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Digitales Lernen : Entmündigung als Bildungsziel

Umerziehung auf die brutale Art in Stanley Kubricks „Uhrwerk Orange“ (1971). Im Digitalen übernimmt sie ein sanftmütiger virtueller Tutor. Bild: action press

Gehört dem digitalen Studenten die Zukunft? Das wäre beängstigend. Mit fragwürdigen Angeboten wachsen gerade Bildungshamster heran, denen nichts fehlt – bis auf das Glück der Erkenntnis.

          Zwischen selbstfahrenden Autos und digitalen Lernmedien gibt es eine direkte Verbindung: den Datenverbrauch. Das autonome Auto bewegt sich nur in einem Universum von Sensoren, das virtuelle Klassenzimmer ist ein Schattenarchiv von Bildungsbiographien. Das Schicksal der Daten bleibt im Dunkeln. Versicherungen und Datenhändler könnten sich dafür interessieren. Für die Anbieter von Massive Open Online Courses, sprich: Moocs, öffnet sich ein lukratives Nebengeschäft. Manche Mooc-Anbieter bieten sich schon heute als Personalvermittler an.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Sie handeln mit einem kostbaren Wissen. Lerndaten sind Auskunftsdateien der Persönlichkeit. Sie sagen viel über Auffassungsgabe und Konzentrationsfähigkeit, über Schwächen, Erinnerungsvermögen, Motivation. Der Schweizer Mathematiker Paul-Olivier Dehaye, der an der Universität Zürich ein Online-Seminar über die Geschäftsmodelle von Bildungsanbietern abhielt, fragte den kalifornischen Weltmarktführer Coursera einmal nach dem Verbleib seiner Daten: ohne Reaktion. Er wollte sie nach geltendem EU-Recht wiederhaben: ohne Erfolg. Und ohne weitere Erklärung.

          Offenheit ist hier eine Einbahnstraße. Vor der Transparenz kommt das Geschäft. Als Dehaye die Daten seines Seminars sperrte, wurden ihm die Dozentenrechte entzogen. Danach manipulierte Coursera sein Profil. Mails, die er seinen Studenten schrieb, wurden ohne sein Wissen unsichtbar.

          Der Datenschutz ist aus dem Spiel

          Rechtlich steht dem auch in Deutschland nichts im Wege. Nach amerikanischem Recht, sagte die schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte Marit Hansen, lassen sich die Daten für alle möglichen Zwecke verwenden. Können es die beiden Münchner Universitäten, die mit Coursera kooperieren, verantworten, ihre Studenten zu Handelsobjekten zu machen? Die Universitäten ziehen sich kleinlaut zurück. Die Geschäftsbeziehung mit Coursera sei Sache der Studenten, obwohl die Online-Zertifikate an der TU München längst zu Hochschulprüfungen berechtigen. Der Anreiz ist gesetzt.

          Die Universitäten sind selbst nur Juniorpartner in der Kooperation. Coursera behält die persönlichen Profile für sich, die Universitäten werden mit einer anonymisierten Version abgespeist. Den Vertrag mit Coursera darf die Presse nicht einsehen. Man redet lieber von Chancen und Herausforderungen. Wer Kritik übt, gilt als Querulant. Gegen Dehaye strengte die Universität Zürich ein Disziplinarverfahren an und versuchte ihn mit einer Selbstverpflichtung zum Schweigen zu bringen. Dehaye verweigerte die Unterschrift.

          Im März reichte er bei einem New Yorker Gericht Klage gegen Coursera ein. Der Richter fegte seine Ansprüche mit dem Willkürargument vom Tisch, Dehaye sei Dozent und nicht Kunde von Coursera gewesen. Er beruft sich nicht auf Courseras Privatsphären-Regelung, sondern auf ein Zertifikat der amerikanischen Handelskommission. Der europäische Datenschutz ist aus dem Spiel. Dehaye bekommt am Ende, wie er mit Gerichtsdokumenten belegt, nur einen Teil seiner Daten wieder. Coursera muss ihm vor Gericht auch nicht beantworten, was es mit seinen persönlichen Daten tut.

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