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Diversitätspolitik : Das Recht gehört den Beleidigten

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Die Humboldt-Universität zu Berlin: Hier gerät alle paar Monate ein Professor ins Visier anonymer Kritiker. Bild: POP-EYE/Kempert

Ein Jahr nach den Attacken auf Herfried Münkler ist die Stimmung in den Berliner Sozialwissenschaften gereizt. Dozenten wappnen sich gegen die Missionare der Diversitäts-Romantik.

          Man kann über alles reden. Aber auf keinen Fall unter Nennung eines Namens. Das Gelände ist vermint und weitere mediale Aufmerksamkeit nicht hilfreich.“ Solche Sätze bekommt zu hören, wer in diesen Wochen am Institut für Sozialwissenschaften der Berliner Humboldt-Universität das Gespräch mit Vertretern der Lehre sucht. An jenem Institut also, das oft als Beispiel herhalten muss, wenn in Berichten über die antirassistische Protestwelle an mittlerweile mehr als siebzig amerikanischen Universitäten nach einem vergleichbaren deutschen Fall gesucht wird.

          Zur Erinnerung: Dem am Institut lehrenden Politikwissenschaftler Herfried Münkler war vergangenen Sommer von anonymen Bloggern vorgeworfen worden, er habe sich in seiner Vorlesung über politische Theorie und Ideengeschichte zu chauvinistischen und rassistischen Bemerkungen hinreißen lassen. Münklers Forderung, sich in der Öffentlichkeit einer Auseinandersetzung zu stellen, kamen die Blogger nicht nach. Seine Vorlesung hielt er dennoch zu Ende, und auch die Blogger verstummten pünktlich zum Beginn der Sommerferien.

          Der universitäre Alltag aber, der inzwischen am Institut wieder eingekehrt scheint, ist vordergründig. Dahinter zeichnen sich ältere Konflikte ab, bei denen es um die programmatische Ausrichtung des Instituts und die Zukunft des Fachs und seiner Lehre geht. Die Diskussion dreht sich auch um die Frage, welche Persönlichkeiten den besonderen studentischen Ansprüchen an die Lehrtätigkeit wohl am besten gewachsen sind.

          Im Bann der Diversität

          Was lässt sich über diese Studenten sagen? Wer heute beispielsweise im sechsten Semester an diesem Institut studiert, hat sich vor drei Jahren gemeinsam mit 1542 anderen auf einen der 125 Studienplätze beworben. Wer genommen wurde, musste einen Abiturdurchschnitt von mindestens 1,7 vorweisen. Das führe schon zu einer recht elitären Einstellung unter den Studenten, hört man aus Kreisen der Dozenten. Bei manchem sei sie mit einem gesteigerten Sendungsbewusstsein gepaart, mit dem fast missionarischen Eifer, sich selbst, das Institut und die Gesellschaft von der alles überragenden Bedeutung des Themas Diversität zu überzeugen.

          Bekanntlich geht es dabei um ein kulturalistisches Konzept sozialer Vielfalt anhand von Kategorien wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Ethnie, Nationalität und Religion. Seine Brisanz verdankt das Konzept dem ergänzenden Begriff der Diskriminierung: Wer von Diversität spricht, beklagt stets auch deren Missachtung, ihre Nichtanerkennung oder gar bewusste Verletzung durch die Gesellschaft. Das Programm der Fächer, die sich unter dem Banner der „Diversity Politics“ versammelt haben, kreist daher um die Pole Distinktion und Indifferenz - jeder kann hier Angebote finden, seine persönliche Diskriminierung von der anderer Gruppen zu unterscheiden, und gleichzeitig am wissenschaftlichen Nachweis der gesellschaftlichen Gleichgültigkeit gegenüber dieser Diskriminierung mitzuarbeiten.

          Sensibilisierung und Abhärtung

          Das „brennende Interesse“ ihrer Studenten am Thema Diversität wird von den Institutsmitgliedern sehr unterschiedlich bewertet. Wer aufgrund seines Lehrangebots inhaltlich weniger betroffen ist, wundert sich bestenfalls, dass die Studenten soziale Ungleichheit nur noch kulturalistisch begreifen wollen, und zweifelt an der Relevanz der Befunde. Sie empfänden ihre Lebenswelt wohl sehr davon geprägt, sagt ein Professor. Nun könnte man fragen, ob es nicht gerade die Aufgabe der Lehre wäre, diesen Studenten die Differenz von Empfindung und Wissenschaft wissenschaftlich zu vermitteln.

          Die meisten Dozenten reagieren weniger distanziert. Man habe doch auf die Interessenlage der Studenten reagiert, heißt es, und zwar schon vor dem Blog, der darum auch keine Zäsur bedeute. Man müsse jederzeit damit rechnen, heißt es, dass sich Ereignisse wie der Münkler-Blog wiederholten. Inzwischen sei das Institut darauf aber viel besser vorbereitet. Es habe das Angebot an die Dozenten gegeben, sich in Seminaren für solche Vorkommnisse zu wappnen, selbstverständlich ohne verpflichtenden Charakter. Es handle sich dabei um Selbstsensibilisierung im Sinne der Diversitätsforschung - diskriminiere ich etwa, ohne es zu wissen? Aber auch um eine gewisse Abhärtung dieses Selbsts, sollte es dann doch mal im Feuer der Blogger stehen.

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