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Wissenschaftsprekariat : Für eine Universität ohne Mitarbeiter

  • -Aktualisiert am

Alexander von Humboldt vor der Humboldt Universität zu Berlin Bild: dpa

Geisteswissenschaftler wissen oft erst mit vierzig, ob sie ihren Beruf dauerhaft ausüben können. Wenige werden Professoren, die übrigen stehen erst einmal vor dem Nichts. Das ließe sich ändern.

          Die Bundesregierung plant eine Initiative gegen prekäre Arbeitsbedingungen des akademischen Nachwuchses. Wie man hört, soll es dabei vor allem darum gehen, verbindliche Mindestgrenzen für die Laufzeit von befristeten Arbeitsverträgen, insbesondere bei Promotionsstellen, festzulegen. Die Initiative ist sehr zu begrüßen. An dem eigentlichen Problem des akademischen Nachwuchses in Deutschland wird sie aber wieder einmal nichts ändern.

          Dieses Problem besteht bereits so lange, dass es kaum mehr aufzufallen scheint. Aus der Sicht eines typischen geisteswissenschaftlichen Faches wie dem, in dem ich tätig bin, stellt es sich so dar: Der Weg eines Nachwuchsphilosophen zu einer Dauerstelle sieht vor, dass der Promotion eine Phase der Zugehörigkeit zum sogenannten akademischen Mittelbau folgt, in der man eine befristete Stelle hat - im Standardfall die eines wissenschaftlichen Mitarbeiters an einem Lehrstuhl. Auf dieser Stelle habilitiert man sich. Erst nach Abschluss der Habilitation kann man sich auf Professuren bewerben und - wenn man Glück hat - auf diese Weise eine Dauerstelle bekommen. Das durchschnittliche Alter der Erstberufung liegt derzeit bei 41 Jahren.

          Der akademische Flaschenhals

          Man hat schon häufig festgestellt, dass ein Beruf, in dem man bis zu diesem Alter zittern muss, ob man ihn denn auch wirklich dauerhaft wird ausüben können, extrem frauen- und familienfeindlich ist. Das Problem an dem eben skizzierten Karrieremodell ist aber ein noch viel grundlegenderes. Man muss keine empirischen Studien betreiben, um es zu entdecken, man muss nur rechnen können: Nehmen wir an, unser Nachwuchsphilosoph bekommt mit 41 Jahren seine Professur und diese ist wie üblich mit einer Mitarbeiterstelle ausgestattet. Dann besetzt er bis zum Ruhestand seine eigene Stelle 24 Jahre lang. Seine Mitarbeiterstelle dagegen wird in dieser Zeit bei einer regulären Laufzeit von sechs Jahren insgesamt vier Mal besetzt. Wenn sich alle vier Mitarbeiter ihrerseits habilitieren und sich dann auf die Suche nach einer unbefristeten Stelle machen, gibt es in unserem Mikromodell genau eine solche Stelle, um die sie nun zu viert konkurrieren.

          Natürlich bewerben sie sich de facto nicht um diese Stelle, und sie bewerben sich auch nicht alle zur selben Zeit. Aber auch an den anderen Lehrstühlen ihres Faches gab und gibt es Mitarbeiter, die zum Kreis ihrer Konkurrenten dazukommen. Am arithmetischen Verhältnis 4:1 von Qualifizierten zu Dauerstellen ändert sich also nichts. Und das heißt, dass aus rein strukturellen Gründen drei dieser vier Qualifizierten niemals eine Dauerstelle bekommen werden.

          Jung, leistungsbereit und meistens chancenlos

          De facto mag das Verhältnis etwas weniger drastisch sein. Die Habilitationszeit dauert eher acht als sechs Jahre, und auch nicht alle Professuren sind mit Mitarbeiterstellen ausgestattet. Andererseits schießen im Moment zusätzliche befristete Nachwuchsstellen durch die Drittmittelschwemme der Exzellenzinitiative wie Pilze aus dem Boden, was die Lage noch verschärfen wird. So oder so: Im Ergebnis bleibt die Einsicht, dass Nachwuchswissenschaftler in Fächern, in denen es wie in den meisten Geisteswissenschaften kaum Dauerstellen unterhalb der Professur gibt, mit einem massiven Problem konfrontiert sind: Wie exzellent sie auch forschen und lehren, es steht auf Grund der Stellenstruktur ihrer Universitäten von Beginn an fest, dass weit mehr als die Hälfte von ihnen ihre akademischen Karrieren irgendwann erfolglos abbrechen werden.

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