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Veröffentlicht: 02.03.2016, 11:27 Uhr

Informatik Die neue Reflexionselite bleibt stumm

Zu öffentlichen Intellektuellen hat man sie berufen, zu technischen Optimierern bildet man sie aus. Das Informatik-Studium wird dem neuen Rollenbild nicht gerecht.

von Constanze Kurz
© Picture-Alliance Autonom, aber nicht reflexiv: Roboter auf der Cebit

Die Zeiten, in denen Informatik-Studenten der Vorlesung lauschten, mitschrieben und vor der Prüfung ihre Köpfe in das angebotene Skript steckten, sind lange vorbei. Hält man heute eine Vorlesung in der Informatik, wird kein zukünftiges Mitglied der „Eliten der Automation“ (Klaus Bednarik) mehr handschriftliche Notizen machen. Profundes Missfallen erntet man, wenn man die gezeigten Folien nicht zum sofortigen Download anbietet. Darin unterscheiden sich die Informatik-Studenten kaum von den Kommilitonen anderer Fächer.

Auch stofflich blieb wenig beim Alten. In der kurzen Zeit, die es die Informatik an den Universitäten gibt, haben sich die Lehrpläne mehrfach gewandelt. Aufgrund der Drittmittellastigkeit ist ein Hang zu industrienaher Forschung typisch geworden. Geblieben ist die hohe Präsenz mathematischer Inhalte im Grundstudium - schließlich dreht es sich bei der Informatik im Kern um die Zahlen und das Rechnen. Auch Konstruktion, Programmieren und Datenverarbeitung bleiben zentral. Hinzu kam der verstärkte Blick auf Kommunikation und Vernetzung, seit Computer auch Medien-, Unterhaltungs- und eben Kommunikationswerkzeuge geworden sind.

Vollkommen verändert hat sich aber die Wahrnehmung der universitären Informatik, der heute eine geradezu gesellschaftsverändernde Qualität nachgesagt wird. Die Auffassung ist verständlich angesichts einer durch und durch von speicherprogrammierten Digitalrechnern abhängigen Gesellschaft. Aber löst sie das auch ein? Seit den achtziger Jahren ist eine ganze Industrie entstanden, deren Erfolg die Hardware und deren Problem die Software ist. Entsprechend groß sind die Bemühungen, die Studentenzahlen zu erhöhen und die Studienabbruchquote zu senken, da die Unternehmen routinemäßig über zu wenig qualifizierte Absolventen klagen. Wer soll denn in Zukunft die hochkomplexe Software erstellen, die uns täglich umgibt?

Das Universum in der Mikroplatine

Andernorts ist man längst dabei, das Problem nicht nur zu beklagen, sondern auch anzugehen. Denn der Schlüssel für das erfolgreiche Voranbringen der Universitätsinformatik ist die Schule. Die britische BBC hat eine lange Tradition der großzügigen Interpretation ihres öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrags. Schon in den achtziger Jahren wurde im Rahmen des „BBC Computer Literacy Project“ mit Partnern aus der Industrie ein kleiner Computer, der „BBC Micro“, mit Fokus auf die schulische Ausbildung entwickelt. Die BBC produzierte in Kooperation mit Pädagogen Videos und TV-Programme, um die Basistechniken der damaligen Computertechnik zu lehren. Die ARD hatte nach diesem Vorbild vor Jahrzehnten ähnliche Bemühungen gestartet und begonnen, den Umgang mit und die Programmierung von Computern über eine TV-Lernreihe ins Programm zu nehmen, um sie den Massen nahezubringen.

Das einstige „BBC Computer Literacy Project“ hat mit dem „BBC micro:bit“ (https://www.microbit.co.uk/) nun eine ausgesprochen zeitgemäße Reinkarnation erfahren. Der micro:bit ist eine kleine Computerplatine mit eingebautem Kompass, Bewegungssensoren, vielen LEDs und Tasten, der sich sehr einfach programmieren lässt. Die Lehrfilme und -programme zeigen, wie sich damit kleine Spielzeuge, Roboter, intelligente Alltagsgeräte bauen und gestalten lassen - kurz: das ganze Universum des so populären „Internet of Things“.

Verteilt wird der micro:bit kostenlos an alle siebenjährigen Schüler in Großbritannien, seine Verwendung wird in das Unterrichtscurriculum integriert. Die informatisch-didaktische Aufbereitung des Projektes ist superb. Man kann nicht nur mit einfachsten Mitteln, die selbst Siebenjährige verstehen, programmieren lernen, sondern steigert sich sukzessive in immer anspruchsvollere Programmiersprachen. Es wird ein unersetzliches Gefühl dafür vermittelt, wie schnell, zuverlässig und komplex das Programmieren und Steuern von Computern sein kann.

Der Nutzen früher Erfahrung

Dass solche gar flächendeckenden Projekte in Deutschland weder aus dem förderal zersplitterten Schul- und Universitätswesen noch aus dem, was unkonventionell Digitales angeht, eher furchtsamen öffentlich-rechtlichen Anstalten entstehen, ist nicht verwunderlich. Was jedoch kaum entschuldigt werden kann, ist die Duldungsstarre der potentiellen Profiteure. Es hat sich bisher in Deutschland keine Koalition aus Industrie, Stiftungen, Öffentlich-Rechtlichen und Schulexperten gefunden, um das wunderbare micro:bit-Projekt der BBC inklusive aller Lehrmaterialien einfach zu lizenzieren, zu übersetzen und flächendeckend für alle Zweitklässler nach Deutschland zu bringen. Für einen lächerlichen Kostenfaktor könnte man damit die Digitalkompetenz einer ganzen Generation Schüler und ihrer Nachfolger drastisch steigern.

Natürlich wird durch solche Projekte nicht jeder Schüler später zum Informatiker. Selbst wenn der heutige Siebenjährige später einmal Manager, Drehbuchschreiber oder Kommunikationsberater wird, hilft ihm aber die frühe Erfahrung, sich durch selbstgeschriebene Software ein eigenes Computerchen untertan gemacht zu haben, um ein intuitives Verständnis der digitalen Welt und ihrer Probleme zu entwickeln.

Politisch wird seit Jahren viel versprochen zur frühen Förderung der sogenannten MINT-Fächer: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik. Nach einer wirtschaftsnahen Untersuchung soll der Bedarf an MINT-Akademikern zwischen 2016 und 2020 auf jährlich rund 120 000 Menschen ansteigen. Doch Informatik als Schulfach ist in den meisten Bundesländern zwar vorgeschrieben, aber von welchem Jahr an oder in welchem Umfang, bleibt Sache des Engagements und der Ausstattung der Schule. Wenn man ehrlich auf die bundesdeutsche MINT-Realität an Schulen blickt, wird sowohl Informatik als auch Technik de facto kaum unterrichtet, erst recht zu wenig mit spannenden Projekten, die das Zeug hätten, mehr Studenten in die technischen Fächer der Universitäten zu locken. Vielerorts wird allen Ernstes in den Schulen nur der Umgang mit gängiger Office-Software gelehrt, nicht aber grundlegendes Informatik-Verständnis.

Der Transfer in die Öffentlichkeit bleibt aus

Das Interesse am Informatik-Studium, das in den Jahren während der „New Economy“ zu verzeichnen war und sich in sprunghaft gestiegenen Studentenzahlen widerspiegelte, muss neu geweckt werden. Die Zahl der Studienanfänger ist in den letzten fünf Jahren zwar wieder deutlich gewachsen. Aber die derzeitige Realität des deutschen Informatikstudiums ist nicht nur wegen der mangelnden schulischen Vorbereitung weit von den äußeren Ansprüchen entfernt. Die Grundlagen von ethischem Umgang mit Technik werden kaum je angesprochen, stattdessen werden „industrienah“ Datenbanken optimiert und myopische Forschungsthemen ausgewählt, die dem Drittmittelsponsor gerade ins Portfolio passen. Anstelle der breitflächigen Ausbildung in sicheren Programmiertechniken, in Prinzipien der Fehlerkorrektur und Auditierung oder in Systemarchitekturen, die zukünftigen Anforderungen an Datensicherheit genügen und kritische Infrastrukturen in den Blick nehmen, wird der Erfolg der angehenden Informatiker nach der Anzahl von Katzenfutter-Versand-Start-ups bemessen, die man mit dem erworbenen Wissen bald gründen könnte.

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Und ganz dem Trend in vielen Wissenschaften folgend, sehen sich die Informatik-Professoren in ihrer großen Mehrheit in keiner Funktion gegenüber der Öffentlichkeit. Die junge Wissenschaft Informatik hat diese Tradition im Grunde gar nicht erst entwickelt. Die Übersetzungsleistung zwischen Technik und dem Rest der Gesellschaft findet meist nur in einem Bereich statt: wie sich mit minimalem Technologieeinsatz der größtmögliche künftige Profit erzielen lässt.

Die Herausforderung besteht also darin, nicht nur die Studenten- und Absolventenzahlen zu steigern, sondern auch die wachsende gesellschaftliche Bedeutung der Informatik im Studium zu reflektieren. Das gilt einerseits für die ethische Dimension, die Verantwortung für das eigene Handeln mit den großen Hebeln der modernen Technik. Andererseits muss mit der Abhängigkeit praktisch aller Lebens- und Wirtschaftsprozesse von Netzen und Computern auch die Fähigkeit vermittelt werden, mit der Verantwortung für Sicherheit und Zuverlässigkeit dieser Systeme adäquat umzugehen.

Constanze Kurz ist Sprecherin des Chaos Computer Clubs.

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