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Institutsbesuch Wie Ethiklehrer ausgebildet werden

02.05.2009 ·  In Berlin hat Pro Reli eine Niederlage erlitten; Ethikunterricht ist weiter im Aufwind. Doch wie werden eigentlich die Ethiklehrer ausgebildet? Wie sieht ihr Studienfach aus? Ein Besuch im Institut für Vergleichende Ethik an der Freien Universität Berlin.

Von Katharina Teutsch
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Der Berliner Religionsstreit hatte das Forum erreicht. Auf dem Wochenmarkt am Kollwitzplatz verteilten emsige SPD-Helfer Broschüren mit Gründen, beim Volksentscheid am 26. April für die Beibehaltung des Pflichtschulfachs Ethik zu stimmen. Nach dem Ehrenmord an der Deutschtürkin Hatun Sürücü hatte sich der Berliner Senat 2006 zu einer Änderung des Schulgesetzes durchgerungen. Ein einheitlicher Werteunterricht sollte bekenntnis- und weltanschauungsneutral dort Einheit stiften, wo die Realität erschütternd aufs Gegenteil wies. Jetzt schien es, als könnte die Initiative Pro Reli den gerade erst entstehenden Wertebund gefährden. Sie konnte nicht.

Mit einer bemerkenswerten Kampagne gelang es Pro Reli zwar, mehr als 300.000 Stimmen gegen das Pflichtfach Ethik zu sammeln und einen Volksentscheid zu erzwingen. Sie wollte Wahlfreiheit zwischen den Bekenntnisfächern Religion und Humanistische Lebenskunde und dem weltanschauungsneutralen Ethikunterricht - aber sie unterlag. Im Streit darum ist in den vergangenen Monaten viel Porzellan zerschlagen worden. Immer wieder haben sachfremde Interessen den Blick auf die tatsächlichen Schauplätze, etwa die Schule, verstellt. Und kaum jemand weiß eigentlich genau, was Ethikunterricht ist und wer ihn unterrichtet.

Weltanschauungsneutral heißt nicht wertneutral

An der Freien Universität werden seit dem Wintersemester 2007/08 Ethiklehrer ausgebildet, die eines Tages versuchen sollen, die zuweilen tiefen weltanschaulichen Gräben zwischen jungen Christen, Muslimen oder religiös Uninteressierten in den Klassen 7 bis 10 mit freiheitlich-solidarischem Gedankengut zu füllen. Professor Michael Bongardt gestaltet am Institut für Vergleichende Ethik einen Lehrplan für das umstrittene Fach, der das Vorurteil vom Ethikunterricht als einer atheistischen Interessenvertretung widerlegt: „Das Fach Ethik wird bekenntnisfrei - also religiös und weltanschaulich neutral - unterrichtet“, heißt es dort. Die Jugend solle im Geiste der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit erzogen werden, wozu auch Toleranz und die Achtung anderer Überzeugungen gehören.

Weltanschauungsneutral heißt also nicht wertneutral. Denn von Werten soll der Ethikunterricht ja handeln - auch davon, dass und wie sie einander ins Gehege kommen. Die Ethiklehrerausbildung gibt keiner weltanschaulichen Überzeugung Vorrang. Neben dem katholischen Theologen Bongardt gehören dem Lehrstuhl ein Islamwissenschaftler und eine Mitarbeiterin an, die sich auf atheistische Ethik spezialisiert. An der Freien Universität sind das Christentum, der Islam und das Judentum außerdem Gegenstand der Forschung, und Bongardt kann auf Kooperationen mit den Geschichtswissenschaften, dem theologischen Seminar, vor allem aber mit der Leitwissenschaft des Instituts, der Philosophie, verweisen.

Religion soll nicht auf historische Dimension verkürzt werden

Weil viele Studenten Religion heute nur noch aus intellektuellem Interesse belegen, soll diese am Ethikinstitut keinesfalls auf ihre historische Dimension verkürzt werden. Bongardt betont, gerade für Ethiklehrer sei es bedeutsam, die lebenspraktischen Konsequenzen einer religiösen Lebensführung zu begreifen. Wie sonst sollten sie die Glaubensverpflichtungen ihrer Schüler eines Tages ernst nehmen können. Im Ethikunterricht geht es mithin nicht um die Überwindung der Religion. Bekenntnistexte gehören zur Standardlektüre, aber auch Neoatheisten wie Richard Dawkins finden sich im Lehrplan, vorausgesetzt der Themenschwerpunkt wird von den Studenten gewählt. Er steht nämlich in Konkurrenz zu den Lehrveranstaltungen über buddhistische Religion oder zur islamischen Religionskunde, für die sich immer mehr interessieren. Dort wird es auch im kommenden Semester Seminare zum „islamischen Reformdenken“ und zur „koranischen Ethik“ geben. Die Geschichtswissenschaft ergänzt das Angebot des Ethikinstituts mit einer exemplarischen Vorlesung zur „Missionierung Afrikas“.

Die Studenten sind außerdem gehalten, Vorlesungen in den geschichtswissenschaftlichen, theologischen und kulturwissenschaftlichen Disziplinen zu belegen. Der Philosophie kommt eine Wächterfunktion zu. Sie liefert die Basis für das „methodisch geleitete Nachdenken über die Grundlagen des menschlichen Denkens, Handelns und Seins“.

Weder reine Philosophie noch affirmative Theologie

Das Fach Ethik soll, sagt Bongardt, weder reine Philosophie sein - diesen Weg geht zurzeit die Humboldt-Universität - noch Religionswissenschaft, noch affirmative Theologie. Sein Fach sei entstanden, weil man auf gesellschaftliche Veränderungen endlich reagieren musste. In einem Strategiepapier wird der Professor deutlicher: „Demokratische Tugenden und Toleranz sind uns nicht angeboren, deshalb bedürfen sie der Einübung.“ Natürlich denkt auch Bongardt an Berliner Problembezirke, in denen kulturkampfartige Zustände das respektvolle Miteinander zu einer hohlen Floskel werden ließen. So simpel die Feststellung des Demokratiedefizits klingt, so sehr muss sie ein Land wie Deutschland treffen. Und dieses Defizit auszugleichen ist der pädagogische Nukleus der Ethiklehrerausbildung.

2011 wird das Ethikinstitut die ersten Absolventen in den Beruf entlassen. Je nach Ausgang des Volksentscheids wird sich dann zeigen, ob sie ihr Wissen in einem Pflichtfach Ethik, das für alle Berliner Schüler verbindlich ist, einsetzen können. Sollte Ethik auf den Rang eines Wahlpflichtfachs verwiesen werden, das mit gleichem Recht neben dem konfessionellen Unterricht existiert, wäre das Fach wieder nur Auffanglager für alle Nichtreligiösen. Dann, glaubt Bongardt, müsste der Senat über eine Änderung des Rahmenlehrplans nachdenken.

Ethik, wie sie jetzt gelehrt wird, macht nur Sinn, wenn sie für alle da ist - als „Reflexionsraum“, wie es im Lehrplan heißt, für alle Konfessionen und Konfessionslosen, ein Werteunterricht, der die vakante Funktionsstelle der Religion im 21. Jahrhundert ausfüllen will. Anders gewendet: Der Religionsunterricht handelt zwar auch von den anderen, aber wo dort über sie gesprochen wird, haben Ethikschüler in Berlin die Möglichkeit, mit ihnen zu diskutieren.

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