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Veröffentlicht: 10.04.2015, 23:00 Uhr

Bibliotheken Sammeln für die Interessen von morgen

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft gibt die Sondersammelgebiete auf. Das klingt speziell, meint aber den folgenreichen Übergang von der universalen Bibliothek zur kurzfristigen Wissenssammlung.

von Martin Schulze Wessel
© Yoshihiro Koitani Alles vermehrt sich: die Bibliotheken stehen vor der Reform ihrer Sammlungspolitik

Zwei Bibliotheksgebäude tragen in Deutschland den Titel „Nationalbibliothek“: die ehemalige Deutsche Bücherei in Leipzig und die einstige Deutsche Bibliothek in Frankfurt am Main. 2006 wurden sie unter dem neuen Titel zusammengeschlossen. Den Anspruch einer weltweit sammelnden Nationalbibliothek, vergleichbar mit der Bibliothèque nationale de France in Paris, erfüllen beide jedoch nicht. Diese Funktion übernahm in Deutschland seit sechzig Jahren ein Netzwerk von Staats- und Universitätsbibliotheken, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beim Aufbau von „Sondersammelgebieten“ unterstützt wurden. Man erwarb arbeitsteilig nach verschiedenen disziplinären und regionalen Gesichtspunkten weltweit Literatur. Eine Bibliothek war für Germanistik verantwortlich, eine zweite für Nordamerika, eine dritte für Soziologie. Jedes wissenschaftliche Buch, das irgendwo auf der Welt erschien, war in mindestens einem Exemplar in Deutschland vorhanden und konnte durch Fernleihe oder elektronische Dokumentlieferung an jede noch so kleine Universitätsbibliothek in wenigen Tagen oder Stunden geliefert werden.

Das System der Sondersammelgebiete entsprach der föderativen Struktur der Bundesrepublik und glich durch bibliothekarische Kooperation den Vorsprung der Pariser Nationalbibliothek oder der finanzstarken amerikanischen Bibliotheken aus. „Vorsorgende Literaturversorgung“ war dafür der Leitbegriff der DFG.

Nun wird mehr und mehr publiziert, so dass der Anspruch, jedes Buch auf der Welt zu erwerben, in die Ferne rückte. Gleichzeitig war das System der Sondersammelgebiete immer kleinteiliger geworden. Am Ende sammelten 36 Bibliotheken in 110 Sondersammelgebieten. Man musste sich entscheiden, das bestehende System zu reformieren oder es durch ein neues zu ersetzen. Die DFG entschied sich für Letzteres: An die Stelle der alten Sondersammelgebiete sollen neue Fachinformationsdienste (FID) treten. War es das Kernanliegen des alten Systems, durch einen umfassenden Bestandsaufbau nach einheitlichen Kriterien auf möglichst alle Anfragen aus der Wissenschaft reagieren zu können, so kehrt das neue System die Rollen um: Die Wissenschaft selbst soll künftig ihre Erwartungen und aktuellen Bedürfnisse artikulieren; den Bibliotheken wird der enge Austausch „mit bedeutenden Forschungsverbünden im jeweiligen Fachgebiet“ nahegelegt.

Was künftig relevant sein wird, wissen wir nicht

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die in solchen Forschungsverbünden arbeiten, könnten für sich durchaus einen Vorteil darin erblicken, Literaturbestände künftig auf Zuruf beschaffen zu lassen. Aber ist die Privilegierung von bestimmten Forschungsfeldern der Wissenschaft insgesamt förderlich?

Literaturbeschaffung hat langfristige Folgen: Was nicht gekauft wird, ist künftig nicht vorhanden und lässt sich nur selten nachträglich erwerben. Die Angebotsorientierung der Fachinformationsdienste ist der Arbeitsweise der Geschichtswissenschaften gerade entgegengesetzt. Diese leben vom Paradigmenwechsel; was heute bedeutsam erscheint, kann morgen irrelevant werden. Der Politikgeschichte der fünfziger Jahre wäre das Sammeln von Quellen und Literatur, die für sozialgeschichtliche Fragestellungen wichtig ist, nebensächlich erschienen; die Sozialgeschichte der sechziger Jahre hätte alltagsgeschichtliche Fragen bei der Literaturbeschaffung ignoriert, und alle zusammen hätten sich kaum für den Erwerb von Büchern und Zeitschriften zur Frauen- und Gendergeschichte eingesetzt. Welche Themen künftig relevant sein werden, wissen wir nicht. Nur die formalen Auswahlprinzipien der alten Sondersammelgebiete erlauben es, Literatur vorsorglich zu erwerben. Die Dynamik in den Geisteswissenschaften hängt paradoxerweise von statischen Bedingungen ab: von der Verlässlichkeit und Vollständigkeit der Literaturversorgung - von der nun aus den DFG-Richtlinien verbannten Tätigkeit des Sammelns.

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