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Hirndoping Die Pille fürs Glück

13.10.2009 ·  Nichts, was nicht erlaubt sein darf, wenn der Wettbewerb es erfordert: Sieben Medizinethiker geben dem rezeptfreien pharmazeutischen Hirndoping ihren offiziellen Segen. Nur von Doping wollen sie nicht sprechen.

Von Joachim Müller-Jung
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Der Tag der seelischen Gesundheit wurde knapp verpasst. Er war am Samstag. Da war das ominöse Johanniskraut als „Sicherheitsgurt für die Seele“ im ansonsten eher klösterlichen Seelengedenken plötzlich hoch im Kurs - ob Prüfungsphase oder Bewährungsprobe im Job, hieß es da in einer Firmenmitteilung zum Tage, „manchmal kommen Belastungen auf einen zu, die man nicht so ohne weiteres wegstecken kann“. Die Lösung: Hoch dosierte Glückspillen. Pharma voran. Wie ähnlich klingt, was da gestern Nachmittag in den Räumen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften als hoch wissenschaftlicher Beitrag zur seelischen und geistigen Optimierung von Gesunden unterbreitet wurde: Ein „Memorandum sieben führender Experten“ zum Segen pharmazeutischen Hirndopings. Abgedruckt in dem vom Heidelberger Spektrum-Verlag publizierten Magazin „Gehirn und Geist“

Hirndoping ist in dem Papier allerdings ein verbotenes Wort. Denn um Doping mit der naheliegenden Assoziation zum strafbaren Missbrauch im Leistungs- und Breitensport soll es in diesem von Wissenschaftlern, Ärzten und Philosophen entworfenen Text nicht gehen. Der Begriff Hirndoping, das stellen die Autoren klar, stehe bisher jeder nüchternen und sachlichen Diskussion um die verantwortungsvolle Nutzung von Glücks- und Gedächtnispillen fraglos im Weg. Also gehe es nicht um Medikamentenmissbrauch, sondern um „Neuro-Enhancement“ mit pharmazeutischen Präparaten.

Einsicht im besten Karrierealter

An dieser Stelle ist es angebracht, die Urheber der provokanten Petition vorzustellen: Der Philosoph und Chemiker Thorsten Galert leitet an der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen in Bad-Neuenahr-Ahrweiler eine einschlägige Projektgruppe, an der alle Koautoren des Memorandums beteiligt sind. Unter ihnen der Hamburger Rechtsphilosoph Reinhard Merkel, die Psychiaterin Isabella Heuser von der Berliner Charité, die Mediziner Davinia Talbot und Dimitris Repantis, der Jurist Christoph Bublitz sowie die Münsteraner Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert, die seit 2001 als Mitglied im Deutschen Ethikrat wirkt.

Wer die sieben gesehen hat (auf der Internetseite www.gehirn-und-geist.de/memorandum), der sieht vor sich keine alten Hasen der Hirnforschung und Philosophie, die etwa wegen eines bahnbrechenden Präparates erleuchtet wurden, sondern eine Forschertruppe im besten Karrierealter. Die Zukunft vor Augen und - demographisch überschlagen - das halbe Leben noch vor sich. Sie also wollen es wissen und künftig jedem selbst überlassen, die „Happy Pills“ eher als gezielte „Leistungs- und Kreativitätsverstärker - wie heute ein Tasse Kaffee oder ein Glas Wein - denn als Flucht- und Beruhigungsdrogen“ einzusetzen. Nun sind sie nicht die ersten, die dafür einstehen.

Vor einem knappen Jahr war im britischen Wissenschaftsmagazin „Nature“ zu lesen, dass jeder fünfte akademische Leser des Blattes zugegebenermaßen schon Ritalin, Modafinil oder Betablocker zur geistigen Leistungssteigerung genommen hat. Bei amerikanischen Studierenden wird zudem von drei bis elf Prozent Stimulantiengebrauch ausgegangen und für den jüngsten DAK-Gesundheitsreport hatten sich 150 von 3000 Arbeitnehmer als regelmäßige „Doper“ am Arbeitsplatz geoutet. Ein Viertel derer, die Ritalin zur Konzentrationssteigerung oder Modafinil als Wachmacher nahmen, sollen das Rezept vom Arzt ohne medizinisch entsprechende Krankheitsdiagnosen erhalten haben.

Entgrenztes Effizienzdenken

All das und noch mehr über die hierzulande „generell große Bereitschaft, solche Substanzen einzunehmen“, liest man in den Begleittexten zum Memorandum. Vor allem steht darin auch, dass die objektive Wirksamkeit aller bisherigen Wirkstoffe bei Gesunden fraglich und Langzeitwirkungen - inklusive Nebenwirkungen - unbekannt sind. Aber all das lässt die Autoren in ihrem Freiheitsdrang nicht wanken.

Vielmehr bleiben sie in ihrem Plädoyer für die Weiterverwertung auf der Optimierungsschiene um keine Antwort verlegen: Ethische Einwände gegen Super-Intelligenzen? Sonst seien wir doch auch nicht zimperlich, die Natur in unserem Interesse zu verändern. Gefährliche Hirnmanipulation? Coaching wirke ähnlich wie Psychopharmaka. Und die Suchtgefahr? Auch die „Begierde nach dem Objekt einer romantischen Liebe“ oder nach dem Handy nehme manchmal irrationale Züge an. Sozialer Druck? Was bitte schön sei daran zu beklagen: Die Pillen könnten zu tieferem Musikgenuss, größerer Empathiefähigkeit und leichterem Erwerb von Fremdsprachen verhelfen. Und die Gerechtigkeitsfrage? Sicher, die Krankenkassen seien für effiziente und teure Hirnoptimierungspillen nicht zuständig, aber der Staat könnte doch die wohlhabenden Nutzer besteuern und einkommensschwache Käufer von Lernpillen und Stimmungsaufhellern subventionieren - als „öffentliche Bildungsförderung“.

A propos Bildung: Die Anwendung bei Kindern sei wegen des experimentellen Charakters gegenwärtig inakzeptabel, aber eine pauschale Ablehnung für die Zukunft „unangemessen und voreilig“. Nichts, was es nicht geben darf. Maximale Effizienz fordert minimale Restriktion. Das ist eine Kampfansage, und nicht nur der Tag der seelischen Gesundheit ist in Gefahr.

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