Home
http://www.faz.net/-gqz-7718p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Deutscher Titelwahn Doktorwürde für alle!

Der schmückende Namenszusatz gehört heutzutage offenbar zur Grundausstattung der oberen Mittelschicht. Wie wäre es mit einer flächendeckenden Promotion Deutschlands?

© dpa Langer Schatten dank Doktorhut.

Die rege Beschäftigung mit diesen zwei Buchstaben droht in unserer Republik andere, womöglich schwerer wiegende Probleme und Krisen zu verdrängen. Jeden Tag aufs Neue geben uns Talkshows, Leitartikel und Leserbriefe zu bedenken, dass es immer Menschen gibt, die ohne sie auskommen müssen. Das Fehlen eines solchen Eintrags im Pass, im Lebenslauf oder auf der Visitenkarte wird aber als derart schmerzhaft empfunden, dass die Zahl der Promotionen seit Jahrzehnten lawinenartig anschwillt. Es soll schon vorgekommen sein, dass Bedürftige vor keinem Aufwand an Zeit, Geld und krimineller Energie zurückschrecken, wenn es um die Erlangung einer akademischen Würde geht.

Unsere Freunde in Britannien oder in der Vereinigten Staaten mögen sich über diesen leidenschaftlichen Wunsch lustig machen, aber wo man Deutsch spricht und schreibt, gehört ein solcher schmückender Namenszusatz offenbar zum Existenzminimum der Upper Middle Class. Ähnlich wie ein staatlicher Orden wird er in verschiedenen Stufen verliehen. Ganz am unteren Ende der Skala rangieren der Bachelor und der Master. Wer ehrgeiziger ist, kann es zum Dr. habil., zum Dr. Dr. oder zum Dr. h.c. bringen. Der Gipfel ist erreicht, wo ein Dr. Dr. h.c. mult. auf dem Briefkopf steht. Es kann doch nicht wünschenswert sein, die Hoffnungen zu enttäuschen, denen sich so viele unserer Mitbürger hingeben. Sollte man ihnen nicht so weit wie möglich entgegenkommen? Ein solcher Schritt könnte zugleich unsere Hochschulen, Prüfungskommissionen und Verwaltungsgerichte von manchen unerfreulichen Streitigkeiten entlasten.

Mehr zum Thema

Ich erlaube mir deshalb, ein unbürokratisches Verfahren vorzuschlagen, das nicht nur kostengünstig ist, sondern alle Aspiranten befriedigen wird. Der Bundestag und der Bundesrat mögen gemeinsam beschließen, dass jedem deutschen Staatsbürger mit der Vollendung des achtzehnten Lebensjahres der Doktortitel zusteht. Eine solche Regelung braucht die Kulturhoheit der Länder nicht nachhaltig zu beeinträchtigen. Eine Bearbeitungsgebühr, die Senioren und Arbeitslosen zu erlassen wäre, würde die meisten Interessenten kaum abschrecken. Der Erlös sollte den darbenden Bildungseinrichtungen unseres Landes ungeschmälert zugutekommen. Sicher bin ich nicht der einzige, der seinen - hoffentlich rechtmäßig erworbenen - akademischen Grad von Herzen gern mit all jenen Landsleuten teilen würde, die ihn haben wollen.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Franz Josef Strauß Bayerns allerletzter Herrscher

Als die CDU 1979 mehrheitlich für eine Nominierung des niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht zum Kanzlerkandidaten eintrat, schlug die CSU Franz Josef Strauß vor. Den habe man regelrecht drängen müssen, mit CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber als Antreiber! Mehr Von Rainer Blasius

23.06.2015, 11:19 Uhr | Politik
Erbschaftssteuer Die oberen zehn Prozent - Erben genügt als Beruf

Die Erbschaftswelle in Deutschland rollt. Die vorangegangene Generation hat Vermögen angehäuft. Während manche von der Rendite ihres Erbes leben, fällt es Arbeitnehmern immer schwerer aus ihrem Lohn Rücklagen bilden. Mehr

19.01.2015, 10:48 Uhr | Wirtschaft
Argentinisches Nationalteam Sind wir hier beim Altherrenkick?

Schwache Leistung, alte Sprüche: Argentinien gibt bei der Copa América ein Bild der Stagnation ab – selbst Superstar Messi macht da keinen Unterschied. Und talentierter Nachwuchs ist auch nicht in Sicht. Mehr Von Tobias Käufer, Santiago de Chile

26.06.2015, 20:23 Uhr | Sport
SwissLeaks So hat die HSBC Geld gewaschen und Steuern hinterzogen

Unter dem Namen SwissLeaks sind spektakuläre Vorwürfe gegen die Schweizer Tochter der britischen Bank HSBC bekannt geworden: Systematische Beihilfe zu Steuerhinterziehung und Geldwäsche.Es geht um Vermögen von mehr als 100 Milliarden Euro. Wie die Bank das gemacht hat... Mehr

25.02.2015, 10:44 Uhr | Wirtschaft
South Carolina Konföderierten-Flagge soll eingeholt werden

Ein Symbol für Sklaverei und Unterdrückung? Nach dem Massaker von Charleston wird in Amerika über die Flagge der Südstaaten diskutiert. Die Gouverneurin des Bundesstaats South Carolina will sie nun vom Kapitol in Columbia entfernen lassen. Mehr

23.06.2015, 08:12 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.02.2013, 22:23 Uhr

Glosse

Humor für Leute ohne Humor

Von Julia Bähr

Angeblich lieben Frauen Männer, die sie zum Lachen bringen. Aber wer erbarmt sich all der drögen Langweiler? Eine neue Software könnte deren Chancen massiv erhöhen. Mehr 6 5