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Deutscher Titelwahn Doktorwürde für alle!

 ·  Der schmückende Namenszusatz gehört heutzutage offenbar zur Grundausstattung der oberen Mittelschicht. Wie wäre es mit einer flächendeckenden Promotion Deutschlands?

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Die rege Beschäftigung mit diesen zwei Buchstaben droht in unserer Republik andere, womöglich schwerer wiegende Probleme und Krisen zu verdrängen. Jeden Tag aufs Neue geben uns Talkshows, Leitartikel und Leserbriefe zu bedenken, dass es immer Menschen gibt, die ohne sie auskommen müssen. Das Fehlen eines solchen Eintrags im Pass, im Lebenslauf oder auf der Visitenkarte wird aber als derart schmerzhaft empfunden, dass die Zahl der Promotionen seit Jahrzehnten lawinenartig anschwillt. Es soll schon vorgekommen sein, dass Bedürftige vor keinem Aufwand an Zeit, Geld und krimineller Energie zurückschrecken, wenn es um die Erlangung einer akademischen Würde geht.

Unsere Freunde in Britannien oder in der Vereinigten Staaten mögen sich über diesen leidenschaftlichen Wunsch lustig machen, aber wo man Deutsch spricht und schreibt, gehört ein solcher schmückender Namenszusatz offenbar zum Existenzminimum der Upper Middle Class. Ähnlich wie ein staatlicher Orden wird er in verschiedenen Stufen verliehen. Ganz am unteren Ende der Skala rangieren der Bachelor und der Master. Wer ehrgeiziger ist, kann es zum Dr. habil., zum Dr. Dr. oder zum Dr. h.c. bringen. Der Gipfel ist erreicht, wo ein Dr. Dr. h.c. mult. auf dem Briefkopf steht. Es kann doch nicht wünschenswert sein, die Hoffnungen zu enttäuschen, denen sich so viele unserer Mitbürger hingeben. Sollte man ihnen nicht so weit wie möglich entgegenkommen? Ein solcher Schritt könnte zugleich unsere Hochschulen, Prüfungskommissionen und Verwaltungsgerichte von manchen unerfreulichen Streitigkeiten entlasten.

Ich erlaube mir deshalb, ein unbürokratisches Verfahren vorzuschlagen, das nicht nur kostengünstig ist, sondern alle Aspiranten befriedigen wird. Der Bundestag und der Bundesrat mögen gemeinsam beschließen, dass jedem deutschen Staatsbürger mit der Vollendung des achtzehnten Lebensjahres der Doktortitel zusteht. Eine solche Regelung braucht die Kulturhoheit der Länder nicht nachhaltig zu beeinträchtigen. Eine Bearbeitungsgebühr, die Senioren und Arbeitslosen zu erlassen wäre, würde die meisten Interessenten kaum abschrecken. Der Erlös sollte den darbenden Bildungseinrichtungen unseres Landes ungeschmälert zugutekommen. Sicher bin ich nicht der einzige, der seinen - hoffentlich rechtmäßig erworbenen - akademischen Grad von Herzen gern mit all jenen Landsleuten teilen würde, die ihn haben wollen.

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