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Islamischer Bekenntnisunterricht : Die Religion in den Grenzen des Klassenzimmers

Lasst mich nur auf meinem Schulstuhl gelten! Lamya Kaddor erzieht Hauptschüler in Dinslaken zum Freisinn. Bild: Edgar Schoepal

Eine ganz große Koalition erwartet Wunderdinge vom islamischen Bekenntnisunterricht. Muslime, die sich liberal nennen, wollen dem Staat beim Lehrplanschreiben die Feder führen. Im Interesse der Aufklärung?

          An den islamischen Religionsunterricht in der staatlichen Schule richten sich hohe Erwartungen. Dieses Projekt wird mittlerweile von einer ganz großen Koalition getragen. Vor dem Hintergrund der Geschichte ist diese Tatsache verblüffend. In den großen schulpolitischen Kontroversen schieden sich am Platz der Religion in der Schule die Geister der ideologischen Milieus. Länder, mit denen sich Deutschland zu vergleichen liebt, wie Frankreich und die Vereinigten Staaten, kennen den staatlichen Religionsunterricht nicht.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die „Neue Zürcher Zeitung“ machte unlängst das Scheitern der Westerwelle-FDP in der Regierung Merkel daran fest, dass der Religionsunterricht noch nicht abgeschafft wurde. Abgesehen davon, dass dafür der Bundesgesetzgeber nicht zuständig ist, versteht die FDP sich aber gar nicht mehr als Sammlungsbewegung der Antiklerikalen. Bezeichnenderweise war es der evangelische liberale Theologe Friedrich Wilhelm Graf, der kürzlich in der „Wirtschaftswoche“ bedauernd auf diesen zur gesamtgesellschaftlichen Säkularisierung scheinbar gegenläufigen Sinneswandel einer politischen Organisation hinwies.

          Thomas Dehler, auch im Geistespolitischen der Antipode Adenauers, würde sich in der nach ihm benannten Bundesgeschäftsstelle seiner Partei nicht mehr zu Hause fühlen. Wenn Florian Rentsch, der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Wiesbadener Landtag, den Beweis führen möchte, dass seine Partei das Programm der Regierung Bouffier prägt, verweist er auf die Absicht, ein Gesetz über den Religionsunterricht für Muslime zu machen.

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          Verkehrte Welt in Hessen

          Tatsächlich hatte sich die hessische CDU dagegen lange gesträubt, unter dem Einfluss ihres Bildungspolitikers Hans-Jürgen Irmer, der in Wetzlar eine islamfeindliche Gratiszeitung verlegt. Heute arbeitet unter der FDP-Kultusministerin Dorothea Henzler ein christdemokratischer Staatssekretär, der aus Niedersachsen abgeworben wurde: Heinz-Wilhelm Brockmann, der von den katholischen Bischöfen als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken abgelehnt wurde, war in der Ära Wulff im Kultusministerium für den „Runden Tisch“ zur Vorbereitung des islamischen Religionsunterrichts zuständig.

          Verkehrte Welt: In Wiesbaden wirft die linke Opposition den FDP-Ministern vor, die Sache der religiösen Unterweisung nicht energisch genug voranzutreiben. Der hessische SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel, ein Mann vom linken Flügel, sagte auf die Frage der „Bild“-Zeitung nach einer Abschaffung des Religionsunterrichts: „Gibt's mit mir nicht. Qualifizierter Religionsunterricht ist eine Chance auf vernünftige Integrierung. Deshalb wollen wir auch konfessionellen Islam-Unterricht, der sich den gleichen Regeln unterordnet wie der christliche.“

          Auch die konfessionslose Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Janine Wissler, exponiert sich als Verteidigerin des „Rechts auf Religionsfreiheit“. Sie fordert sogar die Aufhebung des Kopftuchverbots für Lehrerinnen. Der Entwurf des Grundsatzprogramms, den der Erfurter Parteitag der Linkspartei im Oktober verabschieden soll, enthält die Forderung der Abschaffung des Religionsunterrichts nicht. Dort steht die Kompromissformel: „Schulen sollen Wissen über Religionen vermitteln und die wechselseitige Toleranz der Glaubensgemeinschaften fördern.“

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