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Veröffentlicht: 11.02.2013, 20:00 Uhr

Digitale Geschichtswissenschaft Mittel auf der Suche nach einem Zweck

Überall gewinnt man heute aus großen Datensätzen Muster menschlichen Verhaltens. Lässt sich diese Methode auch auf die Vergangenheit anwenden? Historiker bewegen sich langsam darauf zu.

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© AP Ein Ereignis, mit dem sich rechnen lässt? Massenversammlung vor der New Yorker Börse nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise

„That noble dream“ nannte der Historiker Peter Novick einmal den Anspruch seines Fachs auf Objektivität. Die Geschichtswissenschaft ist keine experimentelle Disziplin, die zu Gesetzen und wiederholbaren Ergebnissen gelangt. Der Historiker hat es mit irrationalen Akteuren und unberechenbaren Variablen zu tun. Vieles sprach dagegen, im Winter 1812 nach Russland zu ziehen. Napoleon tat es doch.

Thomas Thiel Folgen:

Trotzdem lässt sich das Publikum immer wieder von den großen Thesen faszinieren. Warum Nationen aufsteigen und verfallen, warum manche von ihnen reich und andere arm sind, warum die Gewalt im Lauf der Zivilisationsgeschichte abnimmt. An Steven Pinkers These, die Gewalt sei in der Menschheitsgeschichte rückläufig, lassen sich Probleme historischer Modellierung gut studieren. Pinker rechnete einfach die Zahl der Gewaltopfer gegen den Anstieg der Weltbevölkerung auf. Aber woher weiß ein mittelalterlicher Chronist eigentlich so genau, wie viele Soldaten in einer Schlacht ums Leben kamen?

Gesetze der Geschichte

Die quantitative Geschichtsschreibung hat es oft mit lückenhaften und unzuverlässigen Daten zu tun, denen die Statistiken, in denen sie später auftauchen, den Charakter unumstößlicher Objektivität verleihen. Natürlich ermöglicht sie auch sinnvolle Rückschlüsse. Es ist wahrscheinlich, aus einer wachsenden Zahl von Druckerpressen in einer Region auf einen Demokratisierungsprozess zu schließen. Sicher ist es aber nicht. Die vor allem in der Wirtschaftsgeschichte angesiedelte Kliometrie neigt oft zur Ignoranz dieser Schranke und verblüfft mit historischen Gesetzen, die sie in abenteuerlichem Umgang mit den Daten gewinnt.

Der amerikanische Historiker James Turchin hat etwa auf Basis sozioökonomischer Analysen erkannt, dass die Vereinigten Staaten alle fünfzig Jahre von großen gesellschaftlichen Unruhen heimgesucht werden. Die nächsten sagt er für 2030 voraus. In einer Disziplin, die sich von allgemeingültigen Gesetzen verabschiedet hat, gilt solcher Zahlenglaube allenfalls als bizarre Randerscheinung. Die Großmodellierer kommen aus fremden Disziplinen, der Evolutionsbiologie oder Sozialphysik. Die Geschichte hat in ihren Augen oft nur dann den Rang einer Wissenschaft, wenn sie zu vorhersagbaren und falsifizierbaren Resultaten gelangt. Der nomologische Anspruch kehrt gewissermaßen durch die Hintertür zurück.

Renaissance des Quantitativen?

In der Geschichtswissenschaft sind die Hochzeiten quantitativer Methoden, die in den siebziger Jahren mit der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte einzogen, vorbei. Die Kulturgeschichte hat die Regie übernommen. Das quantitative Paradigma wirkt ohne Kraft. Die Digital Humanities könnten ihm neues Leben einhauchen. Die Europäische Union baut an großen Forschungsnetzen für standardisierte Daten. In zehn bis zwanzig Jahren, schätzt der Kölner Historiker Manfred Thaller, würden so gut wie alle urheberrechtsfreien Quellen digitalisiert sein. Mit den neuen Werkzeugen würden ganz neue Fragen möglich, heißt es oft. Aber welche? Es scheint, als gingen die Mittel dem Zweck voraus. Digital history meint gegenwärtig neue Publikationsformen und digitale Schaubilder, es werden viele Geodaten gesammelt, methodischer Wandel ist nicht in Sicht. Dabei geht eigentlich ein Traum Erfüllung. Hätten wir nur alle Quellen gleichzeitig vor uns liegen, seufzten Historiker vor Tagen. Jetzt ist es so weit, und kaum einer weiß so recht, was damit anzufangen ist.

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