Vor zwanzig Jahren riefen Dagmar von Wietersheim, ihr Doktorvater, der Germanist Alexander von Bormann und seine Kollegen Gerhart von Graevenitz, Walter Hinderer, Gerhard Neumann und Günter Oesterle die „Stiftung für Romantikforschung“ ins Leben. Seitdem hat die Stiftung die Erforschung der Romantik unermüdlich vorangetrieben: durch mindestens einmal jährlich an verschiedenen Orten veranstaltete Symposien, durch eine große Zahl von Publikationen - soeben erschien etwa der Sammelband „Auftakte und Nachklänge romantischer Musik“ - und nicht zuletzt durch die Vergabe von Druckkostenzuschüssen, Stipendien und Preisen an Nachwuchsforscher. Der Ertrag dieser Aktivitäten ist mehr als beachtlich.
Jetzt stellt die Stiftung ihre Arbeit ein. Um diesen Abschluss und zugleich das zwanzigjährige Jubiläum gebührend zu begehen, hatte sie unter dem Titel „Romantik kontrovers“ noch einmal zu einer Tagung eingeladen, die auf dem bei München gelegenen Gut Sonnenhausen stattfand. Viele waren der Einladung gefolgt: Entsprechend war die Stimmung bei aller spürbaren Wehmut von Anfang an ausgelassen und heiter, ähnlich wie bei einem Klassentreffen, einer besonderen Klasse allerdings, der Schüler verschiedener Disziplinen, Generationen und Nationalitäten angehören, die die Liebe zu ihrem Gegenstand eint.
Romantische Gerldverachtung
„Romantik kontrovers“: Dieses Thema war gut gewählt. Man konnte eine bloße Rückschau auf das Geleistete vermeiden und gleichzeitig einen Wunsch des verstorbenen Mitgründers von Bormann erfüllen, der sich als letztes Tagungsthema eine kritische Perspektive auf die Epoche gewünscht hatte. Für den Anlass hatte man sich zudem eine spezielle Form ausgedacht: einen Debattenparcours, dessen von Heine inspirierte Grundidee es war, sich von der Kontroversen-Kultur der Romantik anstecken zu lassen und bei der Behandlung des Gegenstandes selbst kontrovers zu verfahren, und zwar kontroverser als im gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb üblich. Jede der sechs Sektionen war gegliedert: Auf ein einleitendes Referat folgte das Koreferat eines (mit den Thesen seines Vorredners vertrauten) Respondenten. Daran schlossen sich dreißig Minuten Diskussion mit dem Plenum an, den Abschluss bildete das Referat eines Konkludenten, der die Thesen beider Vorredner kannte.
Das Experiment glückte gleich bei der ersten Sektion zur strittigen Geldtheorie der Romantik, denn die Disputanten waren sich, wie erhofft, uneinig, und dies schon bei der Frage, ob Jochen Hörisch (Mannheim) zwei oder drei Thesen formuliert habe. Während Hörisch, den der Moderator ironisch den „Finanzminister der Germanistik“ nannte, das paradoxe Verhältnis der Romantik zum Geld, diesem „unromantischen Medium schlechthin“, auf die Formel einer „achtungsvollen Geldverachtung“ brachte und diese, mit Ausblicken unter anderem auf Brecht und Adorno, bei Chamisso, Novalis und Brentano untersuchte, forderte der Respondent Maximilian Bergengruen (Genf) bei grundsätzlicher Zustimmung zu Hörischs Thesen ein anderes methodisches Vorgehen: Bei einer solchen Fragestellung müsste die diskursive Umgebung der romantischen Geld-Texte stärker einbezogen werden. In seinem Beitrag wurde die eminente Belesenheit von Novalis und Tieck in der nationalökonomischen Theorie der Zeit denn auch klar erkennbar.
Nach einer sehr lebendigen Diskussion übte dann der Konkludent Harald Neumeyer (Erlangen) Fundamentalkritik an beiden Vorrednern, indem er Hörisch mangelnde philologische Präzision vorwarf und ihm wie auch Bergengruen vorhielt, einschlägige Forschungsliteratur nicht berücksichtigt zu haben. Von Anfang an wurde auf dieser Tagung also auch eine Methodendiskussion geführt.
Kitsch ist ein Verfallsprodukt
Einen anderen Verlauf nahm die zweite Sektion (“Ist die Romantik tolerant?“): Nachdem sich der Referent Roland Borgards (Würzburg) und sein Respondent Ralf Simon (Basel) auf die frühromantische Theorie der „In/Toleranz“ bezogen hatten, schlug die Konkludentin Ethel Matala de Mazza (Berlin) eine ganz neue Richtung ein und lieferte nach, was in den Beiträgen ihrer Vorredner ihrer Ansicht nach zu kurz gekommen war. Am Beispiel von Brentanos Novelle „Die Schachtel mit der Friedenspuppe“ demonstrierte sie nachdrücklich, wie die romantische Intoleranz - und in diesem Fall heißt das vor allem: der romantische Antisemitismus - in der perfiden Erzähllogik dieses Textes realisiert wird und warum also reine Begriffsgeschichten in diesem Fall nichts erbringen. Insgesamt ergab sich so ein uneinheitliches, darin aber dem Thema durchaus angemessenes Bild.
Ein Höhepunkt des zweiten Tages war die Debatte zwischen Johannes Grave (Bielefeld), Ernst Osterkamp (Berlin) und Norbert Miller (Berlin) über die Frage nach dem romantischen Kitsch. Ausgehend von einer Analyse des Gemäldes „Das Haus der Desdemona“ von Friedrich Nerlys plädierte Osterkamp überzeugend dafür, Kitsch nicht - wie vorgeschlagen wurde - als eine der Bedingungen der Möglichkeit romantischer Kunst zu werten, sondern im Gegenteil als deren Verfallsprodukt. Überhaupt solle der erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts unter spezifischen Bedingungen aufgekommene Begriff nicht schon für die Zeit um 1800 verwendet werden. In der Diskussion wies Osterkamp auch auf das Wechselverhältnis von Historismus und Kitschproduktion hin, ein Thema, das der Aufarbeitung durch die Forschung dringend bedürfe.
Novalis ist der zentrale Autor
So klug sich Renate Lachmann (Konstanz), Eva Geulen (Frankfurt am Main) und Johannes F. Lehmann (Essen) auch damit auseinandersetzten: ob aus der Frage „Ist die Romantik modern oder vormodern?“ neue Forschungsperspektiven hervorgehen können, ist fraglich. Was in dieser Sektion jedoch deutlich wurde, war die traditionsbildende Kraft romantischen Denkens und Schreibens. Ihre Auswirkungen sind noch im beginnenden 21. Jahrhundert festzustellen.
Einen weiteren Beleg für die zukunftsweisende Modernität zumindest der Frühromantik lieferte Gerhard Neumann (München/Berlin) in der Sektion „Fetisch Fragment“ mit seinen Ausführungen zu Novalis, der sich spätestens damit als der zentrale Autor der Tagung erwies. Neumann deutete das enzyklopädistische Projekt des Novalis als Gegenentwurf zu dem enzyklopädischen Projekt der Aufklärung und zeigte, wie dann hundert Jahre später Kafka an das Novalissche (Un-)Ordnungs-Prinzip des „Schwarms“ anknüpfte und es auf seinen Band „Betrachtung“ übertrug. David E. Wellbery (Chicago) ergänzte Neumanns Perspektive, indem er nachwies, wie Novalis in seinen Fragmenten systematisch an Fichtes „Wissenschaftslehre“ anschloss, im Hinblick auf die Form der Darstellung davon jedoch entschieden abwich.
Der Stiftung geht es nicht wie der Literatur
Einen gelungenen Schlusspunkt setzten dann Günter Oesterle (Gießen) und Peter Schnyder (Neuchâtel) mit ihrer für das Ende der Tagung vielleicht etwas zu sehr auf Friedrich Schlegel zentrierten Debatte über „Die Romantik und das Interessante“, die in einer echt romantischen Konklusion der Konklusion dann allerdings von Liliane Weissberg (Philadelphia) vertieft und ausgeweitet wurde.
Die Stiftung für Romantikforschung wird ihre Arbeit einstellen. Um die Zukunft der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dieser Epoche muss man aber nicht fürchten. Bei der Tagung wurde sehr deutlich, dass es längst mehrere Generationen junger Forscher gibt, die die Ziele der Stiftung in neuen Konstellationen weiterverfolgen. Glücklicherweise geht es in der Wissenschaft (zumindest in diesem Fall) nicht so zu wie in der romantischen Literatur, wo - so der zu Beginn der Tagung zitierte Heine - „die Väter von den Söhnen totgeschlagen“ werden.