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Existenzgründung auf Kuba : Guerrillamarketing funktioniert in Havanna nicht

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Die Zahl der kubanischen Kleinunternehmer steigt und das Straßenbild der Städte verändert sich Bild: dpa

Seit zwei Jahren dürfen Kubaner sich selbstständig machen. Aber wie gründet man ein Unternehmen in einem Land ohne Internet und funktionierendes Kreditwesen? Matthias Karkuschke lehrt Marktwirtschaft in Havanna.

          Zunächst einmal: Wie kommt man überhaupt dazu, auf Kuba Unternehmertum zu unterrichten?

          Ich bin Absolvent der Berliner Humboldt-Universität - und die hat vor elf Jahren an der Universität Havanna eine Sommerschule ins Leben gerufen, die International Summerschool of Economics and Management (ISSEM). Der Leiter hat mich dann gefragt, ob ich den Existenzgründerkurs übernehmen will.

          Die Studenten in Havanna leben in einem sozialistischen System. Wollen Sie jetzt mit Ihrem Gründerkurs den Kapitalismus nach Kuba bringen? 

          Ich bin doch kein kapitalistischer Missionar! Es geht darum, mit den Leuten zu überlegen, wie gehe ich vor, wenn ich ein Unternehmen gründen will.

          Begriffe wie Wettbewerb und Werbung sind für die meisten Kubaner Fremdwörter. Was ist also die erste Lektion?

          Ich erzähle erst mal, was ich mache. Wir besprechen, was möglich ist in Havanna, es geht um konkrete Fragen: Was kann man sich vorstellen, was will man machen, was ist möglich? Wir besprechen dann eher ganz konkrete Fragen, wie zum Beispiel: Wo gibt es preiswerte Druckfolien für T-Shirts?

          Lehrt in Havanna: Matthias Karkuschke

          Worin unterscheidet sich dann der Unterricht in Havanna und Berlin?

          Guerrillamarketing zum Beispiel funktioniert in Berlin super, aber in Havanna kann man nicht einfach sein Fahrrad irgendwo anketten mit dem Aufdruck: Kommt in mein Cafe, das ist drei Ecken weiter. Hier sind die Werbemethoden eingeschränkter. Und daran muss ich meinen Unterricht anpassen, Beispiele suchen, die funktionieren. Die Recherchen mache ich im Alltag von Havanna, mein Lieblingsbeispiel sind Routen-Taxifahrer, die „almendrones“. Die fahren eine bestimmte Route von zentralem Punkt aus ab. Und jeder, der in Stadt lebt, kann die Route herausfinden, und am Straßenrand auf das Taxi warten.

          Mund-zu-Mund-Propaganda ist eine Form der Werbung. Wie sonst machen kubanische Unternehmer auf sich aufmerksam?

          In Havanna gibt es zum Beispiel den Imbiss „La Pachanga“. Gäste, die ihr Auto mit einem Aufkleber von La Pachanga bekleben, bekommen Rabatt bei Essen und Getränken. Und in der Stadt fährt die Werbung spazieren - eine pfiffige Idee. Außerdem haben sie auf Youtube ein Video hochgeladen mit einem Reggaeton-Song von „Gente de Zona“, einer zurzeit angesagten Band auf Kuba. Aber im Prinzip sind es hier wie dort dieselben Problematiken, die klassischen Marketingfragen: Was will ich erreichen? Was macht mich einzigartig? Wen muss ich ansprechen? Was brauche ich dafür?

          Das, was viele brauchen, gibt es in Kubas Mangelwirtschaft nicht immer . . .

          Die Einkaufslogistik ist auf jeden Fall das größte Problem, egal ob einer Pediküre machen will oder ein Restaurant eröffnen. Es gibt keinen Großmarkt, in dem der Pizzabäcker sein Mehl einkaufen kann. Er muss auf den Markt gehen wie jeder andere auch und den Einzelpreis zahlen. Andere Unternehmer sind extrem abhängig von Importen, das heißt gleichzeitig: von einem weltweiten Netzwerk. Und das aufzubauen und zu pflegen ist gar nicht so einfach, schließlich haben die Kubaner quasi kein Internet. Sie sind auf das Telefon angewiesen und darauf, persönliche Kontakte aufzubauen, sei es in der Nachbarschaft oder mit Ausländern, die die Insel besuchen. Das fängt schon beim Nagelstudio an: Wer da niemanden kennt, der einem regelmäßig Nachschub an Nagellacken und so weiter aus dem Ausland mitbringen kann, hat ein Problem.

          Unternehmergeist reicht also nicht . . .

          Nein, bei weitem nicht. Da ist ja auch noch die Geldfrage. Nicht jeder hat die Mittel, um sich für 10.000 oder 15.000 US-Dollar ein Auto zu kaufen, um Taxifahrer zu werden. Oder ein Haus, um Fremdenzimmer zu vermieten - die Immobilienpreise sind explodiert. Die Miete für eine Einraumwohnung im Stadtteil Vedado kostet inzwischen mindestens 300 Dollar. Wer da keine Unterstützung von Verwandten oder Freunden bekommt, muss sich mit einem anderen Job zufriedengeben. Aber die Kubaner sind zäh: Seit 2011 gibt es die Lizenzen zur Selbständigkeit - mittlerweile sind schon 390.000 Kubaner offiziell als Freiberufler unterwegs.

          Existenzgründung heißt ja auch: innovativ sein, Nischen finden. Welche Ideen haben Ihre Studenten?

          Seit sich die Kubaner selbständig machen dürfen, sind in Havanna besonders viele kleine Cafeterias eröffnet worden. Das hat sich massiv entwickelt, fast an jeder Ecke kann man jetzt etwas zu essen kaufen. Viele meiner Studenten entscheiden sich dafür, Partyorganisator zu werden. Oder Elektromechaniker, Friseur, Schuhmacher. Auch Maniküre ist beliebt. Mit dem Begriff Visionen wäre ich aber vorsichtig: Schließlich können sie nur aus einer stark limitierten Liste von 181 Berufen wählen.

          Dazu gehört auch der „Feuerzeugauffüller“ oder der „mensajero“, der alten Menschen den Einkauf abnimmt - unproduktive Jobs, die kaum Steuern abwerfen und so den maroden Staatshaushalt sanieren könnten. Wäre es da nicht gut, im Gegenteil eine Verbotsliste zu erstellen?

          Das wäre ja fast eine philosophische Frage: erlauben oder verbieten? Erlauben bedeutet natürlich die größere Kontrolle, deshalb bleibt die kubanische Führung erst einmal auf der sicheren Seite. Bestimmt sind manche der Berufe sinnlos, aber da gibt es auch Brot-und-Butter-Jobs. Und viele Kubaner sind clever, die schöpfen ihre Möglichkeiten voll aus. Hut ab - bei den Unsicherheiten, mit denen sie zu kämpfen haben. Man kann eben nicht mit einem neuen, von Daimler geleasten, Wagen starten. Der Taxifahrer hier muss eben mit einem 50 Jahre alten Auto vorliebnehmen, das dann vielleicht der Großonkel noch reparieren kann. Die Kubaner sind gut im Improvisieren. Und ich erlebe oft, dass es ihnen letztlich nur noch um sehr konkrete Fragen geht: Wie kann ich das Design meines Flyers optimieren? Und was die Verdienstmöglichkeiten angeht: Ein Taxifahrer kann an einem guten Tag durchaus einen doppelten Monatslohn einfahren. Das müsste man einmal hochrechnen für die etwa 1350 Euro, die deutsche Arbeitnehmer im Schnitt zur Verfügung haben.

          Aber machen dann nur jene das große Geschäft, die mit Devisen in Berührung kommen?

          Sicher sind die Taxifahrer und die Vermieter von Fremdenzimmern privilegiert. Aber es gibt auch sehr viele Pizzabäcker, die weit mehr verdienen als den üblichen Monatslohn.

          Kuba ist dafür bekannt, das beste Bildungssystem in Lateinamerika zu haben. Ist es nicht der falsche Anreiz, wenn man die jungen Leute jetzt zum Pizzabacken auf die Straße setzt?

          Zum einen ist die Akademikerquote ohnehin nicht sehr hoch. Und viele Studenten schielen auch auf ganz andere Jobs: Sie wollen nach dem Studium als Fachkraft vor Ort für ausländische Unternehmen arbeiten, zum Beispiel in der Verwaltung von Reiseveranstaltern. Offiziell bekommen die Angestellten dort zwar nur das kubanische Staatsgehalt von rund 25 US-Dollar. Aber es gibt dann alle möglichen Extras - es ist durchaus möglich, so auf bis zu 500 Dollar im Monat zu kommen.

          „Wir werden uns allein verteidigen, umgeben von einem Ozean des Kapitalismus“, hat Fidel Castro einmal gesagt. Wie verträgt sich das: Sozialismus und Existenzgründer?

          Der Geschäftsmann denkt ja nicht, ich bin Kapitalist oder Kommunist, sondern er sieht sich als Löser gesellschaftlicher Probleme. Der überdenkt seine Kosten- und Einnahmestruktur, fragt sich, wie er kostendeckend arbeiten kann, um am Ende Wohnung, Strom und Essen bezahlen zu können. Da spielt es keine Rolle, ob er das in einem kapitalistischen oder sozialistischen System tut. Die Kubaner sehen die Reform als Fortsetzung des sozialistischen Modells, nach dem Motto, wir sind nicht effizient genug, also nehmen wir erfolgversprechende Konzepte auch aus dem Ausland auf. Klar ist, dass die kubanische Führung weiter eine klare Losung hat: den Sozialismus und seine Errungenschaften erhalten.

          Aber das macht doch auch etwas mit dem Land, wenn es immer mehr Unternehmen, immer mehr Wettbewerb gibt?

          Ohne Frage. Aber ich weiß nicht, was. Wahrscheinlich könnte diese Frage nicht einmal die Führungsriege der sozialistischen Partei beantworten.

          Aber vielleicht können Sie beantworten, was die Deutschen von den Kubanern lernen können?

          Eine ganze Menge! Lockerer werden! In Deutschland ist es oft ermüdend, endlos über die Perfektion eines Geschäftsmodells zu reden, anstatt einfach mal anzupacken, loszulegen. Kein Modell ist von Anfang an gut. Es braucht auch Mut zum Irrtum! Da zwingen natürlich oft auch die Lebensumstände der Kubaner zu etwas spontanerem Handeln. Ich habe den Eindruck, dass Gründer in Deutschland oft Hilfe von außen erwarten. Wenn sie die nicht kriegen, lassen sie die Geschäftsidee sausen. In Kuba sagen sie: Gut, wenn es im großen Stil nicht geht, fange ich ganz klein an. Dann mache ich eben eine Weile erst einmal keine Riesengewinne, sondern investiere. Dieses Vorgehen ist für viele deutsche Gründer nicht einleuchtend. Die sagen: Ohne Kredit mache ich mich gar nicht erst selbständig. Wobei man einräumen muss, dass es auf Kuba meist nicht um so große Summen geht: Wenn einer Limonade verkaufen will, investiert er vielleicht zwei Monatslöhne, das kann er zur Not durch Dritt- und Viertjobs wieder reinholen.

          Und inwiefern werden Sie kontrolliert, dass Sie den jungen Kubanern keine konterrevolutionären Flausen ins Ohr setzen?

          Gar nicht. Keiner macht mir Vorgaben, du musst das und das mit rein nehmen. Aber sicher sitzt da immer ein Hochschullehrer mit im Kurs. Aber bisher gab es nur einmal eine Unstimmigkeit: Da ging es um die Finanzierung aus dem Ausland. Auch wenn das offiziell nicht erlaubt ist - jeder weiß, das ist Teil des kubanischen Alltags.

          Die Fragen stellte Jenni Roth.

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