23.04.2009 · Die Hochschulreform macht vor keinem Fach halt, egal ob sie hilfreich ist oder nicht. Jetzt soll es auch der Medizin an den Kragen gehen. Der Dekan und ein Dozent der Medizinischen Fakultät Frankfurt stellen dem Vorhaben eine vernichtende Diagnose.
Von Josef Pfeilschifter und Helmut Wicht„Petrus ubique pater legum Bononia mater“: Das ist das Motto der altehrwürdigen, 1088 gegründeten Universität von Bologna, die für ihre Juristenfakultät berühmt war. „Allüberall ist der Papst der Vater der Gesetze, Bologna aber deren Mutter.“ Das ist kein geringer Anspruch und ein ziemlich herrischer, absoluter noch dazu. Er passt zu dem, was seither als Bologna-Prozess über die europäischen Hochschulen hereingebrochen ist. Dessen Ziele waren die Einführung von europaweit vergleichbaren Hochschulabschlüssen, die Verkürzung des Studiums, die Einführung des Bachelors nach sechs Semestern als erstem berufsqualifizierenden Abschluss, die Förderung der Mobilität der Studierenden und Lehrenden sowie die Reduktion der Abbrecherzahlen.
Im Jahr 2010, so hieß es, sollten diese Ziele erreicht sein. Man schritt zur Tat - in Deutschland in fast allen Fakultäten und Curricula, außer in jenen, die mit Staatsexamina bewehrt sind wie die Medizin. In den ehemaligen Magister- und Diplomstudiengängen aber blieb kein Stein auf dem anderen. Doch offenbar läuft vieles schief. Selbst die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), eine der glühendsten Befürworterinnen des Bologna-Prozesses, schreibt Ende Januar 2009 in einer Pressemitteilung : „Die deutschen Hochschulen verstehen das Bologna-Zieljahr 2010 nur als eine Durchgangsstation . . . Es geht uns um eine Strategie, die Kurs hält und gleichzeitig die Probleme, die sich abzeichnen, auf intelligente Weise löst.“
Ein Schlag ins Wasser
„Probleme, die sich abzeichnen“ - das ist ein milder Euphemismus für das offensichtliche Scheitern des Bologna-Prozesses. Die Studienabbrecherquoten sind gestiegen, die europäische und selbst die binnendeutsche Mobilität der Studierenden ist geradezu implodiert, die modularisierten Studiengänge sind trotz „Credit-Points“ nicht vergleichbar. Kurz und gut: ein Schlag ins Wasser. Die neuzeitliche Form der Unfehlbarkeit resultiert aus politisch vorsätzlich herbeigeführter Faktenblindheit. Anders ist es nicht zu erklären, warum jetzt das gescheiterte Modell „Bologna“ auch in die Medizin getragen werden soll. Schlecht für die Medizin, in diesem Fall. Denn wiewohl natürlich das Medizinstudium seine Probleme hat, so sind doch die Malaisen, an denen es leidet, nicht durch Einführung des Bachelor-Studiums zu kurieren. Ganz im Gegenteil.
Die medizinische Studentenschaft ist mobil; knapp ein Drittel verbringt einen Teil ihres Studiums im Ausland. Die Mobilität der ausgebildeten Ärzte ist geradezu unerfreulich hoch: In Scharen laufen sie uns nach dem Studienabschluss davon, nach Skandinavien, Großbritannien, in die Schweiz. Sie laufen uns notabene nicht während des Studiums weg - die Abbrecherquote lag zuletzt, beim Absolventenjahrgang 2006, bei nur fünf Prozent -, sie gehen danach. Man kann diesen Schwund also sicher nicht dem Studium anlasten, dessen Praxisbezug gerade erst - durch die neue Approbationsordnung - verbessert wurde. Die Abwanderung nach dem Studium belegt - um es ironisch zu formulieren - eindrucksvoll nicht nur den mobilitätsfördernden Charakter der Zustände im deutschen Gesundheitswesen insgesamt, sondern auch die bereits erreichte Vergleichbarkeit der Abschlüsse: Man nimmt unsere jungen Leute gern. Was sollte also hier durch Bologna verbessert werden? Nun, man könnte das Studium verkürzen: zum „Bachelor of Medicine“ in sechs Semestern - ein (finanz-)politischer Traum. Verdoppelung der Kapazität - man bedenke: zur Zeit dauert das Studium zwölf bis dreizehn Semester - ohne einen Cent an Investitionen, doppelt so viele Absolventen für dasselbe Geld.
Wozu der Aufwand?
Aber was für Absolventen? Laut einer verbindlichen EU-Richtlinie hat das Studium der Medizin, das zum Arztberuf befähigt, mindestens zwölf Semester oder 5500 Stunden der Ausbildung zu umfassen, die derzeit gültige Approbationsordnung trägt dem Rechnung. Und was soll er dann eigentlich tun, was soll er sein, dieser Bachelor, dem zuliebe die Kapazitäten der regulären, zwölfsemestrigen Studiengänge gestutzt werden sollen? Soll er als Arzt praktizieren? Dafür fehlt ihm nach sechs Semestern nicht nur die Fähigkeit, sondern auch die Rechtsgrundlage - in der EU ebenso wie in Deutschland. Dreierlei Szenarien sind denkbar:
Erstens: der „Bachelor en passant“. Der Weg des geringsten Widerstandes. Die Schweizer gehen ihn, und ähnlich verfahren auch die Belgier und die Dänen. Sie haben ihre Curricula ein wenig umgestrickt und verleihen ihren Studierenden nun, mit einer ohnehin obligatorischen Prüfung nach dem sechsten Semester, den Titel eines „Bachelor of Medicine“. Damit anfangen (im Sinne eines Berufsbildes) können die Studierenden nichts. Daher planen 98 Prozent von ihnen, weiter bis zum Master zu studieren. Man fragt sich allen Ernstes: Wozu der Aufwand?
Zweitens: der „Einstiegsbachelor“. Man könnte ihn sich als Absolventen eines wie auch immer gearteten paramedizinischen Studiengangs vorstellen, dem sein Abschluss Eintritt in das Medizinstudium gewährt. Diese Option ist offensichtlich angesichts der bereits bestehenden Überlastung des regulären Studienganges und der fehlenden Qualifikationen, selbst im Sinne der Ziele des Bologna-Prozesses, völlig unsinnig. Oder doch nicht? Offenbar schon weit fortgeschritten ist so ein Konzept an der Universität Oldenburg. Das Delikate daran ist, dass die Universität Oldenburg keine Medizinische Fakultät hat und damit wirbt, die Kosten um dreißig Prozent unter denen, die ein herkömmlicher Studiengang gleicher Größe in Deutschland haben würde, halten zu können. Diese Discount-Medizin-Bachelors würden den anschließenden Master-Studiengang an der „European Medical School Oldenburg-Groningen“ absolvieren. Mit dem Master-Abschluss kann dann die deutsche Approbation als Arzt beantragt werden. Ein erschreckend überzeugendes Geschäftsmodell.
Faktenblindheit, Konformitätswahn und Kompetenzanmaßung
Drittens: der „Ausstiegsbachelor“. Für lustlose Medizinstudierende ist er sicherlich keine Option - schlicht, weil es kaum welche gibt, die das Studium vorzeitig abbrechen. Er könnte aber durchaus zur Option lustloser Wissenschafts- und Finanzbürokraten werden. Die Versuchung ist sicherlich groß, in Form jenes „Bachelors“ die Bader und Feldscher der alten Tage wiederauferstehen zu lassen, den Krankenpfleger mit erweiterter Handlungsbefugnis, den Arzt mit eingeschränktem Spielraum. Unfähig, sich niederzulassen, nicht approbiert, bar aller wissenschaftlichen Ambitionen - aber als Subalternarzt fürs Alltägliche in einem durchrationalisierten Krankenhauskonzern vielleicht brauchbar. Endlich würde der Ausstiegsbachelor zum weiteren Ausbluten der wissenschaftlichen Medizin in Deutschland führen. Aber das passt ja zur vorwissenschaftlichen Medizin: Aderlass und Klistier gehörten zu deren Lieblingstherapien.
Reformvorhaben, europaweite zumal, erzeugen in den Kreisen der Politik und der Administration offenbar einen enormen Konformitätsdruck. Besonders in Deutschland fürchtet man nichts mehr als ein vermeintliches Zurückbleiben. Die Furcht ist aber ganz unberechtigt. Laut einer Studie der Association for Medical Education in Europe (AMEE) planen nur sieben der Länder, die sich der Bologna-Erklärung angeschlossen haben, das Bologna-Modell tatsächlich in der Medizin verbindlich umzusetzen. Aber neunzehn Länder haben ihren Universitäten die Umsetzung explizit untersagt.
In Deutschland und zehn weiteren Ländern ist noch keine abschließende Entscheidung getroffen. Es scheint den Protagonisten der Reform des Medizinstudiums zudem glatt entgangen zu sein, dass die Regelung des Medizinstudiums nicht in ihre Zuständigkeit, sondern in die des Bundesgesundheitsministeriums fällt. Noch gilt die Ärztliche Approbationsordnung, und in Bezug auf sie hat die Kultusministerkonferenz keine direkte Regelungskompetenz. Die Diagnose ist also eindeutig zu stellen: Faktenblindheit, Konformitätswahn und Kompetenzanmaßung.