10.04.2009 · Die Bologna-Reform ist weitgehend umgesetzt. Doch sie hat ihre Ziele alle verfehlt und etliche neue Probleme geschaffen. Die Reform ist dringend reformbedürftig, meint der Historiker Hartwin Brandt.
Von Hartwin BrandtIn Wissenschaft und Wissenschaftspolitik funktioniert seit jeher ein probates Verfahren: Eine Position, gegen die man sich in Stellung bringen möchte, wird stilistisch ansprechend und nach eigenen Bedürfnissen zugeschnitten präsentiert, daran schließt man eine Wendung der konkreten Sachfrage ins Allgemeine an, und dann erfolgt der große Zugriff in Form von rhetorisch massiv aufgerüsteten Feststellungen, gepaart mit ins Persönliche gehenden Werturteilen.
So verfährt auch der Leipziger Prorektor für Lehre, Wolfgang Fach (Die Wiederverbesserer: Zur Gegenreformation in der Hochschulpolitik), in seiner Replik auf seinen Kollegen Georg Vobruba (Hochschulreform: Die Universität als System von Unverantwortlichkeiten). Das Fatale wie Typische an seinen Ausführungen besteht darin, Vobruba der Fraktion der Rückwärtsgewandten und Besitzstandswahrer zuzuweisen und ihn des Opportunismus einer „Buchhalter“-Mentalität zu bezichtigen, ohne auf seine Argumentation auch nur im Ansatz einzugehen. In dieser Weise finden seit Jahren in allen möglichen deutschen Fakultäten, BA/MA-Foren und Kommissionen aller Art unselige und unfruchtbare Diskussionen statt. Die Rahmenbedingungen haben sich aber geändert: Inzwischen ist das, was sich „Bologna“-Reform nennt, weitgehend umgesetzt, es liegen Erfahrungen und damit objektive Tatbestände vor, welche man zur Kenntnis nehmen muss, will man sich nicht als ernsthafter Teilnehmer aus dem Kreis der Diskutanten verabschieden.
1. Laut Befürwortern der Reform sollte der BA die internationale Mobilität der Studierenden erhöhen. Das Gegenteil ist der Fall. In den USA ist der BA ein auf vier Jahre angelegter Studiengang – die Zulassung eines Absolventen einer deutschen Universität mit einem nach drei Jahren erlangten BA zu einem MA-Studium erfolgt nur nach Einzelfallprüfung. In Großbritannien wird der deutsche BA ebenfalls nicht als Regelabschluss anerkannt.
2. Viel gravierender ist jedoch, dass der Studienortwechsel innerhalb Deutschlands nicht, wie lauthals angekündigt, erleichtert, sondern massiv erschwert worden ist. Das liegt nicht zuletzt darin begründet, dass sich in der allgemeinen Wettbewerbshysterie jede Fakultät ein „unverwechselbares Profil“ (sprich: ein mit Studienordungen anderer Fakultäten inkompatibles Curriculum) geben wollte und sollte. Permanent finde ich auf meinem Schreibtisch Anerkennungsgesuche von wechselwilligen BA-Studierenden vor, die dann in der Sprechstunde den Basar eröffnen: In Bayreuth habe man eben sechs ECTS-Punkte für die Vorlesung mit Klausur bekommen; wenn es in Bamberg nur drei ECTS-Punkte gäbe, könne man die überschüssigen drei Punkte dann nicht wenigstens im Modul „Studium Generale“ anrechnen lassen? Und könne das Literatur-Basismodul „Kolonisation in der Dichtung“ nicht wenigstens für die Geschichte der Frühen Neuzeit angerechnet werden?
3. Die Zahl der Studienabbrecher ist nachweislich nicht, wie prognostiziert, gesunken. Die Verschulung des Studiums, das Senken der fachlichen Standards, der Verzicht auf gediegene Fremdsprachenkenntnisse etc. etc. – man kann den Hinweis darauf natürlich, wie Fach es tut, als Verklärung einer verlorenen Idylle denunzieren, der Tatbestand selbst ist aber nicht zu leugnen. Und all das hat auch nicht dazu geführt, die Zahl der kostspieligen Fehlentscheidungen von Studierenden zu verringern.
4. Mit den neuen Studiengängen sind ein Bürokratisierungsschub und eine eklatante Erhöhung der Prüfungsbelastungen verbunden, die den Lehrenden immer weniger Zeit für Forschung lassen. Oder sollen wir zu den guten, ganz alten Zeiten zurückkehren und die 150 Vorlesungsklausuren von den Assistenten korrigieren lassen? Statt schlanker, in kopierter Form an die Studierenden übermittelbarer Studienordnungen gibt es nun voluminöse Modulhandbücher, die „im Netz“ stehen, aber von den Studierenden nicht gelesen werden; statt dessen schicken diese Hunderte von emails an die Vorsitzenden der Prüfungsausschüsse und stellen Fragen, die eine Lektüre des Modulhandbuches gar nicht erst hätte aufkommen lassen.
5. Der absurdeste, von internationalen Kollegen nur mit ungläubigem Kopfschütteln quittierte Reformauswuchs besteht in dem Akkreditierungswesen, das der Deutsche Hochschulverband mit Recht gerade wieder als Verschwendung von Zeit und Geld angeprangert hat. Da kommt der gut bekannte Kollege X von Universität Y zusammen mit ein paar unbekannten anderen Fachvertretern, wird einen Tag lang durch die Universität geführt, liest womöglich tatsächlich all die aufgeblähten neuen Studiendokumente, erhält 300 Euro Honorar – und die private Akkreditierungsagentur bekommt 20.000 Euro, welche die Universitäten selbst aufzubringen haben.
Fazit: Die Reform hat ihre selbstgesetzten Ziele verfehlt und etliche neue Probleme geschaffen. Die Reform ist dringend reformbedürftig.