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Exzellenz und Hochschul-Marketing Mehr Ehre für die Leere

21.10.2009 ·  Der bescheidene Versuch, auch die universitäre Lehre mit einem Exzellenzwettbewerb zu beglücken, ist gerade zu Ende gegangen: Wolfgang Fach, Prorektor für Lehre und Studium in Leipzig, über Bologna als Lehrproblem.

Von Wolfgang Fach
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Man muss differenzieren - „Bologna“ ist eine Sache, alles andere ist etwas anderes. Das gilt auch und gerade für die „Exzellenz“. Dass Deutschlands Universitäten ihre bis dato eher matten Lehrbilanzen dadurch aufpolieren wollen, dass sie sich in einem bundesweiten Konkurrenzkampf messen („Mehr Ehre für die Lehre“, organisiert vom Stifterverband und den Kultusministern), kann man der Studienreform nicht anlasten.

Bologna - das ist im Kern die Erfindung des Moduls. Modularisierte Studiengänge haben einiges zu bieten: Sie lockern Fächer auf, öffnen disziplinäre Grenzen, erlauben ein problemorientiertes Arbeiten und praktizieren regelmäßige Erfolgskontrollen. Was wäre dagegen zu sagen? Die Lage ändert sich freilich drastisch, wenn der Reformprozess dem grassierenden Profilierungszwang unterworfen wird. Genau dies passiert freilich. Derzeit überbieten unsere Hochschulen einander im heißen Bemühen, auf Bologna Exzellenz draufzusatteln. Wohin diese Reise geht, lässt sich an den Innovationen der anerkannten Spitzenreiter ablesen. Prämiert werden „progressive“ Prozeduren, denen man nachsagt oder wenigstens zutraut, dass sie dramatische Lehrqualitätsschübe auslösen würden: Mentoring, Controlling, „Tracking“, Marketing, jeweils denkbar weit gefasst und technologisch möglichst avanciert.

Nichts davon steht zu Bologna in eklatantem Widerspruch, doch der Überbietungsexzess lässt am Ende nur noch zweckfreie Selbstläufer zurück. Je mehr von jedem stattfindet, desto besser soll das akademische Geschäft funktionieren. Daran glauben zumindest jene Probanden, die sich auf dieses Wettrennen eingelassen haben - und ihre Juroren, wiewohl aus Erfahrung spürbar distanzierter, scheinen in einer mentalen Falle zu sitzen. Man kann ja kaum jene ehren, deren Leistung darin besteht, vom Neuen weniger zu haben. Doch der Reihe nach.

Menscheln bei Kaffee und Kuchen

Mentoring, die (gruppenweise) Betreuung von Studierenden durch Lehrende außerhalb der vier Wände des Hörsaals, ist entweder geheuchelte Anteilnahme oder tendenziell anachronistisch. Sorge lediglich vorgetäuscht wird dort, wo weder hinreichend Lust noch genügend Geld noch das nötige Quentchen Expertise vorhanden sind, um den studierenden Patienten aus seinem „Loch“ herauszuhelfen. In ein solches fallen kann man aus vielerlei Gründen: Zum Beispiel weil der Stoff zu schwierig erscheint, das Geld kaum zum Überleben reicht, eine Beziehung kaputtgegangen ist, die eigene Psyche dem Massenbetrieb schlecht standhält.

Sehen Mentorenprogramme vor, dass Lehrende ihren Schützlingen turnusmäßig Kaffee und Kuchen spendieren, damit sich beide Seiten plaudernd näherkommen, dann mag es im Effekt ein bisschen menscheln, doch kaum ist die Torte verdaut, geht es mit der Tortur weiter - weder sind Themen dadurch einfacher noch überfüllte Vorlesungen heimeliger geworden. Didaktische oder bauliche Vorkehrungen können daran etwas ändern, und psychologische Hilfen mögen immerhin den Symptomen beikommen, doch keines dieser Instrumente stehen dem Lehrenden in seiner Eigenschaft als Mentor zur Verfügung. Vielleicht sollte man das Manko nicht einmal bedauern - denn eine paternalistische Rundumversorgung passt genauso wenig ins Bologna-Bild des intelligent (oder gar nicht) motivierten Studierens wie die tayloristische Arbeitszeitmessung (workload).

Der Geist grinst, wo er will

Freilich, die Logik der Exzellenz treibt in eine andere Richtung - statt des Mentoring perfektioniert man sozusagen das Manko und sucht sein Heil im Controlling. Sattsam bekannt ist, dass deutsche Hochschulen um ihrer „gesellschaftlichen Verantwortung“ willen immer stärker den Buchhaltern respektive Kostenrechnern ausgeliefert werden. Schichtenweise legen sich Zahlensysteme und Rechenwerke über den akademischen Betrieb, damit ja kein Effektivitätsgewinn leichtfertig verspielt werde.

Seit je leiden solche Bemühungen daran, dass zwar alle möglichen Systemvariablen (von Präsenzzeiten über Lehrdeputate bis hin zu Raumgrößen) gemessen und gegebenenfalls modifiziert werden können, doch das eigentliche Objekt der kontrollierenden Begierde, die „Lernmaschine“, entzieht sich dem direkten Zugriff. Ein Mensch lernt, wenn er lernt - und grinst, fährt Niklas Luhmann fort, wenn ihm danach ist. In diese Blackbox einzudringen gelingt nur höchst unvollkommen. Spürbare Fortschritte sind nur dort zu erwarten, wo es gelingt, Kontrolltechniken zu Systemen der kontrollierten Selbstkontrolle auszubauen. Exzellente Universitäten zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie die Entwicklung solcher Lückenfüller in Angriff nehmen.

Wissenshäppchen im Lerntagebuch

Möglich geworden scheint dieser große Sprung, seit ihre Strategen den E-Kosmos entdeckt haben und finanzieren können: E-Learning, E-Teaching, E-Assessment, schließlich (hier springt der Funke dann über) das E-Portfolio. Man stellt eine Plattform für Lerntagebücher bereit, auf der Zöglinge abends jene Wissenshäppchen eintragen können (oder dereinst mal müssen), die sie tagsüber verschlungen haben. Da ihre Ergüsse aber, anders als bei verschriftlichten Herzensangelegenheiten, äußeren und höheren Maßstäben standhalten müssen, kann es am Ende gar nicht ausbleiben, dass ein kontrollierender Gewährsmann ins Spiel kommt: der Mentor.

Es wäre, historisch betrachtet, verkehrt, den Trend hin zur betreuenden Kontrolle vom Bologna-Prozess strikt separieren zu wollen. Schließlich schafft man so Exzellenz in der Breite, sprich: maximiert die Zahl erfolgreicher Abschlüsse und realisiert so das (innen-)politische Letztziel des ganzen Reformrummels. Eine innere Verbindung gibt es gleichwohl nicht - genauso wenig wie mit jener komplementären Strategie, die man, amerikanische Gebräuche im Ohr, Tracking nennen könnte. Das Ziel besteht darin, möglichst früh Spreu und Weizen voneinander zu trennen, damit sich Exzellenz in der Spitze entfalten kann. Mit dem „fast track“ ging es los: Er katapultiert frühreife Kandidaten direkt vom Bachelor-Abschluss ins (vorzugsweise strukturierte) Promotionsprogramm und verweist damit alle Spätentwickler auf minderwertige Ränge und normale Karrieren, an deren Ende bestenfalls ein zweitklassiger Doktortitel stehen kann („Statuspromotion“). Weitere Filter werden nicht lange auf sich warten lassen; davon ist einer schon heute auf dem besten Wege, den Differenzierungsprozess zeitlich noch weiter nach vorne zu ziehen: IndiTrack (für „individual track“) bietet „hochbegabten Studierenden“ als Privileg an, was Bologna für alle einführen wollte, die Möglichkeit nämlich, das „Studienprogramm auch über Fächergrenzen hinweg individuell zu planen und durchzuführen“.

Die permanente Prostitution

Es ist eine Ironie der Geschichte: Während das Bologna-Projekt entweder nicht verstanden oder da, wo man es versteht, nicht verwirklicht wird, schießen Huckepack-Reformen ins Kraut, deren kombinierter Effekt die Universität in einem Ausmaß transformieren, ja sogar germanisieren werden, wie dies Bologna alleine nie und nimmer vermocht hätte. „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird“ - diese Binsenweisheit könnte beruhigen, hätte da nicht eine weitere Mode Konjunktur: das universitäre Marketing.

Wer miterlebt, wie sich Hochschulen heute prostituieren, um Preise einzuheimsen und Kunden anzulocken, kommt aus dem Staunen kaum noch heraus. Rektoren agieren wie Marktschreier; sperrige Institutionen preisen ihre körperlose Dynamik; „junge“ Universitäten preisen die Gnade ihrer späten Geburt; der freie Geist fühlt sich plötzlich allem, was Glamour verspricht, „verpflichtet“. Nichts, aber auch gar nichts ist wirklich zu Ende gedacht - verdrängte Risiken tarnt man als Pilotprojekte. Kurzum: Leerlauf, jedenfalls aufs Ganze gesehen. Gutgeölte Nichtigkeiten werden aufeinander gehetzt und machen einander den Rang streitig. Wettbewerbe prämieren das Marketing, sie beschleunigen die Blasenbildung einer „new academy“.

Der Autor lehrt Politikwissenschaft an der Universität Leipzig, deren Prorektor für Lehre und Studium er ist.

Quelle: F.A.Z.
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