Home
http://www.faz.net/-gsn-6m37j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Islamischer Bekenntnisunterricht Die Religion in den Grenzen des Klassenzimmers

12.08.2011 ·  Eine ganz große Koalition erwartet Wunderdinge vom islamischen Bekenntnisunterricht. Muslime, die sich liberal nennen, wollen dem Staat beim Lehrplanschreiben die Feder führen. Im Interesse der Aufklärung?

Von Patrick Bahners
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (11)

An den islamischen Religionsunterricht in der staatlichen Schule richten sich hohe Erwartungen. Dieses Projekt wird mittlerweile von einer ganz großen Koalition getragen. Vor dem Hintergrund der Geschichte ist diese Tatsache verblüffend. In den großen schulpolitischen Kontroversen schieden sich am Platz der Religion in der Schule die Geister der ideologischen Milieus. Länder, mit denen sich Deutschland zu vergleichen liebt, wie Frankreich und die Vereinigten Staaten, kennen den staatlichen Religionsunterricht nicht.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ machte unlängst das Scheitern der Westerwelle-FDP in der Regierung Merkel daran fest, dass der Religionsunterricht noch nicht abgeschafft wurde. Abgesehen davon, dass dafür der Bundesgesetzgeber nicht zuständig ist, versteht die FDP sich aber gar nicht mehr als Sammlungsbewegung der Antiklerikalen. Bezeichnenderweise war es der evangelische liberale Theologe Friedrich Wilhelm Graf, der kürzlich in der „Wirtschaftswoche“ bedauernd auf diesen zur gesamtgesellschaftlichen Säkularisierung scheinbar gegenläufigen Sinneswandel einer politischen Organisation hinwies.

Thomas Dehler, auch im Geistespolitischen der Antipode Adenauers, würde sich in der nach ihm benannten Bundesgeschäftsstelle seiner Partei nicht mehr zu Hause fühlen. Wenn Florian Rentsch, der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Wiesbadener Landtag, den Beweis führen möchte, dass seine Partei das Programm der Regierung Bouffier prägt, verweist er auf die Absicht, ein Gesetz über den Religionsunterricht für Muslime zu machen.

Verkehrte Welt in Hessen

Tatsächlich hatte sich die hessische CDU dagegen lange gesträubt, unter dem Einfluss ihres Bildungspolitikers Hans-Jürgen Irmer, der in Wetzlar eine islamfeindliche Gratiszeitung verlegt. Heute arbeitet unter der FDP-Kultusministerin Dorothea Henzler ein christdemokratischer Staatssekretär, der aus Niedersachsen abgeworben wurde: Heinz-Wilhelm Brockmann, der von den katholischen Bischöfen als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken abgelehnt wurde, war in der Ära Wulff im Kultusministerium für den „Runden Tisch“ zur Vorbereitung des islamischen Religionsunterrichts zuständig.

Verkehrte Welt: In Wiesbaden wirft die linke Opposition den FDP-Ministern vor, die Sache der religiösen Unterweisung nicht energisch genug voranzutreiben. Der hessische SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel, ein Mann vom linken Flügel, sagte auf die Frage der „Bild“-Zeitung nach einer Abschaffung des Religionsunterrichts: „Gibt's mit mir nicht. Qualifizierter Religionsunterricht ist eine Chance auf vernünftige Integrierung. Deshalb wollen wir auch konfessionellen Islam-Unterricht, der sich den gleichen Regeln unterordnet wie der christliche.“

Auch die konfessionslose Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Janine Wissler, exponiert sich als Verteidigerin des „Rechts auf Religionsfreiheit“. Sie fordert sogar die Aufhebung des Kopftuchverbots für Lehrerinnen. Der Entwurf des Grundsatzprogramms, den der Erfurter Parteitag der Linkspartei im Oktober verabschieden soll, enthält die Forderung der Abschaffung des Religionsunterrichts nicht. Dort steht die Kompromissformel: „Schulen sollen Wissen über Religionen vermitteln und die wechselseitige Toleranz der Glaubensgemeinschaften fördern.“

Religionsunterricht als Integrationsschule

Laizisten, denen man in der SPD der katholischen Generalsekretärin Andrea Nahles noch nicht einmal zugesteht, sich als Arbeitskreis zu konstituieren, lehnen den Religionsunterricht des Grundgesetzes als Fremdkörper ab: Das Relikt der staatskirchlichen Privilegien hat sich in ihren Augen in die Zelle eines Staats im Staate verwandelt - das Klassenzimmer wird für die Dauer der Religionsstunde zum exterritorialen Gebiet, in dem ein konkurrierendes Gesetz verkündet wird. Schäfer-Gümbel deutet nun genau umgekehrt die Religionsunterrichtsgarantie als staatliches Instrument, mit dem erreicht werden soll, dass auch der Islam die für alle geltenden Regeln akzeptiert. Ausdrücklich spricht der in Gießen verwurzelte Sozialdemokrat, der anders als viele Genossen seine Konfession („römisch-katholisch getauft, heute evangelisch“) nicht als Privatsache behandelt, von Unterordnung.

Mit dem Stichwort der Integration benennt Schäfer-Gümbel die Zweckbestimmung des Religionsunterrichts, die die Begeisterung der Politiker für diese Erweiterung des Stundenplans erklärt. Man möchte fast von Heilserwartungen sprechen - oder doch von Heilungserwartungen. Thomas de Maizière gebrauchte als Bundesinnenminister eine medizinische Metapher, um dem Unterricht wissenschaftlich ausgebildeter Islamlehrer islamischen Bekenntnisses eine Aufgabe der Vorsorge zuzuweisen: die „wirksame Immunisierung“ gegen den Extremismus.

Grenzen staatlicher Einflussnahme

Heikel ist, dass der Staat sich gesellschaftspolitischen Segen, ja, die Stiftung sozialen Friedens von Unterrichtsinhalten versprechen soll, über die er nicht bestimmen darf. Nach Artikel 7 des Grundgesetzes „wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt“, und wegen der Trennung von Staat und Kirche kann nur die jeweilige Religionsgemeinschaft definieren, was ihre Grundsätze sind. Lehrpläne werden abgestimmt und wie in jedem anderen Fach als staatliche Normen erlassen, aber daraus darf kein Staatschristentum und kein Staatsjudentum entstehen und eben jetzt auch kein Staatsislam.

Die Politiker müssen ihre Forderungen an das neue Fach in indirekte Redeweisen kleiden. Es herrscht Einigkeit darüber, dass durch die universitäre Ausbildung der Religionslehrer ein Islam herauskommen soll, der mit Wunschbegriffen wie Euro-Islam umschrieben wird. Aber ein entsprechend spezifiziertes Glaubensbekenntnis darf nicht schon bei der Formulierung des Curriculums hineingesteckt werden. Bundesbildungsministerin Annette Schavan beweist in ihren Stellungnahmen eine Distinktionsfähigkeit, die man im besten Sinne scholastisch nennen darf. „Ich bin als Politikerin nicht befugt, einer Religion zu sagen, welcher Glaube gelehrt werden soll. Ich kann nur die Möglichkeit schaffen, in der Universität, also in der Wissenschaftsgesellschaft, Raum für die Entwicklung von Theologie zu geben. Die Erfahrung in Deutschland zeigt, dass Theologie einer Religion gut tut, dass sie klärend wirkt, aufklärend.“

Das Ziel der Zivilisierung und Rationalisierung des Islam, das der säkulare Staat nicht vorgeben darf, wird als voraussichtliche Wirkung des Religionsunterrichts beschrieben, abgeleitet aus dem Vergleichsfall des Christentums. Es ergibt religionssoziologischen Sinn, dass katholische Laienfunktionäre wie Brockmann und Frau Schavan hier so aktiv sind: Ihre kirchenreformerische Agenda deutet die säkularisierenden Wirkungen der Begegnung von Religion und moderner Gesellschaft zu Zielen des historischen Prozesses um; der Staat, der der Kirche entgegenkommt, fördert zwanglos ihre Anpassung an den Geist der Zeit. Wie die Päpste einst eine indirekte Gewalt in weltlichen Dingen beanspruchten, waltet im Raum der Entwicklung von Universitätstheologie, Militärseelsorge und Religionsunterricht die potestas indirecta des Verfassungsstaates.

Religionsunterricht, nach seinem politischen Nutzen befragt

Der Philosoph Hermann Lübbe hat in dieser Zeitung am 26. April die Gegenposition zu Frau Schavan vertreten und der staatlichen Regie der Theologenausbildung die aufklärende Wirkung abgesprochen. Die „gute politische Meinung“, die Muslime „mit Hilfe der Staatsschule an den Segnungen der Aufklärung teilhaben lassen“ wolle, verkenne die Rolle der Begrenzung und Entlastung der Politik, die den Religionen in Aufklärungsprozessen wirklich zufalle. „Religionen machen politische Aufklärung dauerhaft nicht über eine staatliche Unterrichtung über sie.“

Nach Lübbe ist die Hineinnahme in die staatliche Sphäre gar nicht im Interesse der Religionen, die sich dadurch verleiten lassen, ihr Selbstverständnis den staatlichen Erwartungen an ihre Nützlichkeit anzugleichen. Der jederzeit abwählbare Religionsunterricht erscheint auf der Stundentafel als funktionales Äquivalent zur Ethik und legt damit, so Lübbe, das Missverständnis nahe, in der Religion gehe es also hauptsächlich um Ethik oder, in Politikersprache, um Werte.

Liberale Muslime bevorzugt

Eine Variante dieses Kategorienfehlers begegnet jetzt bei Lamya Kaddor, der eloquenten und vielgefragten Schulbuchautorin und Lehrerin aus Duisburg. In zwei nahezu gleichlautenden Beiträgen im Deutschlandfunk und in der „Süddeutschen Zeitung“ hat Frau Kaddor die nordrhein-westfälische Landesregierung kritisiert, die den Beirat für den islamischen Bekenntnisunterricht, der im kommenden Schuljahr ordentliches Lehrfach werden soll, mit Vertrauenspersonen der großen Verbände besetzen will. Frau Kaddor sortiert das Feld der öffentlich mitredenden Muslime nach der Unterscheidung liberal/konservativ. Sie attackiert „junge Konservative“ in den Moscheegemeinden und rät den „politischen Entscheidungsträgern“ zur Umsicht: Sie sollen sich lieber mit liberalen Muslimen verbünden, so ist die Gründungsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes e.V. zu verstehen.

Wer einen liberalen Islam nicht für denkunmöglich hält, wird sich darunter etwas Erfreuliches vorstellen. Eine säkulare Öffentlichkeit muss auch versuchen, sich die islamische Geisteswelt, die ihr unbekannt ist, hilfsweise mit vertrauten Begriffen zu erschließen. Die Entgegensetzung von liberaler und konservativer Theologie ist in christlichen Reformdebatten gut eingeführt. Allerdings ist die Formel auch im christlichen Gebrauch schon eine Übertragung, die Übernahme einer Unterscheidung der weltlichen Politik, der Leitdifferenz des Parteienstreits in den Jahrzehnten nach der Französischen Revolution. Die analoge Verwendung der Losungen von Freisinn und Bewahrung zur Bezeichnung kirchlicher Fraktionen hatte damals ihren guten Sinn, weil die politischen Parteien besonders heftig über den Status der Kirche stritten und ihre Positionen auch theologisch erklärten.

Götz Aly hat soeben verkündet, die Stiftung der FDP dürfe nicht mehr nach Friedrich Naumann heißen. Der Vulgärindividualismus, mit dem Aly das begründet, mag hier auf sich beruhen. Aber tatsächlich ist der Pfarrerssohn Naumann eine anachronistische Figur: als Politiker und Theologe, bei dem alle politischen Handlungen eine Entsprechung im religiösen Reden hatten. FDP-Generalsekretär Christian Lindner interpretiert die Trennung von Staat und Kirche als wechselseitige Emanzipation: „Unser Zusammenleben ordnen weltliche Gesetze und nicht religiöse Gebote. Der liberale Verfassungsstaat steht nicht im Wettbewerb mit der Religion.“ Das heißt dann aber auch, dass „liberale“ Theologen nicht mehr die geborenen Verbündeten liberaler Politiker sind - weil „liberal“ in der Kirche und im Staat nicht dasselbe bedeuten muss.

Irrwege einer liberalen Theologie

Der auf Religionsfreiheit verpflichtete Staat kann eine freisinnige Koranauslegung nicht gegenüber einer bewahrenden bevorzugen. Es gibt aber ohnehin keine Garantie dafür, dass eine „liberale“, kreative und aktualisierende Hermeneutik „liberale“ Ergebnisse im Sinne politischer Verträglichkeit produzieren wird. Die Geschichte der christlichen liberalen Theologie enthält warnende Exempla: die Aussonderung des Alten Testaments oder die Vergötzung der Nation. Um den Lesern der „Süddeutschen Zeitung“ plausibel zu machen, was sie an den „Konservativen“ stört, muss Frau Kaddor selbst den Vergleich mit der politischen Welt bemühen: „Ein Teil der Muslime steht vor derselben Frage, die heute auch die CDU umtreibt: Was ist eigentlich konservativ? Man will das Alte bewahren, weiß aber nicht genau, was. Die mangelnde Selbstvergewisserung manifestiert sich in einer Dagegenhaltung. Die jungen Konservativen sind dagegen, dass sich der Islam verändert; was auch immer das heißt.“ Aber taugt die Gegenposition, die liberale CDU von Merkel und Schavan, denn wirklich zum Sinnbild gelingender, überlegter und mit Gründen erklärter Selbstvergewisserung?

Lamya Kaddor bringt mit ihren theologischen Argumenten, etwa zur Freiheit vom Kopftuch, regelmäßig sowohl Verbandsfunktionäre als auch Islamkritiker in Bedrängnis. Aber mit dem liberalen Islam, den sie gegen das Phantombild der „jungen Konservativen“ setzt, umreißt sie keine sachliche Position, sondern eine Funktionsstelle: Es gibt Muslime, die als Vermittlungstheologen nach dem Geschmack von Annette Schavan zur Verfügung stehen.

Der undogmatische Denkansatz bringt es mit sich, dass man den liberalen Theologen am Habitus erkennt. Wenn Lamya Kaddor ihren konservativen Altersgenossen, die sie als gebildet und wortmächtig vorgestellt hat, ein „diffuses, von theologischem Halbwissen gezeichnetes Bild von Religion“ bescheinigt, meint man den Originalton Friedrich Wilhelm Grafs zu hören. Der Kritik Grafs an seiner protestantischen Kirche, ihren Sünden wider den akademischen Geist, wurde in der Kirche zuletzt kaum noch Resonanz zuteil. Es wird von Mitgliederzahl und Ausstrahlung des Liberal-Islamischen Bundes abhängen, ob die Landesregierungen auch diesen Verein zur Mitwirkung bei der Formulierung von Grundsätzen für den Religionsunterricht einladen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3