27.07.2011 · Mit einem Weißbuch wirbt die Regierung für den Umbau der Universitäten. Die wehren sich gegen Kommerz und Gebühren. Geisteswissenschaften und Allgemeinbildung werden von Brotstudien bedroht.
Von Rüdiger StörkelDie Veröffentlichung des Weißbuches der britischen Regierung über die künftige Organisation und Finanzierung der Höheren Bildung in England erfolgt nach heftigen Studentenprotesten, inmitten von hitzigen Debatten und einer nie dagewesenen Serie von Misstrauensvoten durch berufene Organe renommierter Universitäten, angeführt von Oxford. Unruhe und Erbitterung wurden unter anderem durch die Ankündigung drastischer Erhöhungen der Studiengebühren für 2012 und die Zulassung einer privaten „for profit“-Universität auf dem Verordnungswege hervorgerufen.
Diese vorgezogenen Maßnahmen waren in sich stimmig: Die Öffnung der Höheren Bildung für kommerzielle Anbieter gelingt nur, wo ein Umfeld hoher Studiengebühren vorhanden ist. Die eigentliche Gesetzgebung für die Systemänderung des englischen Hochschulwesens soll erst 2012 im Parlament beraten werden.
Nachdem die Koalition Ende 2010 liberale Abweichler anscheinend zur Ruhe gebracht hat, muss man davon ausgehen, dass Westminster die im Weißbuch vorgeschlagenen Maßnahmen beraten und beschließen wird. Sie sind dann Gesetz und können nur durch neue Mehrheiten geändert werden. Normenkontrollklagen, die etwa nach dem Grundgesetz denkbar erscheinen, sind in der ungeschriebenen Verfassung Großbritanniens nicht vorgesehen. Vielmehr gilt bis heute der Spruch von Chief Justice Sir John Holt aus dem Jahre 1701: „An Act of Parliament can do no wrong . . .“. Wir werden uns dem zweiten Teil des Satzes noch zuwenden.
Die drastische Kürzung der Zuschüsse
Der Inhalt des Weißbuches erweckt nicht den Eindruck, als hätten die Verfasser die Einwände, die indessen vorgebracht wurden, aufgegriffen. Die veröffentlichten Antworten auf Beschwerden entsprachen dem bisher: Es gab keine Zugeständnisse, sondern Beschwichtigungen, die sich auf die Behauptung konzentrierten, es geschehe alles im Interesse der Studenten und der Zukunft des Landes.
Die Studenten sehen dies nicht so. Sie arbeiten vielmehr mit jenem Teil der Hochschullehrerschaft zusammen, der aktiv gegen die Neuerungen vorgeht. Erst nach sechs Wochen ließ sich der Hochschulminister David Willets dazu herab, in einem Leserbrief auf die Grundsatzkritik von Howard Hotson (Oxford) einzugehen. Anlass dazu war die enorme Präsenz und Diskussion von dessen Papier im Web, die ständig durch Verweise in Blogs und Twitters verbreitet wurde.
Willetts argumentierte auch jetzt wie bisher. Angeblich soll die drastische Kürzung der Zuschüsse für die Universitäten und deren Ermächtigung, stattdessen jährliche Studiengebühren von bis zu neuntausend Pfund erheben zu dürfen, keinerlei Nachteile bringen. Vielmehr sollen Kredite aus der Staatskasse zur Verfügung gestellt und zusätzliche Darlehen im Falle der Bedürftigkeit gewährt werden.
Im Weißbuch geht die Regierung davon aus, dass auf diesem Wege die Hochschulfinanzierung für die Steuerzahler erträglicher wird. In Willetts Leserbrief steht jedoch ein Satz, der aufhorchen lässt: Er gehe davon aus, dass nach Inkrafttreten der Regelung dreißig Prozent der Studentendarlehen abgeschrieben werden müssten, weil man sie nicht eintreiben kann. Das Weißbuch weiß davon jedoch nichts! Hier heißt es sogar, man prüfe, ob man das studentische Schuldenwerk (geschätzter Umfang für das Haushaltsjahr 2017/ 2018: rund 70 Milliarden Pfund) zum Vorteil des Steuerzahlers an einen Investor verkaufen könne. Die Unklarheit lässt Zweifel an dem Finanzierungskonzept aufkommen, das jedoch als zentraler Baustein der Reform gilt.
Mehr Konkurrenz im Bildungsgeschäft
Das Weißbuch sieht England nämlich in dem Dilemma, dass die Studentenzahlen steigen und für die Bewältigung der Zukunft auch steigen müssen, auf der anderen Seite jedoch die Finanzkraft des Staates angeblich nicht ausreicht, um die Ausweitung im bisherigen Stil zu bezahlen.
Daher sollen die staatlichen Mittel durch Gelder, die Studierende aufbringen, und durch Investitionen aus der Wirtschaft ergänzt werden. Die enorme Verteuerung des Studiums soll die Studenten disziplinieren und dazu motivieren, bei der Auswahl der Studienfächer auf ihre künftigen Verdienstmöglichkeiten und auf die Qualität der Lehre zu achten.
Das Angebot günstiger Darlehen wird allerdings mit Rücksicht auf die Einkommensverhältnisse als unverzichtbar angesehen, um ein Absacken der Studentenzahlen zu verhindern. Über den finanziellen Druck soll die als nachteilig betrachtete Vorliebe für Studiengänge, die in der gewerblichen Wirtschaft nicht unmittelbar einsetzbar erscheinen, beendet und der befürchtete künftige Mangel an Naturwissenschaftlern und Ingenieuren abgewendet werden.
Außerdem glaubt man, damit die Hochschullehre zu verbessern. Die Teilnehmer am Bildungsgeschäft sollen mehr Konkurrenz verspüren und mehr Eigeninteresse an der Leistungssteigerung der Hochschulen entwickeln. Die Möglichkeit der gezielten, interessegelenkten Förderung, ja die Zulassung weiterer privater Universitäten, soll mehr Investitionen aus der Wirtschaft in die Höhere Bildung lenken.
Angriff auf die Geisteswissenschaft
Wer die Zukunft der Höheren Bildung so haben möchte, wird den Wagemut der britischen Regierung schätzen. Aufmerksame Beobachter werden jedoch nicht übersehen, dass „for profit universities“, wie jetzt bekannt wurde, in den Vereinigten Staaten schwere Schäden anrichten. So soll die wichtigste Hochschule dieses Typs im Wesentlichen Studienabbrecher und nur neun Prozent Graduierte hervorbringen. Ob die Aufsichtsorgane, die das Weißbuch stärken und vergrößern will, hier Abhilfe schaffen oder nur Parkinsons Gesetz bestätigen werden, bleibt abzuwarten.
Sehr fragwürdig erscheint der Umgang des Weißbuches mit dem historisch gewachsenen und weltweit anerkannten reichhaltigen Lehrangebot der englischen Hochschulen. Den Versuch, über die Finanzen die Jugend von der Aufnahme kulturwissenschaftlicher Studien weg und zu sogenannten Brotstudien mit unmittelbarer Verwertbarkeit hin zu drängen, wird sofort als Manipulation erkannt. Studierfreiheit ist dies nicht.
Die Geistes- und Sozialwissenschaften zählt das Weißbuch, im Gegensatz zu Medizin, Natur- und Ingenieurwissenschaften, nicht zu den Fächern, die im Notfalle durch staatliche Zuschüsse gestützt werden sollen. Was geschieht eigentlich, wenn sie, wie Regierungskritiker befürchten, marginalisiert werden sollten? Ihre Stimme wird dann künftig in der gesellschaftlichen Diskussion fehlen. Vergegenwärtigt man sich den Spezialisierungsgrad aller modernen Ausbildungen und die heutige Seltenheit wirklicher Allgemeinbildung, dann weiß man, dass der Ausfall der Geistes- und Sozialwissenschaften heutzutage nicht durch Amateure aus den Kreisen der überlebenden Fächer ausgeglichen werden kann. Die Rigorosität des Weißbuches ist hier verfehlt.
Englisches Understatement
Das Vertrauen in die Zukunft Höherer Bildung in England erscheint bereits beschädigt. Schon hört man von jungen Leuten, die entweder im Ausland (etwa im niederländischen Maastricht) oder im schottischen Landesteil Studienplätze suchen. In Schottland, wo bisher keine Studiengebühren erhoben werden, diskutierte das Parlament inzwischen darüber, ob für nichtschottische Studenten aus dem Vereinigten Königreich künftig Studiengebühren bis zu neuntausend Pfund im Jahr erhoben werden sollen.
Begründet wird dies mit der Befürchtung, dass künftig die schottischen Universitäten von englischen „fee-refugees“ überschwemmt werden könnten. Haben die Verfasser des Weißbuches das bedacht, als sie in die Präambel schrieben, dass ihr englisches Projekt die anderen Landesteile nicht präjudiziere? Jetzt erleben sie eine Stärkung des schottischen Partikularismus, der einen Landeskinderbonus ausruft. Kann das im Interesse der Regierung in Whitehall sein, die sich im nationalen Interesse noch immer als die des Vereinigten Königreiches betrachtet?
Was erscheint wem an dieser Hochschulreform so wichtig, dass man dafür Zerwürfnisse mit der Hochschullehrerschaft, den Studenten und dem schottischen Landesteil in Kauf nehmen und zugleich feststellen muss, dass es eher wenig Unterstützung für das Vorhaben gibt?
Das Projekt gehört in die Kategorie von Gesetzesvorhaben, auf die der zweite Teil des Spruches des Chief Justice Holt zutrifft: „An Act of Parliament can do no wrong, though it may do several things that look pretty odd“ - ein vom Parlament verabschiedetes Gesetz kann kein Unrecht tun, jedoch etliche Dinge, die reichlich seltsam aussehen - ein wundervolles englisches Understatement!
Das mit Billion und Milliarde ist doch so→
Uwe Wagner (view)
- 28.07.2011, 15:39 Uhr
Dunkles Zeitalter
Helga Schulz (colorcraze)
- 28.07.2011, 14:24 Uhr
Billionen/Milliarden
Jan Dahinten (hammock)
- 28.07.2011, 07:20 Uhr
Danke für diesen Artikel ...
Michael Meier (blablaologe)
- 27.07.2011, 23:51 Uhr
Bei der Bildung zu sparen heißt aber an der Zukunft zu sparen…
Volker Spielmann (Schildwache)
- 27.07.2011, 22:52 Uhr