Was Karl Valentin über die Kunst gesagt hat, gilt auch für die Interdisziplinarität: Sie ist schön, macht aber viel Arbeit. Sie ist notwendig und sinnvoll, weil es Themen gibt, die innerhalb von Disziplinengrenzen nicht zufriedenstellend bearbeitet werden können. Sie macht aber auch viel Arbeit, weil jeder Zusammenschluss verschiedener Disziplinen eine Verständigung darüber voraussetzt, unter welchen Bedingungen eine gemeinsame Forschungsperspektive überhaupt gefunden werden kann. Es reicht nicht aus, den vermeintlich „selben“ Gegenstand zu haben, da man zwar oft dieselben Begriffe verwendet, aber sehr Unterschiedliches damit meint. Außerdem wäre einmal die scheinbar selbstverständliche Voraussetzung zu befragen, dass die Überwindung von Differenzen in jedem Fall produktiver ist als eine friedliche Koexistenz verschiedener Disziplinen, Methoden und Erkenntnisinteressen.
Wohl am deutlichsten lassen sich diese Zusammenhänge am Verhältnis der Geistes- und Kulturwissenschaften zu den Naturwissenschaften studieren. Über dieses Verhältnis kann man viel von der Wissenschaftsgeschichte lernen, die vor allem die Geschichte und Theorie der Naturwissenschaften zum Gegenstand hat, selbst aber keine Naturwissenschaft ist. Die wegweisenden Arbeiten der vergangenen Jahrzehnte zur Funktionsweise von Experimentalsystemen, zur Geschichte der Objektivität oder zur Kulturgeschichte des Gehirns wurden in enger Anlehnung an das historische Fachwissen der beschriebenen Naturwissenschaften entwickelt. Methodisch folgen die Autoren dabei den Perspektiven geistes- und kulturwissenschaftlicher Forschung: Historisierung, Analyse von Texten, Praktiken, Begriffen oder sozialen Prozessen.
Hardware des Denkens
Die Prägnanz dieser Arbeiten beruht darauf, dass sie gerade nicht die Methoden der von ihnen beschriebenen Fächer übernehmen, sondern deren Praxis aus der analytischen und historischen Distanz einer anderen Disziplin heraus beobachten. Wenn man solche Forschungen als interdisziplinär bezeichnen möchte, dann sind sie es jedenfalls nicht in dem Sinne, dass hier Methoden und Forschungsgegenstände so nahe wie möglich einander angenähert würden.
Ein anderes Beispiel: In einer berühmt gewordenen Aufsatzsammlung beschwor der Germanist Friedrich Kittler 1980 die „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“. Kittler zielte auf eine Umorientierung der Literaturwissenschaft, die sie nicht länger in der Tiefe der Texte nach den verborgenen Botschaften ihrer Schöpfer suchen ließ, sondern solche Lektüren als ein Produkt historischer Speichertechniken, Verwaltungen und Bürokratien kenntlich machte.
Unverbindliches Wohlwollen
Zehn Jahre später, vom Germanisten zum Medienwissenschaftler geworden, setzte Kittler dieses Unternehmen mit der Analyse der numerischen und algebraischen Schriften des Computerzeitalters fort und begann, schließlich selbst zu programmieren. Aber auch mit dieser noch konsequenteren Hinwendung zur Hardware des Denkens war niemals der Aufruf verbunden, das Lesen und Schreiben von Texten künftig einzustellen und die Beschreibung der neuen Aufschreibesysteme ihrerseits im Assemblercode zu verfassen. Die Forschung fand nach wie vor im Schreiben von Texten ihren Ausdruck und die Wegbegleiter waren Foucaults Diskursanalyse und der seinsgeschichtliche Entwurf Martin Heideggers.
Die Beispiele zeigen, dass auch dort, wo sich die Forschungsgegenstände verschiedender Disziplinen einander annähern, noch keine Annäherung der Methoden, Arbeitsformen und Erkenntnisinteressen vorliegen muss. Im idealen Fall kommt es zu einer Zusammenarbeit, aus der alle Disziplinen verändert hervorgehen, oftmals stellt sich aber einfach jene Form von Interesse und unverbindlichem Wohlwollen ein, die der Philosoph Winfried Löffler als „Nice-to-know-Interdisziplinarität“ bezeichnet. Sie führt zur Horizonterweiterung und zur Einsicht in die Relativität der eigenen Disziplin, hinterlässt aber letztlich vor allem den „unbefriedigenden Eindruck der bloß additiven Zusammenstellung verschiedener Erkenntnisfragmente“ - es war interessant, davon gehört zu haben, aber die eigenen Forschungen bleiben davon unberührt.
Der Preis der Vernetzung
Andere Resultate grenzüberschreitender Forschung sind hingegen nicht einmal „nice to know“. Die Frage, welchen Beitrag das Verhalten von Neuronen zum besseren Verständnis von Kunst leisten soll, wurde bislang noch nicht beantwortet. Selbst wenn sich eines Tages tatsächlich sagen ließe, welche neuronalen Prozesse das Betrachten eines kubistischen Gemäldes im orbitofrontalen Cortex einer Testperson auslöst, wäre aus kunstwissenschaftlicher Sicht noch immer unklar, wozu dieses Wissen eigentlich gut sein soll. Versuche, wie sie im Umfeld empirischer Ästhetik betrieben werden, liefern jede Menge Messwerte, aber an das Nachdenken über Kunst sind sie schlicht nicht anschließbar, weil sie einer grundsätzlich anderen Heuristik folgen.
“Wer hätte sich je Gedanken darüber gemacht, dass die disziplinären Vorstellungen von einer ,wissenschaftlichen Veröffentlichung’ so voneinander abweichen, dass es fast unmöglich ist, gemeinsam einen Text zu verfassen?“, fragte vor einigen Jahren der Sozialwissenschaftler Harald Welzer. Tatsächlich ist das Publizieren in „reviewed journals“ die einer klaren Rangordnung folgen, nicht in allen Wissenschaften üblich und sinnvoll. Auch die Dominanz des Englischen wirkt sich in den Disziplinen sehr unterschiedlich aus. Während es in den Naturwissenschaften in der Regel unproblematisch ist, Ergebnisse auf Englisch zu publizieren, verhält es sich im Fall der Geisteswissenschaften grundsätzlich anders: Das Schreiben dient hier nicht dem Notieren von Ergebnissen, sondern ist integraler Bestandteil der Arbeit. Durch Übersetzung kommt ein anderer Text heraus, so dass die größere Anschlussfähigkeit und Verbreitung durch einen Verlust an Nuancen erkauft ist.
Interdisziplinarität hat sich also zu Recht etabliert. Für viele Fragestellungen ist sie unentbehrlich. Sie setzt aber immer wieder neu das Nachdenken über die Bedingungen voraus, unter denen sie sinnvoll praktizierbar ist. Es gibt eine Schwelle, an der die Betonung allseitiger Anschließbarkeit und Vernetzbarkeit ein Verwischen produktiver Differenzen bewirkt und nicht zur Konturierung, sondern zum Konturverlust der Disziplinen führt.