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Veröffentlicht: 03.07.2015, 16:18 Uhr

Flüchtlingsinitiativen Alma Refugium

Flüchtlinge müssen sich nach ihrer Ankunft oft mit Drecksarbeiten über Wasser halten. Ihr Wissen versinkt. Eine Reihe wissenschaftlicher und künstlerischer Initiativen versucht das zu ändern.

von Claus Leggewie
© AP Wissen vor dem Versinken bewahren: Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa

Größe und Gefahr der Wissenschaften bestehen darin, dass sie in Krisenzeiten einfach weitermachen können. Das gilt gerade nicht für die Archäologen, deren Ausgrabungsstätten im Mittleren Osten Schlachtfelder sind und deren sorgfältig gehütete Altertümer von Barbaren zertrümmert werden. Die Forscher schlagen Alarm, und offenbar bewegt es die globale Öffentlichkeit, wenn ein Welterbe untergeht. Auch wenn Boat People im Mittelmeer versinken, wollen manche nicht einfach weitermachen. Drei Initiativen zeigen, wie sich auch die Wissenschaft des Themas Flüchtlinge annimmt.

Eher herkömmlich fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft neuerdings ein „wissenschaftliches Netzwerk zu Grundlagen der Flüchtlingsforschung“, das in einer Serie von Workshops Theorien und Normen der Flüchtlingsforschung überprüfen will. Koordiniert wird das Vorhaben am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien in Osnabrück, das seit 25 Jahren mit an der Spitze der deutschen Migrationsforschung steht. Für eine zeitgemäße Flüchtlingsforschung kommt man mit den Bordmitteln der Migrationssoziologie oder des Asyl- und Aufenthaltsrechts offenbar nicht mehr aus.

Über diese üblichen Drittmittelprojekte, die sich Zwangsmigranten zum Gegenstand machen, weisen die Refugee Law Clinics hinaus. In Köln stellten sich jüngst sieben solcher Initiativen vor, neun weitere sind in Planung oder Gründung. Eine von ihnen hat ihren Sitz in Gießen, wo das hessische Erstaufnahmelager steht, durch das seit dem Krieg Generationen von Flüchtlingen aus allen Weltregionen geschleust worden sind. Seit 2007 beraten dort vor allem Jurastudenten Flüchtlinge, die einen Asylantrag stellen wollen. Unter Anleitung des Juraprofessors Jürgen Bast und des Verwaltungsrichters Paul Tiedemann lernen angehende Juristen durch die Praxis, Flüchtlinge auf die Anhörung vor dem Bundesamt vorzubereiten.

Lernen aus dem direkten Kontakt

Das ist mehr als tätige Nächstenliebe. Studenten werden auf diesem Weg Experten auf dem in der Juristenausbildung vernachlässigten Gebiet des Asylrechts, bei dem aber nicht länger die Abwehr der Flüchtlinge, sondern ihr Schutz im Zentrum stehen soll. Eine im Tumult der Gegenwart geprägte Generation von Richtern und Anwälten kann so Anstöße für ein reformiertes Flüchtlings- und Einwanderungsrecht geben, das im Übrigen europäisch ausgelegt werden muss.

Die Begegnung im Aufnahmelager hat die angehenden Juristen spürbar beeindruckt. Gestiegen ist die Sensibilität für die psychische Belastung von Flüchtlingen, die oft schwerste Traumata aus den Erfahrungen von Flucht und Bürgerkrieg verarbeiten müssen. Das erfordert besondere Maßnahmen wie die Umsetzung einer EU-Richtlinie von 2003, wonach Personen, die psychische, physische oder sexuelle Gewalt erlitten haben, nach einer Einzelfallprüfung eine Behandlung zusteht, die sich nicht auf den Zeitraum kurz nach der Einreise beschränken darf.

Von besonderer Bedeutung ist die wachsende Zahl minderjähriger Flüchtlinge, die ihre Familien auf der Flucht verloren haben oder von ihnen allein auf die gefährliche Reise übers Mittelmeer geschickt wurden. Im Projekt einer kaufmännischen Berufsfachschule in Gießen bringen einheimische Schüler jungen Eritreern, Afghanen, Syrern und weiteren Gleichaltrigen aus einem Dutzend weiterer Länder Deutsch bei.

Stille Universitäten

Für die Forschung ist dieses lebensweltlich geerdete Modell auch insofern interessant, als es vom „Forschen über“ zum „Lernen mit“ übergeht. Das ist das ausdrückliche Programm eines weiteren Projekts, das gerade von England und Schweden aus in Deutschland Fuß fasst, etwa in Hamburg und im Ruhrgebiet: The Silent University. So nennt sich eine autonome Wissensplattform von Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten, die mit Hilfe einheimischer Dozenten ihr Erfahrungswissen in Kursen und Projekten weitergeben. Um einige Themen der Stockholmer Kurse zu nennen: Geschichte der kurdischen Literatur, Didaktik des Fremdsprachenlernens und nicht zuletzt die eigene Unternehmensgründung.

Nach der Flucht hat das elaborierte Wissen der Flüchtlinge meist keine Entfaltungsmöglichkeit. Es ist bedenklich genug, wenn eine ganze Generation von Akademikern aus der Peripherie Europas und dem globalen Süden den Herkunftsländern fehlen wird. Aber noch misslicher ist es, wenn die Aufnahmeländer den Wissensfundus der Exilanten ignorieren und sie in Drecksarbeiten in der Schattenwirtschaft abschieben.

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Die Silent University wurde nicht von Universitäten initiiert, sondern von Kunstprojekten. Diese spontanen Initiativen sollten sich auf Hochschulen ausdehnen. Um das begehrte Humankapital zu sichern, wollen Bund und Länder nun ausländische Berufsqualifikationen anerkennen, auch wenn Zeugnisse auf der Flucht verlorengegangen sind. Der Deutsche Akademische Austauschdienst bietet begabten Flüchtlingen Stipendien an. Seit diesem Frühjahr ermöglicht die Universität Hildesheim ein kostenfreies Probestudium.

Vielleicht gelingt gemeinsam mit den Flüchtlingen ein neuer Blick auf die Welt. Hannah Arendt forderte das in einer Zeit, als Deutsche selbst Flüchtlinge waren und an Hochschulen rund um den Erdball Zuflucht fanden. Die New School, wo Arendt in New York lehrte, gründete nach 1933 eine „University in Exile“.

Glosse

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