26.10.2011 · Die Universität Würzburg will Ärzten mit schlechten Doktorarbeiten nachträglich den Titel nehmen. Sie sieht andernfalls ihr internationales Image gefährdet.
Von Hermann HorstkotteWenn diese Arbeiten wissenschaftlichen Standards nicht genügen, dann muss die Rechtmäßigkeit der Promotionen überprüft“ und der Doktortitel entzogen werden. Das erklärte der Leiter der Medizinischen Fakultät in Würzburg, Matthias Frosch, im Mai. Jetzt ist der erste Schritt getan. Zwei Fachgutachter von anderen Hochschulen bestätigen alle Befürchtungen, dass zehn stichprobenartig herausgegriffene medizinhistorische Dissertationen aus der Zeit von 1998 bis 2005 „wissenschaftliche Mindeststandards nicht erfüllen“. Ein ganzes Dutzend weiterer Promotionsschriften beim Doktorvater Gundolf Keil, der in Würzburg Medizingeschichte lehrte, wird derzeit noch überprüft. In zwei Fällen laufen seit voriger Woche Verfahren zur Titelaberkennung wegen Plagiats.
Bei den meisten beanstandeten Arbeiten handelt es sich nach den Gutachten um keine gerichtsreifen Täuschungsversuche, etwa verheimlichte Abschreibereien à la Guttenberg, aber gleichwohl um unanständig dürftige Geistesprodukte. Ein Beispiel ist eine 33 Seiten starke Schrift über Heilkräuter, die überwiegend im Abdruck mittelalterlicher Quellentexte besteht. Solche Arbeiten „widersprechen eklatant unserem Anspruch, eine international beachtete Institution der medizinischen Forschung zu sein“, betont Dekan Frosch heute. „Ich bin schockiert“, sagt Universitätspräsident Alfred Forchel, „in der Welt, aus der ich komme - ich bin Physiker -, sind Doktorarbeiten hochkarätige Werke.“
Die ganze Aufregung kann angesichts des bundesweiten Normalbildes medizinischer Promotionen allerdings nur erstaunen. So haben der Wissenschaftsrat, das höchste Gremium zur Politikberatung, und die Kultusminister schon 2004 und 2006 kritisch festgestellt, dass der Dr. med. in der Regel lediglich einem naturwissenschaftlichen Diplom entspricht. Das hat nichts mit der Intelligenz der Bewerber zu tun, sondern mit der Zeit. In allen anderen Fachbereichen starten Doktoranden erst nach dem fertigen Studium und forschen dann noch zusätzlich zwei, drei Jahre für die Promotion. Hingegen promovieren angehende Mediziner meist im Studium nebenher. So kommen acht von zehn mit einer kleineren Arbeit an ihren Doktortitel, bundesweit rund achttausend im Jahr. Speziell für die Würzburger Dissertation bestand traditionell eine Richtzahl von vierzig Seiten. Sie wurde erst mit der neuen Promotionsordnung im Juni dieses Jahres fallengelassen.
Der Medizinische Fakultätentag hält nach wie vor an der Promotion auf kurzem Wege fest, weil sich die anschließende Facharztausbildung sonst unzumutbar lange hinauszögern würde. Heiner Fangerau vom Fachverband Medizingeschichte weist darauf hin, dass die Niveauunterschiede in der Notengebung von Eins bis Vier dargestellt würden. „So viele Vieren wie bei den Medizinern gibt es sonst nirgends.“ Zudem vergeben immer mehr medizinische Fakultäten für streng wissenschaftliche Untersuchungen heute einen Dr. rer. nat. oder. rer. med. oder den angelsächsischen PhD.
Um wegen des herkömmlichen Dr. med(ioker) einen wissenschaftlichen Wirbel wie in Würzburg zu erzeugen, bedarf es offenbar besonderer Umstände. Im März erhielt die Hochschulleitung anonyme Hinweise auf insgesamt zwei Dutzend kümmerliche Arbeiten. Dem Informanten war offenbar der Geduldsfaden mit amtlichen Ermittlungen gerissen, die schon 2005 begannen und seither zum Teil eingeschlafen waren. Jetzt erklärt der Präsident der Universität, er habe sich neuerlich „zu einer externen Prüfung“ entschlossen, weil die Hochschule sich „andernfalls dem Vorwurf aussetzen könnte, die Prüfung nicht ordnungsgemäß zu betreiben“. Das klingt nach viel gutem Willen und wenig Vertrauen auf die Innenrevision in der eigenen Hochschule.
Tatsächlich hatte die „Ständige Kommission zur Untersuchung wissenschaftlichen Fehlverhaltens“ vor sechs Jahren wegen Korruptionsverdachts in sechs Fällen gegen den Doktorvater Keil ermittelt. Der hatte nach eigenen Angaben Geld von einem gewerblichen Promotionsvermittler auf ein Institutskonto angenommen. Die Universität gab die Sache an die Staatsanwaltschaft weiter. Keil büßte mit einen Strafbefehl über 14 400 Euro. Ein Disziplinarverfahren gegen den Beamten wurde nicht eröffnet. Die Doktoranden waren zu keiner Zeit beschuldigt, erklärt der Leitende Oberstaatsanwalt gegenüber dieser Zeitung.
Allerdings wurden schon damals im Institut für Medizingeschichte handschriftliche Aufzeichnungen des Doktorvaters gefunden, die teilweise mit eingereichten Doktorarbeiten identisch waren. In der damaligen Promotionsordnung hieß es sogar, dass „der Betreuer der Arbeit Mitautor“ sein kann. Als solcher sei Keil aber nie aufgetreten, stellt der Justitiar der Universität klar. Eine Stimme aus der Umgebung Keils bittet trotzdem mit entwaffnender Offenheit um Verständnis: Der Betreuer habe vielen Doktoranden Formulierungshilfen an die Hand geben müssen, da sie für historische Arbeiten nicht oder nicht richtig ausgebildet waren. Sie wollten doch nur den Titel.
Die Prüfungen wurden vor allen Professoren der Fakultät und nicht etwa nur vor dem Doktorvater abgelegt. Für ihre Leistungsbeurteilung gibt es aber keine verbindlichen Standards oder „Mindeststandards“, mit denen die Würzburger Hochschulleitung jetzt argumentieren will. Denn Doktorarbeiten sind keine Serienprodukte, für die in einer Universität oder hochschulübergreifend bestimmte Normen gelten. In jedem Einzelfall handelt es sich vielmehr um eine Ermessensentscheidung der Prüfer.
Sie kann nicht nachträglich wegen der Abweichung von einem angeblichen Normalbild erschüttert werden, warnen Verwaltungsjuristen. Trotzdem von einem Standard zu sprechen dient nur dazu, die vermeintlichen Abweichungen mit einem moralischen Verdikt zu brandmarken. „Das Ansehen der Medizinischen Fakultät und damit auch der gesamten Universität steht auf dem Spiel“, empört sich Dekan Frosch. Aber nicht alles, was empörend ist, ist deshalb auch rechtswidrig. Wenn die Würzburger Doktorarbeiten heute blamabel erscheinen, muss die Hochschule das wohl vor aller Welt aushalten - solche Blamagen lassen sich jedenfalls nicht einfach ausradieren.