http://www.faz.net/-gqz-723vm

Interdisziplinarität : Wir schenken euch die Neuronen gerne

  • -Aktualisiert am

Friedrich Kittler forderte 1980 die „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“. Doch sind die Grenzen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften wirklich immer überwindbar? Bild: dpa

Am lautesten rufen nicht Wissenschaftler, sondern Drittmittelgeber und Politiker nach grenzüberschreitender Forschung. Doch wer sagt eigentlich, dass die beste aller Welten interdisziplinär ist?

          Was Karl Valentin über die Kunst gesagt hat, gilt auch für die Interdisziplinarität: Sie ist schön, macht aber viel Arbeit. Sie ist notwendig und sinnvoll, weil es Themen gibt, die innerhalb von Disziplinengrenzen nicht zufriedenstellend bearbeitet werden können. Sie macht aber auch viel Arbeit, weil jeder Zusammenschluss verschiedener Disziplinen eine Verständigung darüber voraussetzt, unter welchen Bedingungen eine gemeinsame Forschungsperspektive überhaupt gefunden werden kann. Es reicht nicht aus, den vermeintlich „selben“ Gegenstand zu haben, da man zwar oft dieselben Begriffe verwendet, aber sehr Unterschiedliches damit meint. Außerdem wäre einmal die scheinbar selbstverständliche Voraussetzung zu befragen, dass die Überwindung von Differenzen in jedem Fall produktiver ist als eine friedliche Koexistenz verschiedener Disziplinen, Methoden und Erkenntnisinteressen.

          Wohl am deutlichsten lassen sich diese Zusammenhänge am Verhältnis der Geistes- und Kulturwissenschaften zu den Naturwissenschaften studieren. Über dieses Verhältnis kann man viel von der Wissenschaftsgeschichte lernen, die vor allem die Geschichte und Theorie der Naturwissenschaften zum Gegenstand hat, selbst aber keine Naturwissenschaft ist. Die wegweisenden Arbeiten der vergangenen Jahrzehnte zur Funktionsweise von Experimentalsystemen, zur Geschichte der Objektivität oder zur Kulturgeschichte des Gehirns wurden in enger Anlehnung an das historische Fachwissen der beschriebenen Naturwissenschaften entwickelt. Methodisch folgen die Autoren dabei den Perspektiven geistes- und kulturwissenschaftlicher Forschung: Historisierung, Analyse von Texten, Praktiken, Begriffen oder sozialen Prozessen.

          Hardware des Denkens

          Die Prägnanz dieser Arbeiten beruht darauf, dass sie gerade nicht die Methoden der von ihnen beschriebenen Fächer übernehmen, sondern deren Praxis aus der analytischen und historischen Distanz einer anderen Disziplin heraus beobachten. Wenn man solche Forschungen als interdisziplinär bezeichnen möchte, dann sind sie es jedenfalls nicht in dem Sinne, dass hier Methoden und Forschungsgegenstände so nahe wie möglich einander angenähert würden.

          Ein anderes Beispiel: In einer berühmt gewordenen Aufsatzsammlung beschwor der Germanist Friedrich Kittler 1980 die „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“. Kittler zielte auf eine Umorientierung der Literaturwissenschaft, die sie nicht länger in der Tiefe der Texte nach den verborgenen Botschaften ihrer Schöpfer suchen ließ, sondern solche Lektüren als ein Produkt historischer Speichertechniken, Verwaltungen und Bürokratien kenntlich machte.

          Unverbindliches Wohlwollen

          Zehn Jahre später, vom Germanisten zum Medienwissenschaftler geworden, setzte Kittler dieses Unternehmen mit der Analyse der numerischen und algebraischen Schriften des Computerzeitalters fort und begann, schließlich selbst zu programmieren. Aber auch mit dieser noch konsequenteren Hinwendung zur Hardware des Denkens war niemals der Aufruf verbunden, das Lesen und Schreiben von Texten künftig einzustellen und die Beschreibung der neuen Aufschreibesysteme ihrerseits im Assemblercode zu verfassen. Die Forschung fand nach wie vor im Schreiben von Texten ihren Ausdruck und die Wegbegleiter waren Foucaults Diskursanalyse und der seinsgeschichtliche Entwurf Martin Heideggers.

          Weitere Themen

          Koscher in Brooklyn Video-Seite öffnen

          Orthodoxe Juden in New York : Koscher in Brooklyn

          Die größte Gemeinde von orthodoxen Juden außerhalb Israels lebt mitten in New York. Es ist eine ganz eigene Welt, die sich abschottet und immer konservativer wird.

          Topmeldungen

          Janet Yellen ist die Chefin der amerikanischen Notenbank Federal Reserve

          Historische Wende : Fed dreht den Geldhahn langsam zu

          Die Federal Reserve gibt den Einstieg in den Austieg bekannt. Die Stimulierung der Märkte soll nach und nach zurückgefahren werden. Es geht um Anleihen im Wert von knapp 4,5 Billionen Dollar.
          Polizeikräfte stehen vor dem durchsuchten Wirtschaftsministerium, während ein Demonstrant pro-separatistische Schilder zeigt.

          Festnahmen in Katalonien : Stimmzettel beschlagnahmt

          Die spanische Guardia Civil beschlagnahmt mehrere Millionen Wahlzettel für das geplante Referendum zur katalanischen Unabhängigkeit. In Barcelona demonstrierten mehrere Tausend Menschen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.