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Veröffentlicht: 08.02.2017, 11:54 Uhr

Germanistik in der Krise? Der eierlegende Wollmilchgermanist wird dringend gesucht

Die deutsche Literaturwissenschaft taugt nichts, meint der „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe. Doch weil die Kritik die falschen Probleme benennt, läuft sie leider ins Leere.

von Steffen Martus
© Picture-Alliance Braucht die gegenwärtige Literaturwissenschaft wirklich neue „Rampenlichter“ wie den 2001 verstorbenen Hans Mayer?

Der Journalist Martin Doerry echauffiert sich im aktuellen „Spiegel“ auf sechs Seiten darüber, dass germanistische Professoren zu wenig ins Rampenlicht drängen. Nach Lektüre des Artikels könnte man beinahe den Eindruck gewinnen, es wäre ganz gut, wenn die deutsche Literaturwissenschaft unterm Radar fliegt. Denn das dort gemalte Bild ist äußerst trist: „Namenlose Nachfolger“ von Großgermanisten kämpfen um ihre Claims. Das Fach zerfasert und reagiert auf die „Überforschung“ seiner Gegenstände mit theoretisch hochgezüchteten Texten, die niemand versteht und niemand braucht.

Auf der Seite der Studierenden sieht es nicht besser aus: Etwa 80000 sind derzeit im weitaus beliebtesten geisteswissenschaftlichen Fach eingeschrieben. Die Professoren, so scheint es, leiden unter jungen Leuten mit mangelnder Arbeitsmoral und Rechtschreibschwäche, die keine Leseerfahrung mitbringen, Schiller für einen Komponisten und Goethe für „irgendso’n Toten“ halten.

Subjektive Impressionen als Grundlage eines Urteils

Das ist nicht wegen der Klagen lesenswert, denn die Rede von der Krise der Germanistik kam bereits vor einem halben Jahrhundert auf. Es war die Zeit jener literaturwissenschaftlichen „Giganten“ wie Hans Mayer, Peter Wapnewski, Eberhard Lämmert oder Walter Jens, deren Stimmgewalt Doerry nun vermisst. Am Verlust der großen Männer kann es nun also wirklich nicht liegen. Und warum wünscht man sich überhaupt den eindrucksvollen Ordinarius zurück, um daran die öffentliche Wirkung einer Disziplin zu bemessen? Doerry selbst arbeitete jahrzehntelang beim „Spiegel“, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur. Über mangelnde Aufmerksamkeit muss er nicht klagen, und studiert hat er Germanistik. So wie viele public intellectuals, die Medienpräsenz entfalten und trotzdem öffentlich die Öffentlichkeitswirksamkeit der Germanistik vermissen.

Interessant ist der Beitrag, weil er wichtige Fragen stellt, aber treffende Antworten schuldig bleibt. Dies liegt daran, dass subjektive Impressionen hochgerechnet werden und als Grundlage für ein Urteil über „die“ Germanistik genügen. Das passiert immer wieder. So stammt etwa ein von Doerry zitierter Artikel über den letzten Germanistentag von einer Reporterin der „Zeit“, die – wie sie offen bekannt hat – nur kurz vorbeigeschaut und die meisten Vorträge verpasst hat. Auf dem Kongress hätten „800 Wissenschaftler und Deutschlehrer eher über Nichtliterarisches wie Film, Comic und Computerspiel“ beraten? Man muss das Programm nur überfliegen, um zu wissen, dass das falsch ist.

Wie Berlin, nur ohne Stadtplan

Bei den meisten Universitätsfächern trauen sich Beobachter nicht so schnell, ihre Wünsche und Vorlieben für allgemeinverbindlich zu erklären. Warum fällt es bei der Germanistik so leicht? Es dürfte etwas damit zu tun haben, so legt eine Umfrage unter Studierenden nahe, dass das „eigene Interesse“ für ausschlaggebend gehalten wird und dann mit der Realität kollidiert. Die Folgen für das germanistische Image sind gravierend. Sehr unterschiedliche Anforderungen werden an das Fach herangetragen und je für sich zum Maßstab für das Ganze erklärt. Im „Spiegel“-Artikel scheint es einmal, als verriete die Germanistik die Literatur an populäre Medien. Dann aber wünscht man sich wieder, sie möge ihre traditionellen Gegenstände hinter sich lassen, den „Jargon der ‚Populisten‘“ entlarven, „in den Medien“ gegen „völkische“ Parolen antreten oder sich der „durchfiktionalisierten Welt“ insgesamt widmen.

Der Leistungskatalog lässt sich mühelos erweitern: Lehramtsausbildung von der Grundschule bis zum Gymnasium, Aufmerksamkeit für den Literatur- und Kulturbetrieb, Verfassen von Artikeln und Büchern für eine breite Öffentlichkeit, akribische Detailforschung mit höchstem philologischem Anspruch, Versatilität in allen möglichen Medien, Theoriekontexten und Künsten und dergleichen mehr.

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Solche unvereinbaren Ansprüche überfordern einzelne Personen. Damit deutet sich die Antwort auf eine weitere gute Frage an: Warum wirken viele Germanisten verzagt und haben sich in der Krisenstimmung eingerichtet? Strukturell überfordert ist jedoch eben nur der Einzelne, nicht „die“ Germanistik. Die meisten im Lehrbetrieb bemühen sich, möglichst vielen etwas zu bieten: den Klugen und weniger Klugen, den Studierenden aus gebildeten und bildungsfernen Milieus, den Interessierten und den habituell Gelangweilten. Die Forderungen von Doerry gehen ins Leere, weil all das, was er vermisst, stattfindet. Man muss nur die Funktions- und Leistungsvielfalt eines Fachs in den Blick nehmen. Mit der Germanistik ist es ein wenig wie mit Berlin: Wem die Stadt nicht gefällt, war im falschen Stadtteil. Oder er mag einfach keine Metropolen, in denen man vor der Qual der Wahl steht. Ein Problem für die Rede über „die“ Germanistik besteht mithin darin, dass es keinen Stadtplan gibt, der für Überblick sorgt. Wie also gelangt man zur angemessenen Beschreibung eines ganzen Fachs?

Gegenstände werden „überforscht“

Eine der Problemvermeidungsantworten lautet: Es mangle der Germanistik an disziplinärer Identität. War früher alles übersichtlicher? Nach Berechnungen des amerikanischen Soziologen Andrew Abbott haben Fächer wie die Germanistik um 1930 jene Phase überschritten, in der man mit einem Lesepensum von ungefähr 700 Seiten in der Woche den Publikationsausstoß einer Disziplin bewältigen konnte. Spätestens seitdem ist das „Fach“ eine virtuelle Größe, bei dem man auf Schätzwerte angewiesen ist. Die Krisendiagnose zunehmender Unübersichtlichkeit verkennt aber ebenso eklatant die Konflikte der Vergangenheit wie die bemerkenswerte Stabilität in der Gegenwart. Um den Blick dafür zu öffnen, muss man sich allerdings die Praxis anschauen und den Selbstbeschreibungen der Akteure misstrauen.

Wenn Vertreter großer Forschungsförderungsinstitutionen es mit germanistischen Gutachtern zu tun haben, fällt ihnen eine erstaunliche Konvergenz in den Bewertungsstandards auf. Wer renommierte Zeitschriften des Fachs oder Überblicksdarstellungen analysiert, stößt seit Jahrzehnten auf einen stabilen Kanon an Autoren und Werken, auf gleichbleibende interdisziplinäre Orientierung und auf eine Zunahme genuin germanistischer Forschungsbezüge. Probleme ergeben sich weniger aus der vielgescholtenen Wetterwendigkeit des Fachs, sondern aus dessen Unbeweglichkeit, weil dadurch Gegenstände tatsächlich „überforscht“ werden. Inspiration kommt unter anderem von Seiten der Digital Humanities, die der „Spiegel“-Artikel aber nur als Kuriosität streift. In der Arbeit mit großen Textkorpora tauchen literaturhistorische Kontinente auf, die der genauen Lektüre wert sind.

Unter dem Sprachpanzer

Bei der Klage über den Zustand der Germanistik ist zudem eine eigentümliche Größenphantasie im Spiel: das Verlangen nach einer dominanten Person, nach einer Stimme, die über die Grenzen der Disziplin geachtet wird, nach Welterklärung und Allzuständigkeit. Ist es das, was die Studierenden von der Germanistik wollen? Bei einer Umfrage an der Berliner Humboldt-Universität im vergangenen Wintersemester antwortete die große Mehrzahl, dass ihre Lehrer und Lehrerinnen sie zum Studium der Germanistik motiviert hätten – weit vor den Eltern, Freunden oder gar der Studienberatung. Den Deutschunterricht sollte die Germanistik also nicht geringschätzen, und zwar aus einem egoistischen wissenschaftlichen Interesse an Studierenden, mit denen man in ein inspirierendes Fachgespräch treten kann.

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Noch ein Wort zum Fachjargon: Die „hermetische Sprache“, so wird der ehemalige Germanist Richard David Precht von Doerry referiert, „verhelfe den akademischen Akteuren zum sogenannten Distinktionsgewinn“, um dann zu erläutern: „oder, um es auch hier einfach zu sagen, zu dem Gefühl, sie seien deutlich klüger als der Rest der Menschheit“. Die Erläuterung jedoch ist bedeutungsärmer als die ursprüngliche Formulierung. Denn mit dem Begriff „Distinktionsgewinn“ wird die Kulturtheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu aufgerufen, der sich Gedanken über die soziale Funktion der Wissenschaftssprache gemacht hat. Fachbegriffe sind Teil eines langwierigen Sozialisationsprozesses. Sie dienen als Abkürzungen für komplexe Sachverhalte, die sich wissenschaftliche Gemeinschaften über einen langen Zeitraum hinweg erarbeiten.

Natürlich gibt es Germanisten, die in einem „Sprachpanzer“ hausen und durch Wortdunst ihre handwerklichen Fehler verschleiern. Das ist bei Ärzten, Heizungsbauern oder Juristen nicht anders. Aber es gibt eben auch jene Germanisten, die mit einer Aufmerksamkeit weit über die Grenzen des Fachs hinaus rechnen dürfen, und das sind gerade nicht diejenigen, die Literaturwissenschaft in leichter Sprache betreiben. Man denke an Heinrich Detering, den ästhetisch und politisch unbestechlichen Präsidenten der Darmstädter Akademie, an Marina Münkler, die als Mediävistin die aktuelle Lage Deutschlands mit historischer Tiefenschärfe beobachtet, oder an den Germanistik-Kritiker Albrecht Koschorke, der auf der Grundlage seiner Fachkarriere brillante Studien zu sozialen und politischen „Narrativen“ entwickelt hat. Und man könnte auch an Persönlichkeiten wie Martin Doerry denken, denen man im Germanistikstudium begegnet und die auch heute noch ihren öffentlichen Platz außerhalb der Universität finden.

Glosse

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Wie in einem Krimi verschwand eine kolossale Goldmünze über Nacht aus dem Berliner Bode Museum. Von der Gier getrieben, haben die Diebe die besonders schönen Schätze übersehen. Mehr 3

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