http://www.faz.net/-gqz-76haw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 11.02.2013, 20:00 Uhr

Digitale Geschichtswissenschaft Mittel auf der Suche nach einem Zweck

Überall gewinnt man heute aus großen Datensätzen Muster menschlichen Verhaltens. Lässt sich diese Methode auch auf die Vergangenheit anwenden? Historiker bewegen sich langsam darauf zu.

von
© AP Ein Ereignis, mit dem sich rechnen lässt? Massenversammlung vor der New Yorker Börse nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise

„That noble dream“ nannte der Historiker Peter Novick einmal den Anspruch seines Fachs auf Objektivität. Die Geschichtswissenschaft ist keine experimentelle Disziplin, die zu Gesetzen und wiederholbaren Ergebnissen gelangt. Der Historiker hat es mit irrationalen Akteuren und unberechenbaren Variablen zu tun. Vieles sprach dagegen, im Winter 1812 nach Russland zu ziehen. Napoleon tat es doch.

Thomas Thiel Folgen:

Trotzdem lässt sich das Publikum immer wieder von den großen Thesen faszinieren. Warum Nationen aufsteigen und verfallen, warum manche von ihnen reich und andere arm sind, warum die Gewalt im Lauf der Zivilisationsgeschichte abnimmt. An Steven Pinkers These, die Gewalt sei in der Menschheitsgeschichte rückläufig, lassen sich Probleme historischer Modellierung gut studieren. Pinker rechnete einfach die Zahl der Gewaltopfer gegen den Anstieg der Weltbevölkerung auf. Aber woher weiß ein mittelalterlicher Chronist eigentlich so genau, wie viele Soldaten in einer Schlacht ums Leben kamen?

Gesetze der Geschichte

Die quantitative Geschichtsschreibung hat es oft mit lückenhaften und unzuverlässigen Daten zu tun, denen die Statistiken, in denen sie später auftauchen, den Charakter unumstößlicher Objektivität verleihen. Natürlich ermöglicht sie auch sinnvolle Rückschlüsse. Es ist wahrscheinlich, aus einer wachsenden Zahl von Druckerpressen in einer Region auf einen Demokratisierungsprozess zu schließen. Sicher ist es aber nicht. Die vor allem in der Wirtschaftsgeschichte angesiedelte Kliometrie neigt oft zur Ignoranz dieser Schranke und verblüfft mit historischen Gesetzen, die sie in abenteuerlichem Umgang mit den Daten gewinnt.

Der amerikanische Historiker James Turchin hat etwa auf Basis sozioökonomischer Analysen erkannt, dass die Vereinigten Staaten alle fünfzig Jahre von großen gesellschaftlichen Unruhen heimgesucht werden. Die nächsten sagt er für 2030 voraus. In einer Disziplin, die sich von allgemeingültigen Gesetzen verabschiedet hat, gilt solcher Zahlenglaube allenfalls als bizarre Randerscheinung. Die Großmodellierer kommen aus fremden Disziplinen, der Evolutionsbiologie oder Sozialphysik. Die Geschichte hat in ihren Augen oft nur dann den Rang einer Wissenschaft, wenn sie zu vorhersagbaren und falsifizierbaren Resultaten gelangt. Der nomologische Anspruch kehrt gewissermaßen durch die Hintertür zurück.

Renaissance des Quantitativen?

In der Geschichtswissenschaft sind die Hochzeiten quantitativer Methoden, die in den siebziger Jahren mit der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte einzogen, vorbei. Die Kulturgeschichte hat die Regie übernommen. Das quantitative Paradigma wirkt ohne Kraft. Die Digital Humanities könnten ihm neues Leben einhauchen. Die Europäische Union baut an großen Forschungsnetzen für standardisierte Daten. In zehn bis zwanzig Jahren, schätzt der Kölner Historiker Manfred Thaller, würden so gut wie alle urheberrechtsfreien Quellen digitalisiert sein. Mit den neuen Werkzeugen würden ganz neue Fragen möglich, heißt es oft. Aber welche? Es scheint, als gingen die Mittel dem Zweck voraus. Digital history meint gegenwärtig neue Publikationsformen und digitale Schaubilder, es werden viele Geodaten gesammelt, methodischer Wandel ist nicht in Sicht. Dabei geht eigentlich ein Traum Erfüllung. Hätten wir nur alle Quellen gleichzeitig vor uns liegen, seufzten Historiker vor Tagen. Jetzt ist es so weit, und kaum einer weiß so recht, was damit anzufangen ist.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Digitalisierung Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag

Die Potentiale der Digitalisierung sind enorm. Wenn wir jedoch Vertrauen und Sicherheit im Internet erhalten wollen, brauchen wir ein neues Regelsystem. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Carl Bildt

22.06.2016, 11:29 Uhr | Politik
Videografik Die Briten und ihre Beziehungen zur EU

Ende Juni stimmen die Briten über die weitere EU-Mitgliedschaft ihres Landes ab. Seit dem Beitritt des Königreichs zur damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1973 haben die Briten immer wieder eine Sonderrolle in der Union für sich in Anspruch genommen. Die Geschichte der Beziehungen in einer Videografik. Mehr

06.06.2016, 10:10 Uhr | Politik
Gastbeitrag zum Brexit Wir haben die Pflicht, Europa zu retten

Die Brexit-Befürworter verbreiten in den Köpfen der Menschen eine Unsicherheit, die so dick ist, wie der Nebel auf dem Kanal. Die Lehren der Geschichte sind jedoch ganz klar: Wir müssen in der EU bleiben. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Niall Ferguson

22.06.2016, 21:53 Uhr | Politik
Filmkritik Miss Hokusai Bilder schauen Bilder an

Eine Zeichnerin erzählt die Geschichte der Tochter eines großen Künstlers als Comic; ein Trickfilm setzt sie ein Bewegung. Mehr

24.06.2016, 07:49 Uhr | Feuilleton
Politisches Handeln im Netz Widerstand ist zwecklos

Computernetzwerke üben eine neue Form von Kontrolle aus. Darum brauchen wir neue Strategien für politisches Handeln. Ein Gespräch mit dem Medientheoretiker Alexander Galloway. Mehr Von Andreas Bernard und Harald Staun

29.06.2016, 22:44 Uhr | Feuilleton
Glosse

Revolte der Körper

Von Thomas Thiel

Politik richtet sich an den Verstand. Doch die abstrakte Weltpolitik lässt die Körper revoltieren. Zum Vorteil der Patriarchen. Mehr 3