliche Debatte : Der enttäuschte Autor lässt seinen Anwalt schreiben

  • -Aktualisiert am

Droht eine Rückkehr der Gefälligskeitsrezension? Bild: dpa

Klagedrohung statt Replik: Ist das ein neuer Trend im wissenschaftlichen Rezensionswesen? Zwei Fälle zeigen eine beunruhigende Tendenz.

          Im April 2014 veröffentlichte der Altphilologe Thomas Schirren, Professor an der Universität Salzburg, eine Rezension im „Arbitrium“. Die im Berliner Großverlag De Gruyter erscheinende germanistische Fachzeitschrift ist ein Spezialorgan, das ausschließlich Rezensionen enthält. Schirren besprach die unter dem Titel „Antike und Moderne. Friedrich Schlegels Poetik, Philosophie und Lebenskunst“ im gleichen Verlag veröffentlichte Doktorarbeit von Dorit Messlin, die am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt forscht. Die ausführliche, fünf Druckseiten umfassende und mit vierzehn Fußnoten belegte Besprechung ist im Tenor kritisch: Der Rezensent weist der Autorin elementare methodische Versäumnisse nach und stellt fest, dass ihr philosophisches Vermögen „den gewählten Gegenständen kaum gewachsen“ sei. Gleichwohl zieht Schirren ausdrücklich ein gemischtes Resümee. Messlin stelle immer wieder originelle Zusammenhänge her, die geeignet seien, den romantischen Umgang mit der Antike zu erhellen. Die Ursache von Unzulänglichkeiten sieht der Rezensent nur zum Teil bei der Autorin. Ihre Betreuer hätten die anspruchsvolle Arbeit thematisch begrenzen müssen.

          Knapp drei Jahre nach Veröffentlichung dieser Rezension erhielt Schirren Post von Messlins Rechtsanwalt. Er erklärte, seine Mandantin werde durch die Rezension in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt. Schirren solle verschiedene Passagen löschen.

          Wissenschaft erfordert Auseinandersetzung

          Der Anwalt behauptete, es widerspreche universitären Grundsätzen, „dass ein Universitätsprofessor ein begabtes und hoffnungsvolles Nachwuchs-Talent in dieser Art und Weise öffentlich an den Pranger stellt“. Eine Regel, dass Professoren nicht über Anfängerarbeiten urteilen, gibt es allerdings nicht. Die Besprechung eines etablierten Wissenschaftlers ist im Gegenteil gerade wünschenswert und signalisiert, das Werk sei beachtenswert. Wissenschaft erfordert Auseinandersetzung, und Schirren hatte seine Rezension nur auf Messlins Werk, keineswegs auf ihre Person oder andere sachfremde Erwägungen gestützt. Zudem hätte es universitären Grundsätzen entsprochen, wenn sich Messlin zunächst bei der Zeitschrift gemeldet hätte, statt einen Rechtsanwalt zu beauftragen, der dem Rezensenten auch noch schrieb, er werde seiner Mandantin strafrechtliche Schritte empfehlen. Welche das sein sollen, wird aus dem Schreiben nicht deutlich.

          Weiterhin legte der Anwalt dar, Schirren solle als Altertumsforscher gar keine literaturwissenschaftliche Arbeit besprechen, im Übrigen sei er kein Schlegel-Forscher. In Wahrheit ist Schirren Ko-Herausgeber von Band 15.3 der Kritischen Friedrich-Schlegel-Ausgabe und hat auch sonst über Schlegel veröffentlicht. Nicht grundlos wurde er von „Arbitrium“ für die Rezension ausgewählt. Diese Zeitschrift hält auch die Rechte an der Besprechung. Dass Messlins Anwalt deshalb die Forderung, umfangreiche Passagen „unverzüglich aus dem Internet zu beseitigen“, an den falschen Adressaten gerichtet habe, findet Schirren. Er sei als Autor nur mittelbar betroffen und sehe daher auch keinen Grund, die inzwischen zwei anwaltlichen Schreiben zu beantworten. Der Verlag erkennt in der Rezension keine Rechtsverletzung und teilte dem zuständigen Herausgeber mit, für eine Einlassung von Seiten des Verlags oder der Herausgeber bestehe einstweilen kein Anlass.

          Bewertungen unterliegen der Meinungsfreiheit

          Messlins Anwalt fordert von Schirren 5100 Euro wegen der Unterlassung und zusätzlich eine Geldentschädigung in Höhe von 12 000 Euro. Unter Verweis auf den Ton der Schreiben äußert Schirren den Verdacht, dass ausgelotet werden solle, ob sich bei ihm etwas holen lasse. So wirft der Anwalt ihm etwa vor, dass Messlin der Abschluss einer Habilitation durch die Rezension „erheblich erschwert bzw. sogar unmöglich gemacht“ werde, ohne dies näher darzulegen.

          Die Autorin teilt auf Nachfrage lediglich mit, dass sich Schirren nicht gemeldet habe. Messlin antwortet nicht auf die Frage dieser Zeitung, weshalb sie behaupte, Schirren verschweige, dass die Arbeit aus vier Teilen bestehe, obwohl er auf den ersten beiden Seiten der Rezension alle Teile referiert. Diese Behauptung wäre, wenn zutreffend, noch am ehesten justitiabel gewesen: Bewertungen unterliegen der Meinungsfreiheit, aber falsche Tatsachenaussagen müssen korrigiert werden.

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          Um diese Unterscheidung geht es auch im Fall einer Rezension von Sören Flachowsky im Internet-Fachforum H-Soz-Kult. Flachowsky hatte das Werk „Himmlers Forscher – Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im ,Ahnenerbe‘ der SS“ von Julien Reitzenstein besprochen, ebenfalls eine Doktorarbeit. Dabei schrieb er: „Bei der Betrachtung der Abteilungen von August Hirt und Sigmund Rascher verzichtet Reitzenstein mit Blick auf die Forschungslage auf eine Darstellung der Verbrechen, was aber angebracht gewesen wäre.“ Da der Satz so verstanden werden konnte, der Autor habe Verbrechen von SS-Forschern unterschlagen, sah Reitzenstein seinen Ruf als Wissenschaftler in Gefahr. Auf seinen Antrag hin untersagte das Landgericht Hamburg diese Äußerung am 27. Juli 2016, weil sie falsch sei. Flachowsky hätte sich mit einem Widerspruch dagegen wehren können, was er aber, wie er dieser Zeitung sagte, „aus Kosten- und Zeitgründen“ nicht getan hat. Flachowsky sagt heute: „Der vom Gericht kritisierte Satz war misslich formuliert, wurde aber meines Erachtens durch die sich gleich daran anschließenden Ausführungen in meiner Rezension relativiert.“ Heute würde er diesen einen Satz etwas anders formulieren.

          Reitzenstein hatte sich zunächst mit einer ausführlichen E-Mail an den Rezensenten gewandt und um Korrektur dieses und zehn weiterer Punkte gebeten. Das Schreiben enthielt mit dem Verweis auf laufende Fristen die Androhung juristischer Schritte, die dann auch bereits zwei Wochen nach Erscheinen der Rezension erfolgten. Flachowsky hatte nicht selbst geantwortet, sondern auf Rat der Redaktion von H-Soz-Kult, die das Schreiben in Kopie erhalten hatte, dieser die Bearbeitung der Sache überlassen. Gemäß dem bei H-Soz-Kult üblichen Prozedere bot man Reitzenstein mit einem Formschreiben eine Replik an, wohl ohne die Vorwürfe im Einzelnen zu prüfen. Auf seiner privaten Internetseite teilte Reitzenstein inzwischen mit, er habe dieses Angebot nicht wahrgenommen, weil sich H-Soz-Kult ein Redigat seiner Replik vorbehalten habe. Das ist allerdings schon aus juristischen Gründen Standard.

          Rückfall in Zeiten der Gefälligkeitsrezensionen

          Reitzenstein bekräftigt gegenüber dieser Zeitung, dass er einen Dialog gewollt habe. Von der Möglichkeit, an einem anderen Ort eine Replik zu publizieren, wollte er allerdings keinen Gebrauch machen. Nachdem Flachowsky die einstweilige Verfügung akzeptiert hatte, wurde der Text der Rezension bereinigt. Im November bekam Flachowsky, der die Angelegenheit für abgeschlossen hielt, erneut Post von Reitzensteins Anwalt. Er wurde mit neuen Unterlassungsforderungen konfrontiert, die meinungsförmige Aussagen der Rezension betrafen.

          In der Sache ging es um die Frage, ob einer der SS-Forschungsmanager Menschenversuche angeordnet habe. Flachowskys Bewertung von Reitzensteins Beurteilung dieses heiklen Komplexes ist differenziert und nuanciert. Diese Sätze hat der Rezensent erkennbar mit besonderer Sorgfalt formuliert. Die neuen Unterlassungsforderungen bezweckten nicht mehr die Korrektur eines sachlichen Fehlers, sondern zielten ins Herz des kritischen Gehalts der Besprechung. Die Redaktion riet Flachowsky, es auf eine gerichtliche Auseinandersetzung ankommen zu lassen, konnte ihm aber nur moralische, keine finanzielle Unterstützung anbieten. H-Soz-Kult wird nicht von einem Verlag getragen, sondern operiert auf ehrenamtlicher Basis. Flachowsky, ein Familienvater mit befristetem Arbeitsvertrag, wollte das Risiko eines Rechtsstreits nicht eingehen. Inzwischen wurde die gesamte Rezension bei H-Soz-Kult entfernt.

          Nachdem diese Zeitung am 22. Februar über den Fall berichtet hatte, teilte uns Rüdiger Hohls, Professor an der Berliner Humboldt-Universität und Koordinator der Redaktion, seine Ansicht mit, dass es sich bei dem „verbotenen Halbsatz“ tatsächlich „um eine nicht zutreffende Tatsachenbehauptung handelt“. Allerdings hätte seiner Meinung nach „die Ersetzung eines Wortes ausgereicht, um daraus eine zutreffende Tatsachenbehauptung zu machen“. Statt „der Verbrechen“ hätte es „aller Verbrechen“ heißen müssen. Vor dem Hintergrund dieser Bewertung ist nicht nachvollziehbar, wie Hohls und sein Redaktionskollege Michael Wildt in ihrer eigenen Rezension zu Reitzenstein, die bei H-Soz-Kult den gelöschten Text von Flachowsky ersetzt und zugleich über weite Strecken paraphrasiert, am Ende schreiben können: „Nach unserer Einschätzung entbehrt Reitzensteins gerichtliches Vorgehen gegen den Rezensenten jeder wissenschaftlichen Grundlage.“

          Angst vor Reputationsverlust

          Hohls erläutert, dass man unwahre Tatsachenbehauptungen selbstverständlich nachträglich korrigiere, „wenn sie uns denn bekannt werden oder wir der Argumentation inhaltlich wie juristisch folgen können“. Demnach war irreführend, was die zuständige Redaktionsmitarbeiterin an Reitzenstein geschrieben hatte: „Ganz klar möchte ich sagen, dass einmal veröffentlichte Rezensionen auf H-Soz-Kult nicht nachträglich verändert werden.“ Die Erklärung von Hohls für diesen Satz: Man wolle enttäuschte Autoren nicht auf die Idee bringen, Änderungen zu verlangen. Reitzenstein hatte freilich genau dieses Verlangen geäußert. In der Datenbank von H-Soz-Kult finden sich viele Texte, an denen nachträglich Änderungen aus unterschiedlichen Gründen vorgenommen wurden. Sie werden den Lesern immer sichtbar gemacht.

          Der Fall Reitzenstein wird sich auf diese Weise nicht mehr lösen lassen: Er ist ein Beispiel von trügerischen Rezensionshoffnungen, misslich formulierten Sätzen und Briefen, der Angst vor Reputationsverlust auf der einen Seite und der Angst vor einer endgültigen gerichtlichen Klärung auf der anderen Seite. In diesem Streit bleiben keine Sieger zurück. Die Fälle Messlin und Reitzenstein zeigen, wie wirkungsmächtig im Internet veröffentlichte Rezensionen heute sind. Wird der wissenschaftliche Disput jedoch auf die Ebene der Juristen verlagert, droht ein Rückfall in die Zeiten der Gefälligkeitsrezensionen.

          Quelle: F.A.Z.

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