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Veröffentlicht: 19.08.2012, 11:22 Uhr

Interdisziplinarität Wir schenken euch die Neuronen gerne

Am lautesten rufen nicht Wissenschaftler, sondern Drittmittelgeber und Politiker nach grenzüberschreitender Forschung. Doch wer sagt eigentlich, dass die beste aller Welten interdisziplinär ist?

von Peter Geimer
© dpa Friedrich Kittler forderte 1980 die „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“. Doch sind die Grenzen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften wirklich immer überwindbar?

Was Karl Valentin über die Kunst gesagt hat, gilt auch für die Interdisziplinarität: Sie ist schön, macht aber viel Arbeit. Sie ist notwendig und sinnvoll, weil es Themen gibt, die innerhalb von Disziplinengrenzen nicht zufriedenstellend bearbeitet werden können. Sie macht aber auch viel Arbeit, weil jeder Zusammenschluss verschiedener Disziplinen eine Verständigung darüber voraussetzt, unter welchen Bedingungen eine gemeinsame Forschungsperspektive überhaupt gefunden werden kann. Es reicht nicht aus, den vermeintlich „selben“ Gegenstand zu haben, da man zwar oft dieselben Begriffe verwendet, aber sehr Unterschiedliches damit meint. Außerdem wäre einmal die scheinbar selbstverständliche Voraussetzung zu befragen, dass die Überwindung von Differenzen in jedem Fall produktiver ist als eine friedliche Koexistenz verschiedener Disziplinen, Methoden und Erkenntnisinteressen.

Wohl am deutlichsten lassen sich diese Zusammenhänge am Verhältnis der Geistes- und Kulturwissenschaften zu den Naturwissenschaften studieren. Über dieses Verhältnis kann man viel von der Wissenschaftsgeschichte lernen, die vor allem die Geschichte und Theorie der Naturwissenschaften zum Gegenstand hat, selbst aber keine Naturwissenschaft ist. Die wegweisenden Arbeiten der vergangenen Jahrzehnte zur Funktionsweise von Experimentalsystemen, zur Geschichte der Objektivität oder zur Kulturgeschichte des Gehirns wurden in enger Anlehnung an das historische Fachwissen der beschriebenen Naturwissenschaften entwickelt. Methodisch folgen die Autoren dabei den Perspektiven geistes- und kulturwissenschaftlicher Forschung: Historisierung, Analyse von Texten, Praktiken, Begriffen oder sozialen Prozessen.

Hardware des Denkens

Die Prägnanz dieser Arbeiten beruht darauf, dass sie gerade nicht die Methoden der von ihnen beschriebenen Fächer übernehmen, sondern deren Praxis aus der analytischen und historischen Distanz einer anderen Disziplin heraus beobachten. Wenn man solche Forschungen als interdisziplinär bezeichnen möchte, dann sind sie es jedenfalls nicht in dem Sinne, dass hier Methoden und Forschungsgegenstände so nahe wie möglich einander angenähert würden.

Ein anderes Beispiel: In einer berühmt gewordenen Aufsatzsammlung beschwor der Germanist Friedrich Kittler 1980 die „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“. Kittler zielte auf eine Umorientierung der Literaturwissenschaft, die sie nicht länger in der Tiefe der Texte nach den verborgenen Botschaften ihrer Schöpfer suchen ließ, sondern solche Lektüren als ein Produkt historischer Speichertechniken, Verwaltungen und Bürokratien kenntlich machte.

Unverbindliches Wohlwollen

Zehn Jahre später, vom Germanisten zum Medienwissenschaftler geworden, setzte Kittler dieses Unternehmen mit der Analyse der numerischen und algebraischen Schriften des Computerzeitalters fort und begann, schließlich selbst zu programmieren. Aber auch mit dieser noch konsequenteren Hinwendung zur Hardware des Denkens war niemals der Aufruf verbunden, das Lesen und Schreiben von Texten künftig einzustellen und die Beschreibung der neuen Aufschreibesysteme ihrerseits im Assemblercode zu verfassen. Die Forschung fand nach wie vor im Schreiben von Texten ihren Ausdruck und die Wegbegleiter waren Foucaults Diskursanalyse und der seinsgeschichtliche Entwurf Martin Heideggers.

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