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Hochschulreform : Nach dem Streik: Flasche und Geist

  • -Aktualisiert am

Studentische Vollversammlung auf dem Frankfurter Universitätsgelände Bild: Frank Röth

Die Kultusminister im Bologna-Gedränge: Wie soll die angeblich gewollte „Reform der Reform“ denn nun aussehen? Vorerst scheint man sich nur auf eins einigen zu können: mehr Spielraum für den Stillstand.

          Wenn die Politik dem Protest recht gibt und Kabinettsmitglieder mit Rädelsführern sympathisieren, dann ist etwas faul. Wie zuvorkommend die Kultusminister zuletzt das Anti-Bologna-Ressentiment bedienten – das macht misstrauisch. Man sei halt, bekennen sie reumütig, übers Ziel hinausgeschossen und müsse nun entschlossen gegensteuern, um das Ganze „studierbar“ zu machen: Deshalb müssen die Wirkungen analysiert und, wo nötig, Korrekturen vorgenommen werden. So der Beschluss der 327. Kultusministerkonferenz am 15. Oktober 2009. So einfach soll alles gewesen sein? Der Haken an dieser Sache: Zwar gibt es unbestreitbar eine Krise, doch verwechselt die ministerielle Diagnose Symptome mit Ursachen und mündet deshalb in untaugliche Therapien.

          Eine schneidig geschönte Bilanz lässt den Wunsch, hinter die Kulissen zu blicken, gar nicht erst aufkommen. Die Bundesländer würdigen ausdrücklich die bisher geleistete Arbeit der Hochschulen, ihre Studienstrukturen innerhalb der letzten Jahre zum Großteil auf das Bachelor- und Mastersystem umgestellt, die Studieninhalte modularisiert, ihre Curricula entsprechend angepasst sowie die Vorbereitung und Durchführung der Akkreditierungsverfahren erfolgreich absolviert zu haben.

          Zweifelsohne sind Deutschlands Hochschulen durch das Bologna-Projekt unter massiven Anpassungsdruck geraten. Ihre Strapazen lassen sich freilich in zwei Sparten unterteilen: Umsetzung und Umgehung. Über den Daumen gepeilt, sind mehr Energien in allerlei Versuche investiert worden, die Bologna-Politik zu unterlaufen, sprich: möglichst viele der gewohnten Praktiken in den neuen Strukturen unterzubringen. Unerbittlich haben Professoren mit ihresgleichen darum gefeilscht, den eigenen „Stoff“ möglichst ungeschmälert und unverändert im neuen Format unterzubringen. Wer seinen Besitzstand bewahrt hatte, wollte ihn auch bewehren: mit möglichst vielen Prüfungen, deren Aufgabe primär darin bestehen sollte, die knappe und durch Bologna weiter verknappte Ressource Aufmerksamkeit bei sich, beim eigenen Fach, der eigenen Subdisziplin, dem eigenen Lehrstuhl zu konzentrieren. Erst neuerdings dämmert es ihnen, dass, wer vom Kuchen ein möglichst großes Stück verschlungen hat, auch imstande sein muss, den Brocken zu verdauen. „Zu viel Lehre, zu viele Prüfungen“, empört man sich heute über die Folgen der eigenen Gefräßigkeit – und sucht zornentbrannt nach Schuldigen: Bologna habe es so gewollt, der Akkreditierung sei das Debakel anzulasten, die Politik müsse endlich ein Einsehen haben etc.pp.

          Hauptstudium reloaded

          Dass es den Kultus- und Wissenschaftsministern nun einfällt, der Scheinheiligkeit ihre Ehre zu erweisen und sie zu „würdigen“, ist selbst scheinheilig. Zumal sich Vollzugsdefizite beim besten Willen nicht übersehen lassen: Die Länder fordern die Hochschulen dazu auf, im Rahmen der ländergemeinsamen Strukturvorgaben bei der Einführung neuer Studiengänge die vorhandene Bandbreite von Regelstudienzeiten in Bachelor-Studiengängen (die sechs, sieben oder acht Semester betragen kann) zu nutzen. Die Hochschulen werden gebeten, im Rahmen der Reakkreditierung die Studieninhalte zu überprüfen. Dabei können Grundlagen und Spezialisierungen im Rahmen von Bachelor- und Masterstudiengängen neu austariert werden. Das Studium darf also künftig wieder mehr Zeit in Anspruch nehmen; und seine Inhalte sollen neu geordnet werden. Angebracht sei es, erfahren wir, all jene Spezialitäten, die man, um ja nichts ändern zu müssen, einst panikartig ins randvolle BA-Programm gestopft hat, schleunigst wieder zu entfernen, um sie stattdessen dem interessierten Häuflein fortgeschrittener Master-Minds später zu servieren.

          Verrutscht da nicht etwas? Erinnerungen werden wach: an ein „Grundstudium“, dessen einzige Funktion darin bestand, den anspruchslosen Grund für die Hauptsache zu legen, das ambitionierte „Hauptstudium“. Dazwischen lag mal eine Prüfung mit dem simplen Zweck, jene auszusortieren, die nicht von selbst gemerkt haben, dass sie für höhere Weihen auf dem Felde des Wissens nicht geschaffen sind. Niemand ist damals auf den Gedanken verfallen, diese Selektion als geldwerte Qualifikation (employability) anzupreisen.

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