http://www.faz.net/-gqz-75kvj

In der Mensa essen : Und woher bekomme ich jetzt mein Steak?

  • -Aktualisiert am

Fleischfreier Hamburger auf der Veggie-World in Wiesbaden Bild: Röth, Frank

An deutschen Hochschulen wird das vegetarische Angebot ständig erweitert - sehr zum Ärger der Fleischliebhaber. Die erste Veggie-Mensa gibt es in Berlin. Sie hat enormen Zulauf.

          Ganz schön leise hier, jedenfalls wenn man bedenkt, dass gerade mehr als hundert Studenten zu Mittag essen. Die Frankfurter Studierenden sitzen an runden Tischen, manche lesen nebenher, wenige reden. Die Zeit, als sich Studenten in der Bockenheimer Mensa mit Eintöpfen zufrieden geben mussten scheint sehr weit weg zu sein. Heute gleicht die Mensa mehr einem Restaurant als einer Massenabfertigung. Das Personal wird für den Umgang mit Gästen geschult, das Angebot ist gewachsen: Kohlroulade mit Klößen, Bratlinge mit Rotkohl oder vegetarische Lasagne stehen heute auf dem Speiseplan. Neben den täglich wechselnden Gerichten bieten Salatbuffet und Nudeltheke vertraute Möglichkeiten, satt zu werden.

          Inmitten dieser in Orange gehaltenen Mensa sitzt Tatjana Borina und isst Bohnenkompositionen mit Tofu. Begeistert sieht sie nicht gerade aus. Die Studentin der Kunstgeschichte kennt die unzähligen Arten, wie Tofu gewürzt und zubereiten werden kann. „Tofu schmeckt immer anders“, sagt sie und meint damit, dass die Bockenheimer Köche noch mehr aus ihrem Tofu rausholen könnten. Seit zwei Jahren ist die Siebenundzwanzigjährige Vegetarierin: „Es waren gesundheitliche Beweggründe, um Völlegefühl entgegenzuwirken, aber auch medizinische, weil zu viel Antibiotikum in Fleisch gepumpt wird.“ Sie fischt ein mit Lauchstreifen umwickeltes Stück Tofu aus der Gemüsebrühe und beobachtet etwas angewidert die Männer am Nachbartisch, die sich ein viel zu großes Stück Schnitzel in den Mund schieben. Tatjana Borina ist nur eine von mehr als 1200 Menschen, die jede Woche in Frankfurts Zentralmensa vegetarisches Essen bestellen.

          Zunehmende Nachfrage

          Frankfurt verkauft schon seit zehn Jahren vegetarische Gerichte, doch die Pro-Argumente haben sich verändert. Damals war ein wichtiger Grund, dass Gemüse und Obst günstiger sind als Fleisch. Siegmar Gleim vom Studentenwerk sagt, dass man sich der moralischen Diskussion des 21. Jahrhunderts über Nachhaltigkeit und gesundes Essen natürlich nicht entziehen könne. Regionale Gemüselieferanten sollen unterstützt werden. Studentenwerke müssen ihren Gästen niedrige Preise garantieren, sodass die „Region“ einen Radius von bis zu 150 Kilometer fassen kann. Kochen für Vegetarier ist in Frankfurt mittlerweile ein wirtschaftlicher Aspekt: „Mit unserem Angebot reagieren wir auf zunehmende Nachfrage nach fleischlosen Gerichten.“

          Ohne vegetarische Gerichte ginge Mensen eine Zielgruppe verloren. Jede Universität in Deutschland bietet mindestens ein vegetarisches Gericht pro Tag an. Vegetarisches Essen in Mensen ist kein Synonym für Nachtisch oder Salat, im Gegenteil: Auf den Speiseplänen, die in Hannover und Münster als App auf Smartphones gesendet werden, stehen diese Gerichte: „Pikante Möhrensuppe mit Ingwer und Orangen“, „Gemüseschnitzel mit Kartoffelpüree und Gurkensalat“ oder „Bulgur mit Zucchini und Tomaten“. In Erfurt haben sich Vegetarier zu einer Hochschulgruppe formiert, werben mit Handzetteln auf dem Campus und verfolgen unter dem Namen „Campusgrün“ das Ziel, weitere fleischlose Gerichte durchzusetzen. Die Technische Universität in Dresden eröffnete vor kurzem die „U-Boot-Mensa“. Die vom Bio-Siegel abgesegneten Produkte werden ausschließlich von Lieferanten aus Dresden oder Sachsen bezogen.

          Weitere Themen

          Pizza ohne Pizza Video-Seite öffnen

          Dollase vs. Mensa (31) : Pizza ohne Pizza

          In dieser Rezeptfolge handelt es sich um ein Psycho-Gericht. Der Gaumen meldet andere Reize als das Gehirn erwartet. Am Schluss sind aber beide zufrieden.

          Polizei stoppt Anti-Trump-Demo mit Knüppeln und Tränengas Video-Seite öffnen

          Pakistan : Polizei stoppt Anti-Trump-Demo mit Knüppeln und Tränengas

          In der pakistanischen Stadt Karachi hat die Polizei eine gegen Trump gerichtete Studenten-Demo mit Gewalt aufgelöst. Die Beziehungen zwischen Pakistan und den Vereinigten Staaten sind momentan belastet. Amerikas Präsident beschuldigt Pakistan, militanten Gruppen einen Rückzugsort zu bieten.

          Topmeldungen

          Ein Selfie mit der Kanzlerin: Die aus Damaskus geflohene Ghalia Badr fotografiert sich mit Angela Merkel bei einem Wahlkampfauftritt in Stralsund

          Bundestagswahl : An den Grenzen der Willkommenskultur

          Keine Gerechtigkeits- oder Klimadebatte bewegt Bürger mehr als die Flüchtlingsfrage. Weil Hunderttausende integriert werden müssen, wird sich das auch nach der Bundestagswahl nicht ändern.

          Erika Steinbach : Bloß kein Mitläufer sein

          Über Jahrzehnte war Erika Steinbach Mitglied der CDU. Jetzt macht sie Wahlkampf für die AfD. Sie sagt: Man muss zu seiner Meinung stehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.