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Veröffentlicht: 17.01.2017, 11:03 Uhr

Digitalisierte Bildung Bildungshäppchen, frei Haus geliefert

Mit seiner Digitaloffensive unterläuft das Bildungsministerium den Bildungsföderalismus und hebelt nebenbei die Grundrechte aus. Im Beraterstab geben sich IT-Firmen die Klinke in die Hand.

von Ralf Lankau
© Imago Kanzlerin Merkel und Wirtschaftsminister Gabriel auf den Nationalen IT-Gipfel, links Bildungsministerin Wanka

Computer in alle Schulen, alle Schüler an die Computer: So hieß das Zukunftsprogramm der Kultusminister aus dem Jahr 1984. Diskutiert wurde, von welchem Alter an Rechner didaktisch sinnvoll eingesetzt und in welchen Schulformen Informatik unterrichtet werden sollte. Diese Fragen scheinen geklärt: „Einmaleins und ABC nur noch mit PC“ - so startet 2016 die Pressemeldung der „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ des Bundesbildungsministeriums (BMBF). Die Frage nach Schulform oder -stufe wird so wenig gestellt wie die Frage nach Lehrinhalten.

Die durchgehende Digitalisierung aller Bildungseinrichtungen ist Programm: „Mit der Strategie ,Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft‘ legen wir einen systematischen Handlungsrahmen vor, um die digitale Transformation des Bildungssystems voranzutreiben“, heißt es gleich am Anfang der Broschüre. Angekündigt werden Projekte von der „frühkindlichen Bildung“ bis zu beruflicher Bildung und Weiterbildung. Wie bei der Proklamation der „Bildungsrepublik“ 2008 ist Bildung auf MINT-Fächer verkürzt. Beim Marketing ist man konsequent. Für alle (Hoch-)Schulformen und Altersstufen wird die 4.0-Metapher übernommen: Schule 4.0, Berufliche Bildung 4.0, Lehre 4.0.

Die Transformation des Bildungssystems war auch das Programm des „Nationalen IT-Gipfels“ im November in Saarbrücken. Zuvor hatte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka den Digitalpakt#D angekündigt. Parallel dazu publizierte die Scheer Holding in Kooperation mit dem Feldafinger Kreis das „Saarbrücker Manifest“. Dessen Initiator und Mitautor, August Scheer, Vorsitzender der Scheer Group, die als Consulting- und Software-Haus ihre Dienste anbietet, ist zusammen mit Frau Wanka Vorsitzender der vom BMBF gegründeten IT-Gipfel-Plattform „Digitalisierung in Bildung und Wissenschaft“, die den Digitalpakt#D verantwortet.

Bildung ist kein Speicherformat

In der Plattform sind Akteure von IT-Firmen und Verbänden von der Bitkom über Microsoft bis SAP breit vertreten. Die Software von SAP, hier schließt sich der Kreis, wird auf der Website der Scheer Group beworben. Für verzichtbar hielt man die Beteiligung von Pädagogen. Der zweite Autor des Manifests ist Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, das „intelligente Lösungen für die Wissensgesellschaft“ anbietet, die Grundlage für automatisierte und personalisierte Lernmanagementsysteme.

Gemeinsam ist den Akteuren die alogische Begrifflichkeit. Es gibt weder digitalen Unterricht noch digitale Bildung. Unterricht ist sprachlogisch an Lehrende und Lernende gebunden. Fehlt ein Part, sind es mediengestützte Selbstlernphasen. Bildung braucht ein Subjekt. Es ist weder Speicherformat noch messbare Größe, sondern Merkmal einer Persönlichkeit. Es ist charakteristisch für einen technokratischen Bildungsbegriff, wenn der Bertelsmann-Konzern unter der Überschrift „Wachstum Education“ wirbt, dass dank Digitalisierung „Bildung auch online in guter Qualität ausgeliefert werden kann“. Das sind Termini aus der industriellen Produktion und dem Qualitätsmanagement, die kommerziellen Zwecken dienen.

Im BMBF-Papier heißt es dazu: „Die Einführung digitaler Techniken und Dienstleistungen in das Bildungswesen wird eine größere Rolle von privaten Anbietern bei Ausstattung, Betrieb und Lehrmaterialien mit sich bringen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung befürwortet solche neuen Formen der Kooperation“. Interessant ist der Passus, dass staatliche Bildungseinrichtungen ihren Bildungsauftrag nicht mehr erfüllen könnten, ohne sich „verstärkt der Dienstleistungen Privater [zu] bedienen oder die Möglichkeit neuer Kooperationsformen [zu] nutzen“.

Wettbewerb geht vor Datenschutz

Das BMBF will die „Entwicklung von miteinander kompatiblen Angeboten zum Lernen mit digitalen Medien und einheitlichen Schnittstellen für die Nutzung in verschiedenen technischen Systemen vorantreiben“, weil sich so die Skaleneffekte vergrößern ließen und erst dann private Anbieter bereit seien, in solche Angebote zu investieren. Hier muss die Frage erlaubt sein, wer die tatsächlichen Nutznießer und Adressaten sind: Schüler oder private Bildungsanbieter? Die Antwort: „Das BMBF unterstützt im Rahmen der internationalen Berufsbildungskooperation unter anderem private Bildungsanbieter dabei, sich mit attraktiven Angeboten auf dem globalen Bildungsmarkt zu positionieren. Die Integration digitaler Lernelemente soll die Wettbewerbsfähigkeit dieser Angebote weiter erhöhen.“

Wettbewerbsfähig werden Angebote durch das Auswerten von Daten. Im BMBF-Papier steht dazu: „Die Erhebung und statistische Auswertung lehr- und lernbezogener Daten (learning analytics) vermitteln neue Erkenntnisse über Lehr- und Lernprozesse. Smart-Data-Technologien ermöglichen die Verarbeitung großer Datenmengen und können zur Verbesserung der Lehrqualität beitragen. Zugleich gilt es, den mit learning analytics verbundenen Risiken bezüglich der Datensicherheit und des Datenschutzes angemessen zu begegnen.“

Was „angemessen“ ist, steht wiederum im „Saarbrücker Manifest“. Eine Forderung an die Politik lautet: „Engmaschige Regeln zum Datenschutz müssen hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Verzögerung von Innovationen geprüft werden.“ Bundeskanzlerin Merkel formulierte passend zum IT-Gipfel: Restriktiver Datenschutz könne „heute nicht die generelle Leitschnur sein für die Entwicklung neuer Produkte.“ Wirtschaftsminister Gabriel sekundierte - ebenfalls in Saarbrücken -, „dass wir uns endgültig verabschieden müssen von dem klassischen Begriff des Datenschutzes.“ Das „Minimierungsgebot von Daten“ sei „das Gegenteil des Geschäftsmodells von Big Data“ und daher aufzugeben.

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Das passt exakt zu den Forderungen des Feldafinger Kreises nach Cloud Computing im Bildungssektor: „Im Bildungssystem muss vom Kindergarten über Schule, Hochschule, Berufsbildung bis zum lebenslangen Lernen der Mut zu einheitlichen Architekturen (Stichwort: Bildungscloud) gefunden werden“. Die versprochene „Individualisierung des Angebots“ erzwingt die kleinteilige, psychometrische Vermessung der Lernenden (Lernverhalten, Stressresistenz, Aufmerksamkeitsspannen etc.). Per Kamera und Mikrofon, Tastatur- und Mausaufzeichnung wird das gesamte Verhalten der Probanden protokolliert. Informationelle Selbstbestimmung ist hier Auslaufprodukt. Wer die „learning analytics“ für „Innovationen auf dem globalen Bildungsmarkt“ benötigt, muss das Grundrecht nun einmal weiter fassen.

Massiver Eingriff in die Hoheit der Länder

Nicht berücksichtigt sind in diesem Szenario Störungen und Angriffe von außen. Laut Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik werden jeden Monat über 44.000 Angriffe auf IT-Systeme abgewehrt. 66 Prozent der deutschen Unternehmen waren bereits Ziel von Angriffen, 47 Prozent wurden gehackt. Vor kurzem waren zeitweise 900.000 Router der Telekom gehackt, Telefon und Internetverbindungen gekappt. Bundesinnenminister de Maizière spricht mittlerweile öffentlich von „Gefahren für die freiheitliche Gesellschaft und unsere Demokratie“ durch Hackerangriffe. Man sollte ernsthaft überdenken, ob man Bildungseinrichtungen und sensible Daten wie Lernprofile und ganze Lernbiographien über das Netz zugänglich macht.

Kein Wort verliert das BMBF über die Komplexität der Aufgabe. Ohne weitere Überlegung schreibt es nicht weniger als gemeinsame technische Standards und den Betrieb einer bundesweit zentralisierten digitalen Infrastruktur ins Pflichtenheft der Schulen, die am Digitalpakt#D partizipieren wollen. Dazu ein Beispiel: Seit 2009 wird am „Dialogorientierten Serviceverfahren“ zur Vergabe zulassungsbeschränkter Studienplätze gearbeitet. Das System hat bisher fünfzehn Millionen Euro gekostet. Nach sechs Jahren sind neunzehn Prozent der Studienplätze über diese Plattform verfügbar. Bei diesem System geht es nur um circa viertausend Studiengänge an 426 Hochschulen. Die Koordination der technischen Systeme von über vierzigtausend Schulen bundesweit wäre deutlich komplexer. Das Beispiel zeigt, welche Folgekosten schon auf technischer Ebene auf die Länder zukommen, bevor nur eine einzige Stunde Unterricht gehalten wird. Mit Digitalpakt und Bildungsoffensive greift das BMBF massiv in die Bildungshoheit der Länder ein. Beide Papiere sind grundgesetzwidrige Eingriffe in die Lehr- und Methodenfreiheit jeder einzelnen Lehrerin und jedes einzelnen Lehrers. Denn über die Gestaltung des Unterrichts und den Einsatz von (analogen wie digitalen) Medien entscheiden Lehrkräfte autonom nach pädagogischer Prämisse. Das ist zumindest heute noch die rechtliche Grundlage.

Die Jugend blickt voraus

Interessanterweise sind es nicht die Jugendlichen, die mehr Digitaltechnik in den Schulen fordern. Auf eine Frage des Wissenschaftszentrum Berlin antworteten 31,5 Prozent der über 65-Jährigen und 28,9 Prozent der 51 bis 65-Jährigen, digitalisierter Unterricht sei „sehr wichtig“, aber nur 11,9 Prozent der 14 bis 17-Jährigen. Die Hälfte der Jugendlichen lehnen die frühe Digitalisierung ab. Sie wollen stattdessen vieles wieder „wie früher“, wollen zum Arzt gehen, statt Symptome zu googeln, wollen mit der Hand schreiben und „Gefühle öfter persönlich und nicht per Smartphone mitteilen“.

Kinder, Jugendliche und Erwachsene erwarten zu Recht, in Bildungseinrichtungen das zu lernen, was ihnen selbstbestimmte Teilhabe an der Solidargemeinschaft demokratischer Gesellschaften ermöglicht und Perspektiven für ein erfolgreiches Berufsleben gibt. Dafür müssen Bildungseinrichtungen das vermitteln, was Rechner weder lehren noch vermitteln können: das Verstehen, wie die Welt funktioniert, in der wir leben. Das funktioniert nicht über das Antrainieren automatisch abprüfbarer Kompetenzen, sondern nur über Dialog und Diskurs. In der Schule heißt das seit Sokrates: Unterrichtsgespräch.

Glosse

Wutprobe mit Wedel

Von Hubert Spiegel

Bei den Bad Hersfelder Festspielen hat der Luther-Darsteller Paulus Manker seine Rolle bei Dieter Wedel verloren. Halb so schlimm, es gab vier Thesen-Anschläger auf der Bühne. Doch Manker will klagen. Mehr 4 8

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