08.12.2008 · Die Exzellenzinitiative belohnt bisher vor allem breit aufgestellte Volluniversitäten. Mittlere Universitäten mit starken Forschungsleistungen in einzelnen Bereichen gehen leer aus. Der neue Exzellenz-Bericht sieht hier Änderungsbedarf, kann aber noch kein überzeugendes Konzept vorlegen.
Von Achim Wiesner und Stephan LeibfriedDie Exzellenzinitiative von Bund und Ländern ist ein politisches Förderprojekt: Spitzenforschung an Universitäten sollte unterstützt werden, auf dass der Wissenschaftsstandort Deutschland international an Sichtbarkeit und Attraktivität gewinne. Nach dem Durchgang 2006/2007 steht nun ab 2011 die zweite Runde an. So verabredeten es Bund und Länder und ringen bereits um die Fortsetzungsmodalitäten. Aber die Neue Exzellenzinitiative steht unter Dreifachvorbehalt: dem der nächsten Bundestagswahl, dann dem der Folgen von Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise und dem der Nachhaltigkeit.
Welcher Anpassungen bedarf dieses bedeutsamste neuere Programm zur Forschungsförderung? Vor allem sollte man aus den Mängeln der 2005 hektisch entworfenen Förderarchitektur lernen. Bei der Neuauflage ist eine Förderlücke zu schließen, ist die institutionelle Ausdifferenzierung abzusichern, sonst ist die Nachhaltigkeit schnell dahin. Denn ein und vielleicht das wichtigste institutionelle Ziel der Exzellenzinitiative war es schließlich, Unterschiede zwischen den Hochschulen anzuerkennen und zu fördern. Dazu aber braucht es eine neue Förderlinie für das sehr gute Verfolgerfeld der „Spitzenuniversitäten“.
Stärkung des Verfolgerfelds
Das mittelfristige Ziel: eine realistische, geringere Zahl an Exzellenzuniversitäten, aber eine starke Gruppe dahinter. So kann ein in sich stimmiges Wettbewerbssystem entstehen, das Leistung, Anstrengung und Kooperation aller forschungsintensiven Universitäten immer wieder öffentlich herausfordert und dennoch Abstände wahrt, Leistungsunterschiede kenntlich macht.
In der ersten Exzellenzinitiative haben die Länder, vor allem aber der Bund 1,9 Milliarden Euro eingesetzt: für wissenschaftlichen Nachwuchs in Graduiertenschulen, Forschung in thematisch weit gespannten Clustern und gesamtuniversitäre Zukunftskonzepte. Graduiertenschulen und Exzellenzcluster passen gut ins Förderportfolio der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die als Selbstorganisation der Wissenschaft die meisten und begehrtesten Drittmittel vergibt - Gelder, die die Universitäten bei sinkenden Grundhaushalten immer nötiger brauchen und für die sie sich im Ideen- und Antrags-Wettbewerb bewähren müssen.
Die Exzellenzinitiative belohnt Breite in der Spitze
Die dritte Förderlinie hingegen, die Förderung von Zukunftskonzepten, war völlig neu. Hier werden Hochschulen in Klassen eingeteilt. Viele andere nationale Hochschulsysteme sind vertikal gegliedert, weit über die Unterscheidung Universität und Fachhochschule hinaus. Das Problem der Exzellenzinitiative war aber: Es gibt für alle Universitäten bislang nur zwei Klassen, „exzellent“ und „nicht-exzellent“. Das verzerrt das nüchterne Bild, wie es das DFG-Förderranking selber zeichnet. In den vier großen Wissenschaftsbereichen - Geistes- und Sozialwissenschaften, Lebens-, Natur-, und Ingenieurwissenschaften - landen regelmäßig ein Dutzend Universitäten in ein oder zwei Bereichen ganz oben bei oder über den neuen Exzellenzuniversitäten. Das sind, neben spezialisierten Einrichtungen wie Technischen Universitäten, die mittelgroßen Volluniversitäten, also reformintensive, bewegliche Einheiten mit häufig steilen Leistungskurven, die aber als Exzellenzunis strukturell keine Chance haben. Denn die Exzellenzinitiative belohnt vor allem kritische Masse in einzelnen Disziplinen und „Breite in der Spitze“.
Beides zugleich erreichen - neben ohnehin im Profil engeren Technischen Hochschulen - nur die großen Universitäten mit ihren Handlungsspielräumen und Fehlertoleranzen. Hier klafft die große Förderlücke. Das Verfolgerfeld, überwiegend mittelgroße Universitäten, verliert den Anschluss, kann selbst nicht mehr in auch nur annähernd vergleichbarem Maße in neue, innovative Forschungsrichtungen investieren, kann vor allem neben bestehenden Stärken keine weiteren Bereiche nach oben ziehen und leidet zu allem Überfluss an Auszehrung: Die besten Professoren und zugleich die Nachwuchsleute werden von den Exzellenzuniversitäten abgeworben. Beim radikalen Leerkauf - 1600 neue Stellen wurden in zwei Jahren zusätzlich besetzt - kann so schnell nichts mehr nachwachsen. Kurz: Diese in Teilen hervorragenden Universitäten werden dadurch in ihrer institutionellen Gesamtentwicklung, also jenseits einzelner Cluster, alles andere als unterstützt.
Plädoyer für Diversifikation
Der gerade veröffentlichte Exzellenz-Bericht von DFG und Wissenschaftsrat sieht diese Herausforderung. Diversifikation der Zukunftsmodelle und Chancen für Neuanträge werden verheißen. Das bleibt erwartbar folgenlos, ist aber jedenfalls mutlos: Mit „Augen zu und durch“ soll ohne Änderung möglichst schnell die Neuauflage von Bund und Ländern beschlossen werden. Das entschiedene Plädoyer für Differenzierung und Diversifikation über den jetzt erreichten Stand hinaus wird nicht strukturell gewendet, es könnte Lippenbekenntnis bleiben.
Eine Förderung ausdrücklich für das Verfolgerfeld wäre dagegen strukturbildend. Nur so wird der produktive Druck auf die international ausstrahlenden Leuchttürme, die Exzellenzunis, aufrechterhalten. Nur so wird das im Universitätssystem vorhandene Exzellenzpotential maximal ausgeschöpft. Nur so gedeiht die nationale Exzellenz dauerhaft auf einer breiteren Schicht sehr guter Forschungsuniversitäten. Und nur so lohnt es sich auch für das Verfolgerfeld, immer wieder die gesamte Einrichtung zu mobilisieren, um für begehrte Plätze hinter den ersten Rängen zu kämpfen.
Die neunmalexzellente Nation?
Die Lösung kann nun nicht sein, die Gießkanne zu nehmen und alle irgendwie Exzellenzverdächtigen zu fördern. Auch eine vierte Förderlinie müsste nach wissenschaftlichen Qualitätskriterien belohnen, orientiert allein an erbrachter Leistung der Universität und Güte ihres Zukunftsplans. Entscheidend ist, dass es überhaupt eine solche Gewinnklasse gibt. Das mindert den Druck, von neun auf dann dreizehn oder gar vierzehn Exzellenzuniversitäten aufzustocken. Denn wenn das ein Ergebnis der zweiten Runde wäre, hieße das, den reputationsförderlichen Titel zu inflationieren.
Genau dahin tendiert leider der neue Exzellenz-Bericht. Denn dass der notwendige Platz für Neue dadurch geschaffen wird, dass bestehende Exzellenz-Titel umgehend aberkannt würden, ist kaum realistisch. Die Gewinnklasse „Spitzenuniversität“ erlaubte es dagegen zumindest mittelfristig, von der jetzt schon zu hohen Zahl von neun Exzellenzuniversitäten auf ein realistisches Maß herunterzukommen. Eine vierte Förderlinie würde den Gedanken der Exzellenzförderung gegen regionalen Proporz verteidigen und zudem durch eine weitere Gewinnklasse neue Wettbewerbschancen für Universitäten unterschiedlichster Bundesländer eröffnen.
Exzellenzunis und Spitzenunis
Der Exzellenz-Bericht ist an einer weiteren Stelle inkonsistent: Die Kriterien für Zukunftskonzepte sollen erklärtermaßen dieselben bleiben, ausdrücklich sollen nun aber auch solche Universitäten eine Chance bekommen, die bisher an ebendiesen Kriterien scheiterten. Das öffnet in der Begutachtung dem Kriterienrelativismus Tür und Tor. Transparenter wäre es einzuräumen, dass sich die Ambitionen von Exzellenz- und Spitzenunis unterscheiden: Exzellenzuniversitäten sollen international sichtbare Leuchttürme werden. Bei Spitzenunis ginge es nicht um internationale Sichtbarkeit als Ganzes, sondern darum, erreichte Exzellenz bestimmter Wissenschaftsbereiche zu kultivieren und nachrückende Bereiche qualitativ zu steigern.
Und all das, ohne den Anspruch aufzugeben, eine sehr gute Volluniversität zu bleiben - ohne also sich, des Erfolges und der Profilierung willen, disziplinär selbst zu amputieren. So ließen sich neben idealerweise etwa vier Exzellenzuniversitäten vielleicht zwölf Spitzenuniversitäten vorstellen. Bei dieser Aufteilung könnten die gesamten Fördermittel der Spitzenunis den für die Exzellenzunis aufgewendeten Mitteln entsprechen - die Förderung pro Spitzenuni läge also etwa bei einem Drittel der Unterstützung für eine Exzellenzuniversität. Es stünde damit 3:1 bei Exzellenz:Spitze.
Nur bei Einführung einer solchen weiteren Klasse bleibt die angefangene Klassenbildung der Hochschullandschaft nicht auf halbem Weg stecken, sondern wird in eine tragfähige, deutlich vertikale Struktur überführt. International gesehen ist diese Strukturbildung bei uns noch am Anfang: Es gibt keine Rollenmodelle für Universitäten jenseits allumfassender Forschungsexzellenz. Exzellent wollen nun alle sein, führen aber so den Gedanken ad absurdum. Ist gediegene Wissenschaft auf breiter Grundlage für Deutschland wichtig, dann liegt auch die Förderung dieser Gesamtheit hervorragender Forschungsuniversitäten im nationalen Interesse. Ohne systematische Innovation in der Spitze und eine aufwärtsstrebende, tragende Breite zugleich verspielt der deutsche Wissenschaftsstandort seine Chance auf Weltgeltung.