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Hochschule Was wir von Berkeley lernen können

22.04.2010 ·  Die kalifornische Universität Berkeley ist keine private, sondern eine staatliche Hochschule. Und doch sind Forschung und Lehre an ihr von unseren Verhältnissen himmelweit entfernt. Ein Erfahrungsbericht.

Von Christine Landfried
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Was ist Ihre Leidenschaft für Ihr Forschungsthema?“ Das fragte mich eine Schwimmerin morgens um 6.30 Uhr in der Reihe für die Langsamen im „Hearst Gymnasium for Women“ in Berkeley. Mir fiel es etwas schwer, so früh am Morgen knapp und bündig zu erklären, worin nun meine Leidenschaft für mein Forschungsthema, das der Verfassungspolitik, bestehe. Ich antwortete ausweichend und beschrieb einfach das Thema noch einmal. Doch so leicht gab meine Mitschwimmerin und Kollegin nicht auf. „Sie müssen doch eine Leidenschaft für Ihr Thema haben!“ Sie ging zum Rückenschwimmen über, schaute mich erwartungsvoll an, und ich versuchte zu erklären, was mich an meinem Thema fasziniert.

Die kleine Geschichte erzählt viel über die Universität Berkeley. Die finanziellen Mittel für den Bau des „Hearst Gymnasium for Women“ und das Schwimmbad auf dem Dach des Gymnasiums wurden von dem Verleger William Randolph Hearst gespendet. Hier zeigt sich das private Engagement für die Bildung, das in den Vereinigten Staaten eine lange Tradition hat. Sodann spielt der Wettbewerb in Verbindung mit einem Ziel eine wichtige Rolle. Selbst die Reihen beim Schwimmen sind in „schnell“, „mittel und schnell“ sowie „langsam“ eingeteilt. Hier geht es jedoch nicht darum, wer am schnellsten schwimmt. Das Ziel ist eine vernünftige Organisation. Die langsamen Schwimmer stören die schnellen Schwimmer nicht, und sie haben darüber hinaus den Vorteil, sich gerade wegen ihrer Langsamkeit unterhalten zu können. Und schließlich kommt die Begeisterung der Professoren für ihren Beruf in dieser Geschichte zum Ausdruck. Kollegen aus dem Ausland sind willkommen, und man interessiert sich für ihre Themen.

Lehre und Leidenschaft

Wie anders ist es an deutschen Universitäten. Welches die Leidenschaft für mein Forschungsthema sei, hat mich hier noch niemand gefragt. Die Realität an deutschen Universitäten ist kaum geeignet, auch nur den Gedanken aufkommen zu lassen, dass Lehre und Forschung etwas mit Leidenschaft zu tun haben könnten. Im Gegenteil. Die Leidenschaft für Lehre und Forschung wird allen Beteiligten seit Jahren gründlich ausgetrieben. Die Misere ist bekannt und zuletzt viel diskutiert worden. Aber nichts Wesentliches wird geändert. Wir zentralisieren, bürokratisieren und akkreditieren munter weiter. Über all diesen Tätigkeiten verlieren wir immer mehr aus den Augen, welche Aufgaben Universitäten haben. Der Blick nach Berkeley ist da sinnvoll. Was können wir von einer amerikanischen Universität lernen?

Eine Gesellschaft, die Bildung in der Realität und nicht nur in Reden schätzt, riskiert hohe Investitionen in Bildung, ohne einen unmittelbaren ökonomischen Nutzen dieser Investitionen zu erwarten. Die Länder der OECD gaben im Jahr 2006 im Durchschnitt 8857 US-Dollar (in Kaufkraftparitäten) pro Schüler beziehungsweise Studierenden aus. In den Vereinigten Staaten betrugen diese jährlichen öffentlichen und privaten Ausgaben für Bildungseinrichtungen pro Schüler/Studierenden freilich 13 447 Dollar und in Deutschland nur 7925 Dollar. Auch beim Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt schneidet Deutschland im internationalen Vergleich schlecht ab. Während die Länder der OECD 6,1 Prozent der Summe ihrer Bruttoinlandsprodukte im Jahr 2006 für Bildung ausgaben, erreichten in Deutschland die Bildungsausgaben nur 4,8 Prozent (Vereinigte Staaten: 7,4 Prozent).

Die entscheidende Differenz: Geld

Diese trockenen Zahlen lassen sich beleben. Man geht gern über den Campus von Berkeley. Die Universität ist stolz auf ihre zweitausend Bäume. Am Morgen schwärmen Gärtner aus, um die Anlagen zu pflegen. Und die Bibliotheken! Sie sind ein Paradies für Studenten und Professoren. Nehmen wir die Rechtswissenschaftliche Bibliothek. Sie ist von acht Uhr morgens bis Mitternacht geöffnet. Wenn ich in die Bibliothek kam, fand ich oft einen Zettel der Bibliotheksangestellten an meinem Arbeitsplatz mit einem Hinweis auf ein Buch oder einen Aufsatz. Die Studenten verbringen viel Zeit in der Bibliothek. Dies liegt nicht nur an der hervorragenden Sammlung und der kompetenten Hilfe, die sie hier finden, sondern auch an der Art der Räume und Arbeitsplätze. Das Licht ist gut, die Sitze bequem, die Anschlüsse für den Computer funktionieren, und wird man müde, dann gibt es die Möglichkeit, in einem der dafür vorgesehenen, richtig gemütlichen Sessel eine Pause einzulegen und in der leichten Literatur, die hier in den Regalen steht, zu blättern oder auch nur zu träumen.

Es soll hier kein Idealbild amerikanischer Universitäten gezeichnet werden. Auch sie stehen vor großen Problemen. Für die staatliche Universität Berkeley sind es die leeren öffentlichen Kassen Kaliforniens, die zu erheblichen Einnahmeverlusten geführt haben. Nach dem Finanzbericht der Universität Berkeley von 2008/2009 hat Kalifornien 2009 seine Bildungszuweisungen für die Universität Berkeley um 95,2 Millionen Dollar oder 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr gekürzt.

Doch trotz der enormen finanziellen Einschnitte kommt in der Ausstattung der amerikanischen Universitäten noch immer die hohe Wertschätzung der Bildung zum Ausdruck. Und noch immer lebt Berkeley im Vergleich zu deutschen Universitäten nicht nur wettermäßig auf der Sonnenseite. Im Jahr 2008 betrugen die Einnahmen der Universität Hamburg bei 32 668 Studenten (ohne Medizin) nur knapp 370 Millionen Euro im Vergleich zu knapp 1,8 Milliarden Dollar Einnahmen der Universität Berkeley mit 35 409 Studenten. Hamburg verfügte also bei einer etwas geringeren Studentenzahl über 28 Prozent der Einnahmen von Berkeley!

Auf meine Frage, worin der entscheidende Unterschied zwischen amerikanischen und deutschen Universitäten bestehe, antwortete der Dekan der Fakultät für „International and Area Studies“, der Soziologe John Lie: „Es mag etwas grob klingen, aber es ist das Geld.“ Professoren würden sehr viel besser bezahlt als in Deutschland, man könne es sich auf diese Weise leisten, renommierte Wissenschaftler einzustellen, es seien auch genug Mittel vorhanden, um Kollegen aus aller Welt zu Vorträgen einzuladen, in Bibliotheken zu investieren und am Ende zu guten Ergebnissen in Lehre und Forschung zu gelangen.

Strenge Auswahl

Erst eine gute finanzielle Ausstattung ermöglicht es also den Universitäten, im wissenschaftlichen Wettbewerb zu bestehen. Der wissenschaftliche Wettbewerb darf nicht mit dem Wettbewerb um die ökonomische Nützlichkeit verwechselt werden. An den Universitäten sind deshalb neben den finanziellen auch die institutionellen und personellen Bedingungen zu schaffen, die es ermöglichen, dem Ziel der Wahrheitsfindung näher zu kommen.

Zu den personellen Bedingungen für einen erfolgreichen wissenschaftlichen Wettbewerb gehören geeignete Studenten und Professoren. Die Studenten werden in Berkeley nach ihren schulischen Leistungen und den Ergebnissen von Tests ausgewählt. Die 12,5 Prozent besten Schüler der kalifornischen Highschools können sich an einer der Universitäten des Netzwerkes der „University of California“ wie beispielsweise Berkeley bewerben. Berkeley hat im Herbst 2009 von 48.640 Bewerberinnen und Bewerbern nur gut ein Viertel zum Studium angenommen.

Oft zu lehren ist verboten

Nicht der Wettbewerb ist also für Universitäten schlecht, sondern der Wettbewerb mit dem ökonomischen Ziel der Gewinnmaximierung. Wenn Studenten zu „Kunden“ werden und Professoren zu „Kostenstellen“, dann ist etwas faul in den Universitäten. Der Kunsthistoriker Martin Warnke bringt es auf den Punkt: „Ist nicht grundsätzlich etwas verschoben im Wertesystem der Universität, wenn ein Forschungsbericht jetzt ,Produktinformation' heißt? Wenn uns statt des schwierigen und risikoreichen Wettbewerbs um die Wahrheit ein seichter, bequemer Wettbewerb um Geld und Drittmittel anempfohlen wird?“

Für den Wettbewerb um die Wahrheit ist es von Vorteil, wenn Lehrende und Lernende zusammenarbeiten. Neben vielen negativen Folgen des dreijährigen Bachelor erscheint es mir am gravierendsten, dass die Studenten nichts mehr mit Wissenschaft zu tun haben. Es forschen die Professoren, die nicht mehr engagiert lehren, und es lehren die Professoren, die nicht mehr forschen. Doch nur wer selbst forscht, kann den Studenten vermitteln, was wissenschaftliches Arbeiten bedeutet. Auch für die Professoren ist die Entwicklung ein Verlust. Die produktive Unruhe, die von den Studenten und ihren Fragen für die Forschung ausgehen sollte, löst sich in Modulen und vollgestopften Lehrplänen auf.

Schiefe Relationen

Das gemeinsame wissenschaftliche Arbeiten von Studenten und Professoren ist nur zu realisieren, wenn in kleinen Gruppen gearbeitet wird und wie in Berkeley auf einen Professor fünfzehn Studenten kommen. Das Heranführen der Studenten an die Forschung wird hier ernstgenommen. So können Studenten der kalifornischen Universitäten schon in den ersten Semestern ihre Hausarbeiten im Bereich der Europaforschung für eine „Undergraduate Research Conference“ einreichen. Die Autoren der besten Arbeiten werden dann zu einer Konferenz an der Universität Claremont eingeladen, um ihre Beiträge mit Studenten und Professoren zu diskutieren. In Deutschland aber wurden jahrelang Professorenstellen eingespart und gleichzeitig behauptet, man strebe eine bessere Betreuungsrelation zwischen Professoren und Studenten an.

Es kam, wie es kommen musste und nun im Bildungsbericht nachzulesen ist: „Bemerkenswert ist, dass sich die Betreuungsrelation zwischen 2000 und 2006 verschlechtert hat. Für die Erhöhung der Studierendenzahl und das Erreichen der anspruchsvollen Ziele, die mit dem gestuften Studiensystem verbunden sind, ist dies eine ungünstige Voraussetzung.“ Wohl wahr. An der Universität Hamburg liegt das Verhältnis von Studenten zu Professoren bei 60 zu 1. Wie soll da sinnvoll gearbeitet werden?

Selbstbewusstsein und Kritik

Wer glaubt, man sei hierzulande aus Schaden klug geworden, irrt. Die Lösung des Problems soll wieder möglichst billig sein. Immer häufiger wird ein Teil der Lehre von „Lehrkräften mit besonderen Aufgaben“ übernommen. Das Besondere dieser Lehrkräfte ist die geringe Bezahlung und die hohe Stundenzahl, die sie unterrichten. Wer sechs oder gar acht Seminare statt der bisher üblichen vier Seminare in der Woche lehrt, kann kaum noch forschen. Die Universitätsleitungen sollten einmal darüber nachdenken, weshalb in Berkeley kein Professor mehr als zwei Seminare unterrichten darf!

Die Universitäten haben aber die Aufgabe, Bildung durch wissenschaftliches Arbeiten zu vermitteln. Die Studenten sollen lernen, dass Wissenschaft auch eine Haltung ist. Wird ihnen diese Haltung der Skepsis und des Argumentierens vermittelt, dann sind sie auf die späteren Berufe gut vorbereitet. Der im Jahr 2006 gestorbene Historiker Reinhart Koselleck hat es für das Fach der Geschichtswissenschaft wunderbar ausgedrückt. Es sei die Hauptaufgabe eines Historikers, „zunächst einmal davon auszugehen, dass immer alles anders war als gesagt. Und diese Regel trifft fast immer zu. Die zweite Regel ist, dass alles immer anders ist als gedacht. Und wenn man diese Regeln kennt, dann hat man was gelernt. Dann muss man nämlich fragen, wie es dahinter eigentlich aussieht, wenn es anders ist als gesagt und anders ist als gedacht. Diejenigen, die bei mir überhaupt was gelernt haben, haben das hoffentlich mitgenommen: ... die professionelle Skepsis, die das Selbstbewusstsein mit Selbstkritik verbinden kann“ ).

Es ist diese Verknüpfung von Selbstbewusstsein und Selbstkritik, die den deutschen Universitäten immer mehr fehlt und die wir von Berkeley lernen könnten. Mit Selbstbewusstsein könnten wir auf unsere Universitäten schauen, weil sie mit öffentlichen Geldern finanziert und unabhängig sind. Mit Selbstkritik sollten wir die Geringschätzung von Bildung in Deutschland, den zurückgehenden wissenschaftlichen und zunehmenden ökonomischen Wettbewerb und schließlich die Trennung von Lehre und Forschung betrachten. In der Lehre haben diese Entwicklungen zu einem Qualitätsverlust und zu einer Nivellierung nach unten geführt. In der Forschung wird sich erst noch zeigen müssen, was es bedeutet, wenn Forschung zunehmend über Drittmittel und ohne die Teilnahme der Studenten stattfindet. Es könnte sich herausstellen, dass Leidenschaft allein für die Forschung ebenso eine halbe Sache ist wie Leidenschaft allein für die Lehre.

Die Autorin lehrt Politikwissenschaft an der Universität Hamburg.

Quelle: F.A.Z.
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