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Identitätspolitik : Alte Männer auf der Abschussliste

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Zeltlager an der Universität Missouri im Zeichen des Anti-Diskrimierung-Kampfes Bild: Getty

Jahrzehntelang haben linke Akademiker Ideologiekritik als Beruf praktiziert. Heute kritisieren sie die eigenen Privilegien und rechtfertigen fast jeden Obskurantismus.

          Als sie in den späten Sechzigern den Hörsaal als Ort revolutionärer Praxis entdeckten, verstanden die Protagonisten der Studentenbewegung sich als Avantgarde einer Umwälzung, von der nicht nur sie selbst, sondern alle gesellschaftlich Unterdrückten profitieren sollten. Hans-Jürgen Krahl, Schüler Theodor W. Adornos und Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), fasste diesen Vertretungsanspruch 1970 in der Formel zusammen: „Die Bewegung wissenschaftlicher Intelligenz muss zum kollektiven Theoretiker des Proletariats werden - das ist der Sinn ihrer Praxis.“

          In solchen Parolen klang die marxistisch-leninistische Rhetorik der Zeit vor 1933 deutlicher mit als die Erfahrungen der Gegenwart. Neben der Ahnung, dass das „Proletariat“ längst ungreifbar geworden war und die Linke nach einem Ersatz für den vakanten Posten des revolutionären Subjekts suchen musste, meldete sich darin ein halb schamhaftes, halb stolzes Bewusstsein um den steigenden Marktwert von Akademikern an. Das von Gerd Koenen so genannte „rote Jahrzehnt“ zwischen 1967 und 1977 war die Epoche, in der die „wissenschaftliche Intelligenz“ den Universitätsapparat nicht nur ideell, sondern auch praktisch in Beschlag zu nehmen begann. Allerdings, so lässt sich rückblickend feststellen, nicht, um ihn zu unterwandern, sondern, um sich in ihm festzusetzen.

          Der heutige Universitätsbetrieb mit seiner Dominanz flexibler, befristeter und prekärer Beschäftigungsverhältnisse und seiner Benachteiligung individueller Forscher zugunsten sogenannter Arbeitszusammenhänge ist ein genuines Erbe der Achtundsechziger. Noch in der permanenten Reorganisation der eigenen Arbeitsbedingungen klingt das linke Ideal der Selbstverwaltung nach, und die Dauerevaluation institutionalisiert den Zwang zur beständigen Selbstkritik. Die in den Sechzigern revolutionär wirkende Forderung, die Theorie müsse praktisch werden, quittieren die Angehörigen dieses Milieus nurmehr mit routiniertem Kopfnicken. Ostentative, quantitativ messbare Aktivität gilt als untrügliches Leistungsmerkmal bei einem Personal, das den Begriff der Substanz als Derivat von Metaphysik zu verwerfen gelernt hat.

          Wandel der Geschlechterforschung

          Auch der von den Achtundsechzigern gegen den akademischen Betrieb gewendete Begriff der Ideologiekritik ist inzwischen in den Betrieb selbst diffundiert. Bedenklich ist das Ausmaß, in dem die Relativierung eigener Erkenntnisansprüche dabei mit der Blindheit gegenüber Obskurantismus zusammenfällt. An der Transformation der Geschlechter- zur Genderforschung lässt sich diese Entwicklung veranschaulichen.

          Die Frauen- und Geschlechterforschung, die sich in den Achtzigern in geisteswissenschaftlichen Disziplinen etablierte, verfolgte einen praktischen und einen theoretischen Zweck. Zum einen sollte durch Schaffung eigener Lehrstühle der Frauenanteil unter den verbeamteten Dozenten angehoben werden. Zum anderen wollte man der Tatsache Rechnung tragen, dass der Geschlechteraspekt keine „Perspektive“ ist, aus der sich Forschungsgegenstände betrachten lassen, sondern die Gegenstände mitkonstituiert. Nicht um Goethe als Chauvinisten und Bettina von Arnim als Frauenrechtlerin zu exponieren, rückte die literaturwissenschaftliche Frauenforschung die Bedeutung der Geschlechterthematik in den Blick, sondern um das Verständnis ihrer Werke zu vertiefen.

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