18.08.2009 · Untriste Tropen: Zwei Geisteswissenschaftler aus Princeton haben beim Rüstungsriesen Lockheed einen Antrag auf Förderung von Ironieforschung gestellt. Das Potential der Geisteswissenschaften, Konflikte einzudämmen, bekomme nicht genug Aufmerksamkeit.
Von Anna GielasKann man für die Aufwertung von Geisteswissenschaften plädieren und im gleichen Atemzug über ihre Bedeutungslosigkeit spotten? Ja, mit Hilfe der Ironie, wie zwei Professoren an der Princeton-Universität in einem kurzen Text gezeigt haben. Er erschien in der Juli-Ausgabe des amerikanischen Magazins „Harper's“.
Der Text war ursprünglich als Beitrag zu einer Ausschreibung des Rüstungs- und Technologiekonzerns Lockheed Martin eingereicht worden. Der drittgrößte Militärdienstleister der Welt hält an akademischen Einrichtungen regelmäßig nach vermarktungsfähigen Forschungsideen Ausschau. Obgleich die Ausschreibungen generell die Teilnahme geisteswissenschaftlicher Disziplinen einbeziehen und Lockheed Martin ausgesuchte Projekte nicht selten über mehrere Jahre mit Summen bis zu einer Million Dollar jährlich finanziert, erreichen den Rüstungsriesen größtenteils Projektvorschläge aus den technischen und naturwissenschaftlichen Fakultäten. Dabei sind Geisteswissenschaften im Kontext des „Human Terrain System“ (HTS) nicht nur bei Lockheed Martin gefragt, sondern auch seitens des amerikanischen Militärs. Das HTS stellt Offizieren in Konfliktländern Teams von Anthropologen und anderen Geisteswissenschaftlern zur Seite, die das militärische Führungspersonal beispielsweise bei der Kommunikation mit dortigen Einwohnern beraten.
Der Mensch bleibt ein Rätsel
Doch unter amerikanischen Geisteswissenschaftlern wurde zeitweilig die Kritik laut, die Zusammenarbeit führe zu der Instrumentalisierung einiger geisteswissenschaftlicher Gebiete für umstrittene militärische und geostrategische Zwecke. Als Lockheed Martin im April die Ausschreibung an der Princeton-Universität bekanntgab, war es daher überraschend, dass nebst den üblichen Verdächtigen auch Geisteswissenschaftler Graham Burnett, Professor für Geschichte, und Literaturdozent Jeffrey Dolven mit einem Projektvorschlag reagierten.
Die Autoren betonten in ihrem Beitrag, dass trotz der technologischen Erfindungen und Verfeinerungen der eigentliche Kern jedes Konfliktes, der Mensch, ein Rätsel bleibe, das die Wissenschaften vom Menschen unerlässlich mache. „Wir Geisteswissenschaftler verfügen über essentielles Wissen, beispielsweise, dass der Sprache, Kultur und Geschichte eine große Rolle in Konflikten zukommt und Gewalt als herstellende oder restaurative Kraft nur eine äußerst begrenzte Wirksamkeit besitzt“, erklärt Burnett. Das Potential der Geisteswissenschaften, Einblicke in die zahlreichen Ausprägungen von Konflikten zu gewähren und Vorschläge zu ihrer Eindämmung zu formulieren, bekomme von dem Rüstungskonzern sowie den Geostrategen in Washington nicht genug Aufmerksamkeit.
Das friedensstiftende Potential der Sprache
Die Juniorprofessoren holten daher in ihrem 750 Wörter langen Ausschreibungsbeitrag eine der schönsten Referenzen der Geisteswissenschaften hervor: die Erforschung des friedensstiftenden Potentials der Sprache. Anstatt zur weiteren Technologisierung der Konfliktaustragung beizutragen, wollten sie die von Lockheed Martin gestellten Mittel in die Verbesserung der Kommunikation investieren. Und da die Ironie Konfliktpotential für Verständigung birgt, schlugen sie die wissenschaftliche Untersuchung der Ironie vor. Aber nicht allen Ernstes. Noch im selben Paragraphen - was für Autoren so gut wie derselbe Atemzug ist -, in dem sie zugunsten der Geisteswissenschaften plädiert hatten, erklärten sie, ein globales enzyklopädisches Verzeichnis aller bekannten Strukturen und Strategien von Ironie solle her.
Der ernste Scherz, wie Goethe Ironie bezeichnete, manifestiert sich unter anderem als literarisches Mittel, dessen Plastizität Burnett und Dolven Raum bot, den Vorschlag einer Sisyphosarbeit zu verbalisieren, ohne den ernsten Unterton ihrer Fürsprache zugunsten der Geisteswissenschaften und ihres wenig beachteten Konfliktbewältigungspotentials einzubüßen. „Ironie hat seitens der Forschung noch nicht ausreichend Aufmerksamkeit bekommen“, schrieben sie. Ein Grund hierfür ist die Komplexität des Mittels. Als der Widerspenstigen Zähmung erweist sich bereits der Versuch, literarische Ironie in ihren zahlreichen Manifestierungen zu kategorisieren. Grob generalisierend kann sie in die sokratische, tragische und - wie im Falle Dolvens und Burnetts - die rhetorische Ironie unterteilt werden. Dank der rhetorischen Ironie konnte beispielsweise der englische Dichter John Donne seine sexuellen innuendos bereits im 16. Jahrhundert scharfsinnig tarnen. Mit Hilfe der tragischen Ironie war William Shakespeare in der Lage, seinen König Lear an dessen Missurteil zugrunde gehen zu lassen, nämlich der Verstoßung Cordelias, die ihn als einzige seiner Töchter aufrichtig liebte. Auf der Basis sokratischer Ironie, die heute eher als Diskursstrategie denn stilistisches Mittel verstanden werden darf, führten wiederum Philosophen der Antike ihren Dialogpartnern die Widersprüche ihrer Gedankengänge vor Augen. Das taten sie ausschließlich durch das Stellen von Fragen.
Was wäre Dichtung?
Mit Sokrates wie auch seinem Schüler Platon nahm literarische Ironie ihren Anfang: Als eiron (der Verdreher) tauchte der Ironiker erstmals in der Literatur, genauer, in Platons „Republik“, auf. Die Bezeichnung „sokratische Ironie“ ist bis heute erhalten, weil Platon den eiron in seinem Werk Sokrates getauft hatte.
Ihr wissenschaftlich schwer zu erfassender Charakter vermochte die Beliebtheit und häufige Anwendung der Ironie in Prosa, Drama und Poesie nicht zu schmälern - auch hierzulande. So machte beispielsweise Thomas Mann Ironie zum Gravitationszentrum seines Schaffens: „Was wäre Dichtung, wenn nicht Ironie?“ Ein Echo seiner Frage findet sich auch bei Dolven und Burnett. Die rational verfremdende und provozierende Wort- und Gedankenparadoxie der Ironie erlaubt ihnen, sich über das subjektive Begreifen der Wirklichkeit zu erheben und es mit einem Pluralismus von Perspektiven und Gedankengängen zu konfrontieren. „In der Ironie ist das Subjekt negativ frei, denn die Wirklichkeit, welche ihm Inhalt geben soll, ist nicht vorhanden. Diese Freiheit verleiht dem Ironiker einen Enthusiasmus, indem er sich an der Unendlichkeit der Möglichkeiten berauscht“, schrieb Kierkegaard 1841 in „Über den Begriff der Ironie. Mit ständiger Rücksicht auf Sokrates“.
Auch Burnett und Dolven laben sich an der „Unendlichkeit der Möglichkeiten“ mit ihrer Forderung nach der Entwicklung sogenannter Irony Kits (Ironie-Sets): Die Wissenschaftler wollen mit ihrer Hilfe den Ironiker anhand von Speichelproben auf frischer Tat überführen. Das eigentliche Verdienst der literarischen Ironie liegt jedoch weniger in der Vielzahl der (absurden) Ideen, die sie zulässt, als vielmehr in der Kommunikationsstrategie, die sie ermöglicht: Sie erlaubt Dolven und Burnett den Unterton einer Schelte, einer Kritik an der Instrumentalisierung des geisteswissenschaftlichen Wissens im geostrategischen Bereich, und mahnt zur Beachtung des vielseitigen Potentials der Geisteswissenschaften.
Goethe erklärt einmal, wann Ironie als pädagogisches Mittel gefragt ist: Wenn ein Missstand seinen provozierenden Charakter einbüßt, solle man „sich durch Ironie darüber erheben - und ihm dadurch die Eigenschaft des Problems erhalten“. Die Ausschreibung von Lockheed Martin bot Dolven und Burnett die Möglichkeit, einen solchen Missstand - cum grano ironiae - nicht allzu ernst und doch erhellend zu betrachten.