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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hochschulpolitik Erkenntnisgewinn wird stark überschätzt

 ·  Im Konflikt um die britischen Universitäten folgt die englische Hochschulpolitik derzeit dem Rat Machiavellis.

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© picture-alliance / dpa Den prestigereichen englischen Universitäten wie Oxford gehen wegen der hohen Studiengebühren die Studenten aus.

Der Hochschulkonflikt in England dauert an und bleibt ein Drama, das man nicht aus den Augen verlieren darf. Am 13. November brachte er eine neue Institution hervor, den als gemeinnützige Gesellschaft eingetragenen „Rat für die Verteidigung der Britischen Universitäten“. Dieser Zusammenschluss äußerst angesehener Repräsentanten von Bildung und Wissenschaft, der sich selbst strikte Unabhängigkeit von parteipolitischen Ausrichtungen verordnet hat, will den Widerstand gegen den fortdauernden Prozess der Unterwerfung der Universitäten unter das Diktat kurzfristiger wirtschaftlicher Interessen und überbordender bürokratischer Kontrollen anregen und koordinieren.

Er sucht dabei die Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten, sowohl im Vereinigten Königreich (also unter den weitaus weniger betroffenen Schotten, Nordiren und Walisern) als auch weltweit. Denn wenn auch der Umbruch der Hochschulpolitik in England besonders krass erscheint, kann er doch nur als besonders radikaler Ausdruck einer überall fühlbaren anhaltenden und machtvollen Tendenz gelten. Lord Martin Rees, Astrophysiker aus Cambridge und Astronom Ihrer Majestät, hat die Öffentlichkeit daran erinnert, dass es ja überhaupt erst der Ausbau der britischen Universitäten durch die öffentliche Hand war, der seit den sechziger Jahren ihre Blüte und ihr internationales Ansehen begründete. Die Erfolge ihrer Forschung gingen auf ihre Autonomie zurück und nicht auf bürokratisch-ökonomische Lenkungsbestrebungen und seien daher jetzt gefährdet. Diese Mahnung kann man getrost auf das gesamte Hochschulwesen der westlichen Welt übertragen, die ausgerechnet gleichzeitig mit einer hausgemachten Wirtschaftskrise eine hausgemachte Bildungskrise durchlebt.

Studiengebühren lassen Studentenzahl sinken

Als Schrift an der Wand für die anderen erweist sich hier das Schicksal des Vorreiters Kalifornien. Hier führten drastische Einsparungen bei den öffentlichen Hochschulen und das Unvermögen des privaten Hochschulsektors zu einem fühlbaren Rückgang des Bildungsstandes. Nach einem Bericht des „Economist“ vom August gehen Bildungsforscher inzwischen davon aus, dass zum ersten Male in der neueren Geschichte dieses wichtigen amerikanischen Bundesstaates nicht die junge Generation den besten Bildungsstand hat, sondern die dem Pensionsalter entgegenreifende. Für die Heimat von Silicon Valley eine Hiobsbotschaft und eine Warnung für alle, die in einem Mix aus schrumpfenden öffentlichen und expandierenden privaten Hochschulen die Zukunft sehen.

Die Anhänger eben dieser Politik auf den Britischen Inseln haben in dem Jahr, das nun zu Ende geht, Federn lassen müssen. Sowohl mehrere Hauptstadtblätter, von der Boulevardzeitung „Daily Mail“ über den „Daily Telegraph“ zum „Guardian“, als auch die BBC machten unabhängig voneinander deutlich, dass es entgegen anderslautenden Beteuerungen der Regierung doch einen Zusammenhang zwischen drastisch auf neuntausend Pfund erhöhten Studiengebühren - die in Deutschland erhobenen Beträge wirken dagegen niedlich - und einem auffälligen Rückgang der Zahl der Studienanfänger in England geben muss. Immerhin verminderte sich diese im Lande der astronomischen Campus-Maut bereits im ersten Jahr ihrer Erhebung um rund zehn Prozent.

Die Regierung ist verunsichert

In Schottland hingegen, wo man die Studiengebühren für Schotten abgeschafft und für die übrigen Briten dafür auf englisches Niveau angehoben hat, lag der Rückgang nur bei etwa zwei Prozent. Der liberaldemokratische Bündnispartner des konservativen Premiers Cameron sorgte für eine Welle von Satiren. Nick Clegg bekannte, es sei ein Fehler gewesen, mit dem Versprechen, die Studiengebühren nicht zu erhöhen, in den Wahlkampf zu gehen, zumal er gar nicht vorgehabt habe, dieses zu halten. Teile seiner Partei sind darüber empört und bleiben bei der Forderung, sie zu senken.

Intern scheint die Regierungskoalition ihrer Sache nicht mehr so sicher zu sein. Schon Anfang des Jahres vertagte man die Umsetzung von Plänen des im Wirtschaftsministerium für die Hochschulen zuständigen Staatsministers David Willetts, amerikanische privatwirtschaftlich arbeitende Hochschulen zuzulassen. Als sich herausstellte, dass der Rat für die Verteidigung der Britischen Universitäten mit seinem von dem Oxforder Bildungshistoriker Howard Hotson geleiteten Lenkungsausschuss sich in London mit einer Veranstaltung in der British Academy der Öffentlichkeit vorstellen würde, versuchte Willetts, die neue Einrichtung in einem Beitrag im „Daily Telegraph“ als gehobenen Debattierclub abzutun. Mit ihm könne die Regierung unverbindlich und folgenlos ins Gespräch kommen.

Nicht Kant oder Hume, sondern Machivelli

Doch vergleicht man das Manifest des Rates mit dem Weißbuch der Regierung, das die hohen Studiengebühren begründete, findet man sofort die tiefen Gräben, die sich hier auftun. Der Rat folgt eben nicht der Forderung der Regierung, dass die Universitäten künftig außer dem Staat auch ihren Studenten gegenüber rechenschaftspflichtig sein sollen, sondern fordert mehr Hochschulautonomie. Er kritisiert die kurzschlüssige Verengung der Bildungsziele auf kurzfristige Interessen der Wirtschaft. Sein Gründungsmitglied, der Nestor der britischen Geschichtswissenschaft, Sir Keith Thomas (Oxford), kritisiert daher auch die Zugehörigkeit des Geschäftsbereichs von Minister Willetts zum Wirtschaftsministerium.

Es bleibt abzuwarten, welche Erfolge die Institutionalisierung des Protestes gegen die konservativ-liberalen Änderungen im englischen Hochschulwesen zeitigen wird. Deutlich wird aus dem rhetorischen Maskenspiel jener Stellungnahme von Minister Willetts zum öffentlichen Auftreten des Council for the Defence of British Universities freilich jetzt schon, dass die Argumentationsbasis der britischen Regierung gegenüber der Berufung auf die wirklichen Aufgaben höherer Bildung dürftig ist und bleiben wird. Wer sich auf seine Lektüre von Kant und Hume beruft und dann darüber Freude heuchelt, dass sich eine Vereinigung gegründet hat, die der eigenen Politik fundamental entgegentritt, hat nicht diese Denker, sondern Kapitel 18 von Machiavellis Fürst, „Inwieweit Herrscher ihr Wort halten sollten“, verinnerlicht: „Die Menschen sind so einfältig und hängen so sehr von dem Drucke des Augenblicks ab, dass derjenige, der sie hintergehen will, allemal jemand findet, der sich betrügen lässt.“

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