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Bibliothek

Forschungsbibliothek in Gefahr Wie echte Exzellenz zusammengespart wird

Die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel (HAB) gehört zu den weltweit ersten Häusern auf ihren Sammel- und Forschungsgebieten. Doch nun droht Niedersachsen die Beschädigung seiner berühmtesten Forschungsbibliothek - aufgrund von Sparmaßnahmen.

© picture-alliance / dpa/dpaweb Vergrößern Altehrwürdige Räume: Die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel

Die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel (HAB) gehört zu den weltweit ersten Häusern auf ihren Sammel- und Forschungsgebieten. Wer immer zum Mittelalter und zur Frühen Neuzeit aus Buchquellen arbeitet, war schon einmal da. Und zwanzig Digitalisierungsprojekte, digitale Editionen sowie Internetportale sorgen inzwischen dafür, dass man nicht einmal physisch da gewesen sein muss, um in Kontakt zur Welt früher Gelehrsamkeit zu treten, die hier im „achten Weltwunder“, wie die Bibliothek in ihrer Gründungsepoche bezeichnet wurde, repräsentiert ist. Was andernorts mühsam in Oxford, Cambridge, London zusammengesucht werden muss, ist in Wolfenbüttel an einem Platz.

Jürgen Kaube Folgen:  

Schon unter dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder (SPD) allerdings und mit dem Ausscheiden des Bibliotheksdirektors Paul Raabe begann die niedersächsische Landesregierung, an der Bibliothek zu sparen. Statt 89 „Vollzeit-Einheiten“ an Personal, wie eine hochrangig besetzte Gutachterkommission unter dem Germanisten Wolfgang Frühwald im Jahr 2001 verlangte, wonach das absolute Minimum mit gut 85 Vollzeitstellen festgelegt wurde, gewährt man dem Haus derzeit nur 80. Inzwischen kämpft sein Direktor, der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer, um die Funktionsfähigkeit der Forschungsbibliothek. Niedersachsen hat alle freiwerdenden Stellen im öffentlichen Dienst mit einer absoluten Wiederbesetzungssperre belegt. Geht also ein Angestellter, sei es aus dem Aufsichtspersonal, der bibliographischen Auskunft oder, wie gerade ebenso der Fall, aus der Publikationsabteilung der HAB in den Ruhestand, müssen die entsprechenden Aufgaben intern verteilt werden oder eben unerledigt bleiben. Es sei absehbar, so Schmidt-Glintzer gegenüber der F.A.Z., dass sich die Öffnungszeiten seines Hauses nicht mehr halten ließen, der Einsatz von Drittmitteln, die bereits eingeworben sind - auch niedersächsischen, etwa solchen der VW-Stiftung -, leer laufe, Kooperationen nicht mehr eingegangen werden könnten, die Publikation gewonnener Erkenntnis unterbleibe.

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Machtlos gegenüber dem Diktat des Finanzministers

Mitte Juli dieses Jahres hat Helwig Schmidt-Glintzer, der nicht als Mann lautstarker Auftritte und Übertreibungen bekannt ist, einen Brief an den Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Christian Wulff (CDU), geschrieben, um ihm die Dramatik der Situation zu schildern. An den Ministerpräsidenten wohl auch deshalb, weil das eigentlich zuständige Wissenschaftsministerium sich hilf- und machtlos gegenüber dem Diktat des Finanzministers zeigt. Bislang hat aber auch das Büro des Ministerpräsidenten den Eingang des Briefes nicht bestätigt. Im für sie zuständigen Ausschuss des Niedersächsischen Landtags sind die Grünen und die SPD dabei, das Thema zur Sprache zu bringen.

Wie stark auch immer das Interesse der niedersächsischen Regierung an der Funktionsfähigkeit einer der herausragenden Institutionen ihres Landes sein mag: Zwischen 2004 und 2008 wurden die Erwerbungsmittel der Bibliothek nach Schmidt-Glintzers Schreiben um ein Drittel gekürzt, der Rückgang der Erwerbungszahlen belief sich so gar auf 46 Prozent. Dabei sind es keine riesigen Summen, von denen hier die Rede ist: Es geht um 140.000 Euro, durch die der Ankaufsetat wieder normalisiert würde. Weitere 50.000 Euro sind nötig, um das Stipendienprogramm der Bibliothek für Forscher gegenüber anderen Institutionen konkurrenzfähig zu machen. Denn welcher qualifizierte, beispielsweise habilitierte Wissenschaftler kommt nach Niedersachsen, wenn die Förderung sich mit 1050 Euro monatlich auf dem Niveau der Doktorandenförderung bewegt?

Überwiegend von Niedersachsen finanziert

Zu all dem muss man wissen, dass es sich bei der HAB um die einzige geisteswissenschaftliche Einrichtung jenseits der Universitäten handelt, die überwiegend von Niedersachsen finanziert wird. Würde es die Haushaltslage in Hannover nicht erlauben, den moderaten Bitten des Bibliotheksdirektors um insgesamt 200.000 Euro und 3,6 Vollzeitstellen pro Jahr zu entsprechen, wäre eine Diskussion über diesen Finanzierungsmodus am Platz. Vergleichbare Häuser wie das Deutsche Literaturarchiv in Marbach oder die Weimarer Klassik-Stätten werden in Bund-Länder-Mischfinanzierung getragen.

Noch eine letzte Bemerkung zur beklagenswerten Lage jener Bibliothek, an der einst Lessing arbeitete: Für Exzellenzwettbewerbe an den Universitäten denken sich die dortigen Mittelnehmer eigens Projekte aus, die Exzellenz in Aussicht stellen. Dafür sind Millionen und riesige Personalressourcen da, und die Wissenschaftsminister haben sich mächtig ins Zeug gelegt, um die Fördermittel an Hochschulen ihres Regierungsgebietes zu ziehen. Schon bestehende Exzellenz in Gestalt einer allen zugänglichen, hochaktiven, das Forschungsfeld in bestimmten Bereichen geradezu repräsentierenden Einrichtung aber muss Bittbriefe schreiben. Ein Brief des an der Harvard University lehrenden Kunsthistorikers Jeffrey Hamburger an Christian Wulff von Ende August appelliert an den Stolz Niedersachsens und an seinen Verstand. Es sei kultureller Vandalismus, wegen so geringer Summen Wolfenbüttel lahmzulegen. Niedersachsen drohe der Ruf eines Landes, das unter Forschung nur solche im Namen von Kommerz und angewandter Wissenschaft versteht. Noch wäre es sehr leicht, diesen Verdacht zu widerlegen.

Quelle: F.A.Z.

 
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