Während der Studentenstreiks schien es für einen Moment, als erlebe eine Leitidee einen unerwarteten Frühling. „Bildung für alle, und zwar umsonst“, skandierten die Studierenden im Winter ihres Missvergnügens. Doch die Karawane ist weitergezogen, die Reform der Bologna-Reform wird nun administrativ eingenordet, und genau dieser Ruf schien unter den Forderungen am wenigsten Realitätsbezug aufzuweisen. Statt dessen wird nun weiter modularisiert und an Credit-Points gefeilt.
Der Vorstellung von „Bildung“ als Aufgabe der Universität hingegen haftet die Patina des Unzeitgemäßen an. Als hochschulpolitische Forderung ging sie in den Zeiten der klassischen Bildungsreform eine Allianz mit der Ausweitung der Studierendenzahlen ein. Dreißig oder vierzig Jahre ist das nun her. „Bildung für alle“ war damals eine soziale Utopie in Zeiten politischer Planungseuphorie. Hinter der Parole stand das Bewusstsein der Relevanz: Bildung als Möglichkeit und Bedingung der Teilhabe an Staat und Gesellschaft.
Pragmatische Absichten
Dass diese Idee keine Parole der Stunde mehr ist, liegt zunächst am Verblassen der politischen Imperative, die als Reform einst von oben kamen. Zugleich darf man nicht übersehen, dass sich auch seitens der Studenten die Erwartungen an die Hochschule verschoben haben. Berufsausbildung lautet ihr ebenso solider wie stumpfer Wunsch, oft getrieben von Sorge und Zukunftsängsten. Ihre Erwartungen gleichen in oft irritierender Weise den kleinteilig normierten Inhalten, die Studienordnungen und Programmtexte der Hochschulen vorgeben. Von Idealen mag man da gar nicht reden.
Wer sich dort auf Spurensuche nach einer Idee von Bildung begibt, erlebt eine Überraschung. Das Wort scheint unpopulär oder unpassend, jedenfalls ist das Schweigen gerade dort verblüffend, wo man seine Erwähnung erwarten würde. Den einzelnen Studiengängen ist „Bildung“ kein primäres Ziel. Ihnen ist an der Vermittlung von Methoden und Wissenschaftlichkeit gelegen, das programmatische Bekenntnis zu diesen wird durch umfassende Angaben zu fachlichen Inhalten ergänzt.
Am Ende scheint der Absolvent einer Hyperspezialisierung näher als allem anderen. Dieses Ergebnis der akademischen Lehre bildet freilich auch jenen Trend der Forschung ab, die Vorreiterin in dieser Richtung war: Atomisierung der Perspektiven und Ausdifferenzierung der Disziplinen, bis am Ende das gelungene Gespräch auch unter Vertretern eines Fachs ein ungewohnter Glücksfall ist; man arbeitet ja momentan nicht zum gleichen Thema.
Hier müsste mal deutlich Fraktur gelesen werden
Allenfalls in den Komposita der Universitätsbürokratie lebt Bildung fort: Weiterbildung, Pflichtfachausbildung und vor allem Schwerpunktbildung begleiten die Studierenden von der Immatrikulation bis zum Abschluss. Jenseits dessen ist auf wenig mehr zu hoffen, auch wenn sich in manchem Hochschulentwicklungsplan, etwa in Frankfurt 2001, noch in hohem Ton zur „Vermittlung von Bildung“ bekannt wird. Ob das wirklich normiert und geprüft wird? Die Juristen jedenfalls gehen wie eh und je zu den Technokraten der Prüfungsvorbereitung, den kommerziellen Repetitoren, um erschreckende Stoffmengen eingetrichtert zu bekommen. (Für Defizite in der Bildung gibt’s übrigens keine Einpauker; vermutlich weil Aufwand und Ergebnis nicht zu rechtfertigen sind.)
Anders gesagt: Die Hochschulen haben ein Problem mit der Bildung. Ihr Besitz wird, in Maßen, als Studienvoraussetzung erwartet; die Vermittlung von Fachwissen als Teil der Berufsbildung ist noch Anliegen der Universität, ein übergreifender Kanon für eine Menschenbildung ist hingegen nicht Ziel dieser Institution. Fachunterschiede sind zugegeben, denn manche Disziplin zeigt sich offener, andere Studiengänge sind in besonderer Weise eindimensional, geschlossen und auf Modelle fixiert, die jüngst ihre vollständige Untauglichkeit bewiesen haben.
Dass man an Grenzen stößt, steht auf einem anderen Blatt und bildet die Geschäftsgrundlage für skurrile Aushandlungsprozesse zwischen Lehrenden und Studierenden. Denn diese müssen, wie es in der pädagogischen Sprache so schön heißt, dort abgeholt werden, wo sie stehen. Was macht man aber mit Juristen mit und ohne Migrationshintergrund, für die Texte in Fraktur eine unüberwindbare Hürde darstellen; mit Politikwissenschaftlern, die kein Verständnis für die Rolle von Religion und Konfession bei der Entstehung des modernen Weltsystems besitzen? Mit Soziologen, die englische Texte erst kleinteilig übersetzen müssen, um mit ihnen arbeiten zu können? Die Universität lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren kann.
Es steht ja im Internet
Auch den Studierenden selbst sind der Bildungsglaube und ein emphatischer Bildungsbegriff abhandengekommen. Wo sie Bildung erstens als Besitz von Wissen deuten und Besitz dann zweitens mit Verfügbarkeit kurzschließen, findet mancher die Idee überholt und glaubt, das Internet werde einen schon schnell mit Informationen füttern, wo er sie brauche. Der ebenso grelle wie naive Satz „Im Internet steht alles“ fällt mit erschreckender Regelmäßigkeit bei Propädeutika gleich welcher fachlichen Couleur. Wer mag da noch in büchergelehrsame Bildungsbeflissenheit investieren, wo jeder Terminal mit überbordenden Datenmengen lockt? Von den elitären Konnotationen dieses Bildungsbegriffs ganz zu schweigen: Mancher assoziierte mit dem Wort einen bourgeoisen Habitus der Einbildung und ist nun erleichtert, dass sich’s endlich ausgebildet hat.
In der universitären Praxis scheint Bildung ein ähnliches Schicksal zu besitzen wie die Höflichkeit im geselligen Miteinander: Ihr Vorhandensein wird stillschweigend geschätzt, aber das Fehlen daran darf im direkten sozialen Umgang nicht offen angeprangert werden. Verstöße und Abweichungen von der Norm müssen auf andere Weise kompensiert, Konflikte anders geregelt werden.
Der große Nichtangriffspakt zwischen Student und Professor
Eine klassische Möglichkeit ist der Nichtangriffspakt. Die Anforderungen werden zwischen Lehrenden und Studierenden so weit gesenkt, dass die Bestehensquote einen anständigen Eindruck macht. Im Zeitalter der modularisierten, vollgepfropften Studiengänge wird Bildung dann als Schnäppchenjagd vermittelt, das Curriculum als Punktesammelsystem organisiert, welches inhaltlich nicht zu anspruchsvoll sein darf, die Stundenlast der Bildungsverbraucher macht’s nötig. Im Gegenzug wird dem Unterrichtenden manche schlechte Vorbereitung und dürftige Stoffvermittlung nachgesehen.
Die Mission Bildung wird im Fall des Nichtangriffspakts als gelungen begriffen, wenn sie schnell abläuft und mit positivem Ergebnis schließt. Die formalen Kennzeichen der Absolventen sind die Adjektive jung und international; die inhaltlichen Defizite ihrer Ausbildung – Zusammenfassungen treten an die Stelle der mühsamen Lektüre von Originaltexten – können verschleiert werden. Dieses Modell bewährt sich in der universitären Praxis, da es hohe Absolventenquoten gewährleistet, folglich hat es die politische Klugheit auf seiner Seite.
Die Freiheit zur Bildung
Steiniger und dornenreicher ist der andere Weg, der ein inhaltlich aufgeladenes Konzept von Bildung auch für die Universität vorsieht. Das ist freilich mehr, als manche Protestparole forderte. Wo zuletzt „Bildung für alle“ angemahnt wurde, tönte es oft nur wie der sozialrealistische Wunsch nach gleichem Zugang über Klassengrenzen hinweg. Manchmal klang es aber auch als trotziger Ruf nach Vermittlung von Wissen und Haltungen, nach der Fähigkeit zur Kritik und zum Selbstdenken, nach tiefer gehenden Fragen jenseits eines pragmatischen Positivismus, der sich nur an unmittelbarer Verwertbarkeit ausrichtet.
Dass solche Tugenden für Absolventen mehr als bloße Allotria sind, wenn es um verantwortungsvolle Positionen geht, ist kein frommer Wunsch, sondern Realität des Arbeitsmarkts. Auch solches kann an der Universität vermittelt werden, freilich weniger in Massenvorlesungen und beim e-learning. Stattdessen braucht es einen lebendigen, persönlichen Dialog zwischen Lehrenden und Studierenden. Es braucht fachübergreifende Angebote von Sprachkursen bis zum Studium generale. Das alles ist aufwendig und das Ergebnis der individuellen Anstrengungen ungewiss, die erheblich bessere Ausstattung und Betreuungsrelation, die es erfordert, wirkt gerade in Zeiten der Haushaltskrise und hilfsweisen Fokussierung auf punktuelle Exzellenzforschung wirklichkeitsfremd.
Dem Einwand, dass es sich dabei um eine romantische Vision handeln möge, darf historisch stattgegeben werden. Aus der Begriffsgeschichte kennt man die spätaufklärerischen Kontexte dieses Bildungsbegriffs: Bildung überholte das Ideal der Erziehung, und es wurde mit Vorstellungen von Geist, Kultur und Humanität aufgeladen und erweitert (Rudolf Vierhaus). Dass Humboldt die Freiheit als „die erste und unerlässliche Bedingung“ zu solcher Bildung benannte, war konsequent. Denn eine solche Geistes- und Persönlichkeitsbildung kann von Institutionen auch erstickt, von Beobachtungs-, Evaluations- und Prüfobsessionen paralysiert werden. Effektive Anreizsysteme für menschliche Neugier, Kreativität und Spitzenleistungen sehen anders aus. Humboldts legendäre Formel von „Einsamkeit und Freiheit“ birgt für die heutige Universität ein geradezu systemsprengendes Potential.
Vielleicht ist es an der Zeit, von Planwirtschaft weitgehend Abstand zu nehmen
Stefan Vieregg (Kuselianer)
- 06.06.2010, 12:51 Uhr
Herr Vec...
Ruppert Behr (rupsk0)
- 06.06.2010, 12:53 Uhr
„Bildung für alle, und zwar umsonst“
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 06.06.2010, 13:09 Uhr
"Den Studenten wird ihr Studium gestohlen"
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 06.06.2010, 14:30 Uhr
Dabei war's doch so gedacht ...
Tomas Sauer (TomSawyer10)
- 06.06.2010, 19:46 Uhr