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EU-Forschungspolitik : Unterwegs zur Lügenwissenschaft

Das beste Mittel gegen Populismus und Vereinfachung: Bücher und Bibliotheken. Bild: ZB

Gegen den grassierenden Populismus hilft wissenschaftliche Aufklärung. Doch statt Irrationalität mit Sachverstand abzuwehren, dünnt die EU die Sozialwissenschaften weiter aus.

          Im brüchig gewordenen Europa schien die Wissenschaft lange Zeit ein Hort der Stabilität zu sein. Das hat sich spätestens durch die Massenverhaftungen türkischer Wissenschaftler (auch an diesem Wochenende) und den Brexit geändert. In der ethnozentrisch ausgerichteten Türkei zeigt sich, dass freie Forschung und Wissenschaft in geschlossenen Gesellschaften keinen Raum mehr hat.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Der Brexit ist ein Exempel dafür, wie man in einer pluralistischen Gesellschaft und einem Musterland der Demokratie mit plumpem Populismus Mehrheiten organisieren kann und dabei sogar eine Verfassungskrise in Kauf nimmt. Das wäre vor zwanzig Jahren noch unmöglich gewesen. Der Blick auf die Bundespräsidentenwahl in Österreich, in der ein rechtspopulistischen Kandidat Wählermassen mobilisierte, oder auf die Entwicklungen in Polen und Frankreich offenbart, dass es sich in Großbritannien nicht um einen insularen Sonderfall handelt.

          Überall verfahren die Populisten nach demselben Muster. Das Volk, das in Wirklichkeit aus vielen Teilsystemen besteht, wird als homogene Größe beschworen, die angeblich von Überfremdung bedroht ist und davor geschützt werden muss. Sowohl in Polen als auch in der Türkei wird das Volk darüber hinaus zur religiösen oder ethnischen Größe stilisiert, die als eigene Quelle der Legitimation dient. Der vermeintliche Volkswille wird so zu einem Vehikel, verfassungsrechtliche Grundlagen auszuhebeln. In Polen lässt sich studieren, wie die Demagogie sich den Weg in die Verfassungskrise bahnt, dort trägt die PIS-Partei sogar das Programm im Namen: „Recht und Gerechtigkeit“, das ihre wahren Absichten verschleiert.

          Für Geisteswissenschaftler eine Katastrophe

          Für die Wissenschaft in Großbritannien liegt das größte Problem nun nicht darin, dass ihr Fördermittel der EU fehlen werden und britische Wissenschaftler es schon bis zum Ende der Verhandlungen nicht leicht haben werden, sich in der Leitung von Forschungsgruppen zu behaupten. Es war ja kein Zufall, dass sich die große Mehrheit der Wissenschaftler gegen den Brexit ausgesprochen hatte, weil sie den Populismus zumindest klarer durchschauten.

          Die fehlenden Gelder aus Brüssel sind nicht das Kernproblem, möglicherweise wird es mit Großbritannien ein ähnliches Abkommen geben wie mit Norwegen oder mit der Schweiz, die ähnlich wie Israel Zugang zu den Förderprogrammen der EU für Forschung und Wissenschaft haben, obwohl sie keine Mitglieder sind. Gravierender ist, dass sich die Legitimationskrise der britischen Wissenschaft unweigerlich verschärfen wird. Schon seit einiger Zeit wird Forschungsförderung in Großbritannien nur dann gewährt, wenn ein Forschungsergebnis von volkswirtschaftlicher Relevanz ist. Für Geisteswissenschaftler ist das eine Katastrophe. Wenn sie überhaupt zu Forschungsmitteln gelangen, bleibt Literaturwissenschaftlern nur, auf eine Verfilmung oder einen Bestseller zu hoffen.

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