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Ein Zwischenruf : Studiengebühren? Was sonst!

  • -Aktualisiert am

Studierende in der Leipziger Nationalbibliothek Bild: dapd

Ein Bundesland nach dem anderen schafft die Studiengebühren ab. Gleichzeitig steigen die Studentenzahlen. Diese Rechnung kann nicht aufgehen. Ein Zwischenruf aus Thüringen.

          Es gibt Themen, die aufgrund der öffentlichen und politischen Meinung fast schon einem Diskussionstabu unterliegen. Eine systematische Auseinandersetzung mit vorurteilsfreier Prüfung aller Pro-und-Contra-Argumente findet dann kaum noch statt. Die Thematik „Studiengebühren“ gehört zu diesen Tabuthemen. Seit man sich in Thüringen unter dem damaligen Ministerpräsidenten Althaus gegen ihre Erhebung festgelegt hat, gilt das Thema quer durch alle politischen Parteien offenbar als endgültig entschieden.

          Damit liegt man im bundespolitischen Trend. Mit Bayern und Niedersachsen werden sich die letzten beiden Bundesländer bald von dieser Säule der Hochschulfinanzierung verabschiedet haben. Studiengebühren sind mit dem Stigma „unsozial“ belegt, und damit erübrigt sich jede weitere Diskussion. Was alle tun, muss aber noch lange nicht richtig sein. Und was gestern und heute richtig war, muss es nicht zwangsläufig auch morgen sein.

          Weniger Geld, mehr Studenten

          Denn die Zeiten haben sich mittlerweile grundlegend geändert. Die ohnehin schon hochverschuldeten öffentlichen Haushalte sind durch die Staatsschuldenkrise in Europa noch weiter ausgehöhlt worden. Finanzielle Lasten durch die Alterung der Bevölkerung (Beamtenpensionen!), die Schuldenbremse und das Auslaufen der Förderhöchstsätze aus den EU-Strukturfonds werfen auch in Thüringen ihre Schatten voraus. Der finanzielle Spielraum für politische Gestaltungsziele wird durch absehbaren Sparzwang massiv verengt. Nennenswerte Mittelaufstockungen für die Hochschulen im Freistaat sind unter diesen Rahmenbedingungen wohl nicht zu erwarten.

          Auf der anderen Seite belasten die Energiewende mit den deutlich angestiegenen Preisen für Heizung und Strom, aber auch die nicht durchfinanzierten Tariflohnsteigerungen die Kostenrechnungen der Hochschulen deutlich. Im Ergebnis kommen am Ort der eigentlichen Leistungsentstehung - und das sind im Hochschulbetrieb nun einmal die Fachbereiche, die im grundständigen Betrieb die Lehr-, Prüfungs-, Publikations- und Forschungsaufgaben wahrnehmen - immer weniger Finanzmittel an. Gleichzeitig gilt in Deutschland das politische Ziel, immer mehr Menschen einen Hochschulabschluss zu ermöglichen, also die Studierquote im internationalen Vergleich anzuheben. Das passt mit der angespannten Finanz- und Überlastsituation an den Hochschulen überhaupt nicht zusammen.

          Wie sieht nun die finanzielle Situation „an der Basis“ mittlerweile aus? Es soll exemplarisch am eigenen Fachbereich Betriebswirtschaft der Ernst-Abbé-Fachhochschule Jena aufgezeigt werden. Von 22 zugewiesenen - also ursprünglich geplanten und für nötig erachteten - Professorenstellen können aus finanziellen Gründen lediglich 17 besetzt werden. Irgendwie geht’s, aber alles hat mittlerweile sehr stark den Charakter des „Durchwurstelns“. Einschränkungen beim Veranstaltungsangebot und Veranstaltungsgrößen mit didaktisch höchst suboptimalen Gruppengrößen sind unausweichliche Konsequenzen. Das Kleingruppenkonzept - ursprünglich ein wichtiges Differenzierungsmerkmal von Fachhochschulen gegenüber Universitäten - liegt in Agonie. Der ungeplante Ausfall einer Beamer-Birne im Wert von 300 Euro wird zum Jahresende hin zum ernsten Finanzierungsproblem. Papier ist rationiert. Über Drittmittel eingeworbenes zusätzliches wissenschaftliches Personal kann aus Gründen der Raumknapphheit nur durch höchst kunstvolle Rochaden untergebracht werden.

          Wer soll die Bildungsrepublik Deutschland bezahlen?

          Das gesamte Jahresbudget für den Fachbereich mit etwa 750 Studierenden liegt bei etwa 90 000 Euro. Pro Student und Monat sind das 10 Euro. Üppig sieht anders aus. Daraus sind dann der gesamte Geschäftsbedarf (u.a. Telefon, Büromaterial, Vervielfältigungen, Reisekosten, technische Büroausstattung) und große Teile der technischen Ausstattung in den Laboren (u.a. PCs, Software) zu finanzieren und instand zu halten.

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