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Digital Humanities Eine empirische Wende für die Geisteswissenschaften?

 ·  Digitale Werkzeuge und Methoden werden immer wichtiger in den Geisteswissenschaften, sagt eine Empfehlung des Wissenschaftsrats. Läuten die Digital Humanities das Ende hermeneutischer Einzelforschung ein?

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Wie ohnmächtig Forscher ohne ihre Infrastrukturen wären, ist in den Naturwissenschaften wesentlich stärker bewusst als in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Ohne den Large Hadron Collider am Cern wäre die Suche nach dem Higgs-Boson-Teilchen von Beginn an aussichtslos gewesen. Dass Sozialwissenschaftler ohne Datenbanken, Kunsthistoriker ohne Bildarchiv und Hermeneuten ohne Bibliotheken ähnlich verloren dastünden, ist erst mit der Internationalisierung der Forschungslandschaft und dem Aggregatswechsel ins Digitale richtig in den Blick geraten. Die computerisierte Verarbeitung gigantischer Datensätze ermöglicht ganz neue Ansätze. Darum ist für die Digitalisierung gewaltiger Datenmengen, eine Standardisierung und, was bisher vernachlässigt wurde, die Langzeitarchivierung und Qualitätssicherung zu sorgen.

Die wissenschaftspolitische Aufgabe ist erkannt und der entsprechende Prozess im Gang. Zentralisierung und Vereinheitlichung sind die Leitvokabeln auf dem Weg in die digitalisierte Forschungslandschaft. Die jüngsten Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Weiterentwicklung der Forschungsinfrastrukturen laufen denn auch hauptsächlich auf einen Appell an Bund und Länder zur Kooperation und zur Sicherung der Grundfinanzierung hinaus: Infrastrukturpflege sei als Daueraufgabe zu betrachten. Weil die laufenden Betriebskosten die Investitionskosten oft übersteigen, sei schon zu Beginn der Projekte an ihre mögliche Verstetigung zu denken, und weil dies bei zeitlich befristeten Drittmittelprojekten schwierig sei, auch auf eine ausreichende Grundlagenfinanzierung zu achten.

Um Standards zu sichern und Doppelarbeit zu vermeiden, sieht der Wissenschaftsrat wettbewerblich ermittelte Initiativen als Koordinatoren vor. Über dem Gesamten soll ein von Bund und Ländern eingesetzter Rat für Informationsinfrastrukturen stehen, der Impulse gibt, Richtlinien bestimmt und Ungleichgewichte korrigiert. Der symmetrische Geist verrät auch eine Abkehr von den dezentralen Denkweisen, die bisher die digitale Praxis bestimmten. Infrastrukturen sollen keine Zufallsarchitekturen lose koordinierter Schwarmintelligenzen sein, sondern das Ergebnis zentraler Übersicht.

Ende der Einzelforschung?

Beflügelt von diesem Bedeutungsgewinn trafen sich in Hamburg die Digital Humanities zu ihrer jährlichen internationalen Konferenz, die auch das Gründungsdatum der deutschen Sektion war. Die Digital Humanities sind keine festumrandete Disziplin, sondern ein Methodenfeld, das genau jene Anwendung informationstechnischer Methoden auf die Geisteswissenschaften meint, von denen in den Empfehlungen die Rede ist, und das sich langsam unter diesem Sammelbegriff zu etablieren beginnt. Man erfreut sich wachsender Fördervolumen durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und das Bundesministerium, steht aber institutionell noch auf unsicheren Beinen. In Deutschland werden Digital Humanities meist nicht in Form eigener Studiengänge gelehrt.

Das Quellgebiet der digitalen Geisteswissenschaften sind Computerlinguistik, Computerphilologie und die Fachinformatiken. Man kann in ihnen so etwas wie den technischen Hilfsdienst der Geisteswissenschaften sehen, dem bisher die wissenschaftliche Anerkennung ihrer Leistungen und das Verständnis und die Rückendeckung ihrer Fächer versagt blieb. Auch um die Behebung des Reputationsdefizits ist der Wissenschaftsrat bemüht, wenn er anregt, Infrastrukturarbeit als eigenständige Forschungsleistungen nicht anders als Publikationen zu bewerten. Bei der Besetzung wichtiger Posten sollen technische und wissenschaftliche Qualifikation von gleichem Gewicht sein.

Formel und Metapher

Hamburg bot einen Methodenabgleich und einen Blick auf die ganze Breite des Felds. Exemplarische Vorträge galten der automatischen Bestimmung von Autorschaft, Crowdsourcingmethoden bei der Korpusbildung, der Modellierung mittelalterlicher Manuskripte oder der Visualisierung von Datenstrukturen, etwa der virtuellen Rekonstruktion eines mittelalterlichen Skriptoriums. Ein großes Thema ist die Arbeit mit Geoinformationssystemen, vorgestellt wurde etwa eine bioakustische Kartographie, die im fortgeschrittenen Stadium einmal Klangkulissen einer Landschaft automatisch mit Emotionen verbinden soll.

Vieles davon hätte auf einer Entwicklerkonferenz seinen Platz finden können. Der Germanist Jan Christoph Meister, Organisator der Hamburger Konferenz, nutzte den Aufschwung, um eine empirische Wende für die Geisteswissenschaften auszurufen und das Paradigma der hermeneutischen Einzelforschung kühl zu verabschieden. An die Stelle des solitären Interpreten trete der Projekt- und Teamarbeiter, furchtlos im Umgang mit informationstechnischen Werkzeugen, versiert im Umgang mit Formel und Metapher. Von anderer Seite wurde die Furcht vor dem Import eines reduktiven, gegenstandsfernen Denkens laut, vor einer Geisteswissenschaft, die sich von der Computerindustrie die Methoden diktieren und Software wie einen Virenscanner über Texte laufen lässt. Angesichts der Tatsache, dass im Alltag Texte inzwischen routinemäßig von Maschinen interpretiert und sogar geschrieben werden, ist sie nicht unbegründet.

Meint der jüngste Aufschwung der Digital Humanities den Machtantritt des Nerds in den Geisteswissenschaften? Die Digital Humanities sind kein modisches Unternehmen, in Hamburg war das schon an der abwesenden Twitterwall zu erkennen. Ob man sich als anwendungsorientierte Hilfswissenschaft oder als Speerspitze einer umfassenden Transformation der gesamten Geisteswissenschaften versteht, ist innerhalb des Felds eine offene Frage. Die Vielzahl genügsamer, pragmatischer Projekte mit überschaubarem Erkenntnisanspruch, die keinerlei theoretische Reflexion erkennen ließen oder durch die affirmative Übertragung technischer Konzepte auffielen, beantwortete sie in Hamburg recht klar.

Um sich über die instrumentelle Zuarbeit hinaus als Reflexionswissenschaft zu empfehlen, fehlten schon das Personal aus den Medien- und Sozialwissenschaften und die geeigneten Forschungsfragen. Dass sie große Erkenntniszusammenhänge erschließen können, zeichnete sich nicht einmal schemenhaft ab. Wollen die Digital Humanities keine weitere Art der Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften sein, müssen sie den Dialog zu den „traditionellen“ Kollegen viel stärker suchen.

In Feldern wie der Sprachdokumentation beweisen die computergestützten Methoden ihren Nutzen, auch in den Sozialwissenschaften oder der Begriffsgeschichte kann man sich von den quantitativen Methoden einiges versprechen. Bei der Analyse von ästhetischen Phänomenen wurden die Grenzen der Statistik dagegen schnell deutlich. Ein Beispiel gab ein Vortrag, der auf der Basis technisch gestützter Wortfrequenzanalysen den Stil von Charles Dickens untersuchte und zu dem Ergebnis kam, es gebe hier viele Figuren „mit den Händen in den Hosentaschen“. Dass im Herzen der digitalen Geisteswissenschaften noch immer das Sinnverstehen steht, wie Jan Christoph Meister sagte, wer hätte es hier noch vermutet.

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Jahrgang 1975, Redakteur im Feuilleton.

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