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Internet-Vorträge Ich sag dir, es ist hart, so hart im Showgeschäft

10.11.2009 ·  Neue Bühnen für die Lehre: Im Internet werden wissenschaftliche Vorträge und das archiviert, was man inzwischen „Präsentationen“ nennt. Ist das die Zukunft der Universität? Oder jedenfalls die der Vorlesung?

Von Jürgen Kaube
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Auch an der universitären Lehre geht die Existenz von neuen Medien nicht vorbei. Noch scheint unklar, ob sie zu mehr Interaktivität oder zu mehr Interpassivität führen. Lassen sich bilderreiche Kommunikation und Fernwirkung nutzen, um Lehre interessanter zu machen, die Auswahlmöglichkeiten für Studierende zu erhöhen und auf die Umstände der Anwesenheit zu verzichten? Oder begünstigen sie Orientierungslosigkeit und das bloße Gefühl des Gelernthabens aufgrund des interaktionsfreien Zugehörthabens? Unter Webadressen wie videolectures.net, yovisto.com, world-lecture-project.org oder lernfunk.de finden sich jedenfalls seit Längerem schon wissenschaftliche Vorträge und das archiviert, was man inzwischen „Präsentationen“ nennt. Ist das die Zukunft der Universität? Oder jedenfalls die der Vorlesung?

Die Theaterwissenschaftlerin Sibylle Peters hat sich jetzt Gedanken über diese Form der Mitteilung gemacht („Motivational Lectures. Vorträge im Internet“, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, Heft1/2009). Dabei weist sie auf einen Unterschied zwischen der Vorlesung hin, die im Hörsaal gehört wird, und der im Internet aufgerufenen: Die Ablenkungsanfälligkeit. „Ist der User vorstellbar, der 73 Minuten vor dem Bildschirm sitzt, um sich – bestenfalls in Postkartenformat – eine bewegte Büste an einem Rednerpult anzusehen, die über das Verhalten bestimmter Neurotransmitter referiert?“ Ist, mit anderen Worten, der Nachteil der klassischen Vorlesung, nicht jederzeit, nicht mit Unterbrechungen und auch nicht zugleich mit Musik wahrgenommen werden zu können, nicht in Wahrheit vielleicht doch ein Vorteil?

Keine Improvisationen möglich

Ein anderer Gesichtspunkt ist die Wirkung der Aufzeichnung auf die Aufgezeichneten. Die Dokumentation von Vorträgen überliefert Darstellungsqualitäten. Aber es sind nicht unbedingt die des Vortrages selber. Was der Vortragende im Hörsaal zeigt – sei es auf Folien, sei es an Diaprojektionen oder an Objekten –, geht nicht oder nur mühsam in den Film ein, der von seinem Vortrag angefertigt wird. Auch sind die Improvisationen des guten Vortragenden solche, die auf das reagieren, was ihm an seinem Publikum auffällt. Aber das Online-Publikum sieht er nicht. Es sind andere Schauspiele, die auf einer Bühne und vor einer Kamera aufgeführt werden.

Also wäre, soll das neue Medium genutzt werden, es nötig, die Vorträge eigens auf seine spezifischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten hin zu entwerfen. Von den in dieser Hinsicht fortgeschrittenen Online-Dokumentationen der „Technology – Entertainment – Design“-Konferenz (www.ted.com) hält die Autorin fest, dass hier die Vortragenden selber als Verkörperung dessen in Szene gesetzt werden, was sie vortragen, gewissermaßen als Markenamen in einer Welt, in der es um das Abliefern einer „guten Performance“ geht: mitreißend, motivierend, witzig. Der Animator tritt vor den Autor.

Das führt zuletzt auf eine Eigenschaft vieler akademischer Vorträge, die dem Verlangen nach einer überzeugenden Show die offene Flanke bietet: ihr Abgelesenwerden. Bestanden Vorlesungen einst darin, dass fremder Leute Bücher vorgelesen wurden, so ist es nicht viel besser dadurch, dass es inzwischen oft nicht mehr als die eigenen Bücher und Aufsätze der Forscher sind, die zum Vortrag kommen. Vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften herrscht das Ideal des „ausgearbeiteten“ Vortrags. Der aber braucht im Grunde keine Hörer, sondern nur Leser. Die gute Vorlesung hingegen ist eine, von der man sich die schriftliche Fassung gerade deshalb wünscht, weil ihr selber keine schriftliche Fassung zugrunde lag. Die Online-Performance, von der man sich gar keine Schriftfassung vorstellen kann, weil ihre Qualitäten ausschließlich in dem bestehen, was nie Text zu werden vermag, ist dem wissenschaftlichen Unterricht genau so fremd.

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