30.06.2008 · Groß ist ein Versprechen: Das ß führt ein Nischendasein am Rande deutscher Tastaturen. Selbst die Großschreibung blieb dem „Eszett“ bisher verwehrt. Das Deutsche Institut für Normung will das jetzt ändern.
Von Christina HucklenbroichEine kühle Maß bei heißem Fußballspiel genießen? Das kann man immer, egal ob die eigene Mannschaft gewinnt oder verliert. Aber groß schreiben sollte man den Wunsch nicht. Denn noch immer erscheint ein Fragezeichen, wenn man die Shift-Taste der Tastatur und das "ß", den bauchigen Buchstaben rechts von der Ziffernleiste, gemeinsam drückt. Der Befehl, mit dem man allen anderen Buchstabentasten eine großen Letter entlockt, versagt beim "Eszett". Auf den Wunsch, ein großes ß in das großgeschriebene "Maß" einzubauen, reagiert die Tastatur einfach nicht: Das "Buckel-S" gibt es nur in klein.
Bis jetzt. Denn ein Ausschuss des Deutschen Instituts für Normung (DIN) hat nun durchgesetzt, dass auch ein großes ß geschaffen wird. Damit ist ein neuer Buchstabe für die deutsche Sprache entstanden - zumindest in der Theorie, denn auf der Tastatur muss man zunächst weiter auf ein großgeschriebenes Doppel-S zurückgreifen. "Was sich geändert hat: Jetzt existiert ein Code für das große ß", sagt Peter Anthony vom DIN in Berlin. "Alle Zeichensätze, die in Rechnern abgelegt werden, brauchen eine Kodierung. Wenn Sie beispielsweise das H auf Ihrer Tastatur anschlagen, dann wird auch dieser Buchstabe über einen bestimmten Code adressiert."
Die Zukunft des ß auf deutschen Tastaturen bleibt ungewiss
Für den Großbuchstaben des "ß" wurde die Bezeichnung 1E9E in den internationalen Zeichensätzen ISO- 10646 der Internationalen Organisation für Normung und im Unicode 5.1 verankert. Der Unicode ist ein internationaler Standard, in dem für jedes Schriftzeichen ein digitaler Code festgelegt wird. Dieser neue Code macht das große ß theoretisch adressierbar. "Das bedeutet aber nicht, dass man diesen Buchstaben in Zukunft benutzen muss oder dass Tastaturen geändert werden müssen", sagt Anthony. "Ob das große ß in Zukunft auf Tastaturen angeboten wird, ist Sache der Hersteller." Die Tastaturen müssten jedoch nicht ausgewechselt werden, sagt Anthony. Stattdessen sei denkbar, dass der neue Buchstabe über eine Tastenkombination erreichbar ist. Ein Software-Update könnte dann ausreichen, das große ß verwenden zu können. "Es wird sich zeigen, wie groß das Interesse ist. Vielleicht möchten Leute, die einen Nachnamen mit ß tragen und ihn in Großbuchstaben nicht immer durch das Doppel-S verändern wollen, die neue Möglichkeit nutzen."
Pflicht wird das große ß aber nicht. Auch die Rechtschreibregeln sind von der Neuregelung zunächst nicht betroffen. Sie sehen vor, dass das ß weiterhin in Großschreibweise als SS dargestellt wird. Auch das Aussehen des neuen Buchstaben ist nicht festgelegt worden. Die doppelbäuchige Form des kleinen ß entstand vermutlich im Mittelalter durch Verschmelzung des langgestreckten s mit einem kleinen verschnörkelten z mit Unterschlinge. Vor 130 Jahren begann man dann damit, über eine große Variante des ß zu diskutieren. Insbesondere die Etablierung der rund geschwungenen Antiquaschrift Anfang des 20. Jahrhunderts ließ ein großes ß notwendig erscheinen, da sie häufiger in Großbuchstaben verwendet wurde als die vorher gebräuchliche Fraktur.
Eine Sonderausgabe für das ß
"Typographen haben schon in den zwanziger Jahren ein versales, also ein großes ß für Druckschriften kreiert", sagt Anthony. "In der Schreibmaschinenschrift war das versale ß aber nicht vorgesehen." Der Aufstieg der Schreibmaschinen versperrte dem großen Buckel-S schließlich den Weg zum Durchbruch, obwohl Fachleute immer wieder auf die Lücke im Alphabet hinwiesen. Aus dem Schweizerdeutsch verschwand der kleine Buchstabe vollständig. Die Rechtschreibreform drängte ihn auch in Deutschland zurück.
Weil das ß jetzt doch noch eine Aufwertung erfährt, widmet ihm das Signographie-Fachmagazin "Signa" sogar eine Sonderausgabe. Schriftdesigner entwickelten eigens Vorschläge für gängige Schriftarten. "In der Signographie ist das große ß schon ein kleines Ereignis", sagt "Signa"-Mitherausgeber Andreas Stötzner. "Einen Zugewinn an Eindeutigkeit" biete der Buchstabe: "Zum Beispiel bei Ortsnamen wie Gießen. Und wenn ein Herr Weiß ein Formular in Großbuchstaben ausfüllen muss, wird der Umkehrschluss möglich sein, ob er sich tatsächlich mit ß oder doch mit ss schreibt."
Christina Hucklenbroich Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“
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