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Veröffentlicht: 05.05.2014, 20:11 Uhr

Plagiatsfall „Große Seeschlachten“ Glänzend geschrieben, wenn auch nicht immer von unserem Autor

Die falschen Friedriche und die falschen Sachbücher: Der Plagiatsfall „Große Seeschlachten“ beim Verlag C.H. Beck wird dort etwas nonchalant behandelt.

von
© C.H.Beck/dpa In Teilen abgeschrieben, aber in der Substanz nicht beschädigt? Ausschnitt des Buchcovers der „Großen Seeschlachten“

Der Verlag C.H. Beck hat das Buch „Große Seeschlachten. Wendepunkte der Weltgeschichte von Salamis bis Skagerrak“ von Arne Karsten und Olaf B. Rader aus dem Verkauf genommen. In den von Rader verfassten Kapiteln stehen zahlreiche Sätze, die ohne Nachweis aus „Wikipedia“ übernommen sind. Im Kapitel über die Schlacht von Trafalgar hatte Rader sich an einen im Internet gefundenen Aufsatz angelehnt, ohne die Quelle zu nennen. Der Facebook-Nutzer Arne Janning hatte das Plagiat publik gemacht.

Patrick Bahners Folgen:

Statt sich bei Janning zu bedanken, überzieht ihn der Verlag in der Pressemitteilung vom 29. April mit Gegenvorwürfen. Die haltlose Formulierung, das ganze Buch sei zusammenkopiert, und die Vermutung, Fördergelder seien verschwendet worden, hatte Janning schnell zurückgezogen. Der Verlag behauptet jetzt: „Die Plagiatsverdächtigungen gegen Arne Karsten erweisen sich als haltlos.“ Mehrere Beispiele Jannings stammten allerdings aus dem Epilog, der nach Verlagsangaben von Olaf Rader „im Namen beider Autoren“ geschrieben wurde. War für Janning ersichtlich, dass Rader den Epilog allein verfasst hat? Und tut es überhaupt etwas zur Sache, wenn Rader ihn doch zugleich im Namen seines Mitautors schrieb?

Fakten und Interpretation

Während Janning Sorglosigkeit vorgeworfen wird, zeigt der Verlag Nachsicht gegenüber dem Autor, der ihn blamiert hat. „Olaf Rader bedauert die nicht nachgewiesene Nutzung fremder Texte zutiefst.“ Solche Mitteilungen lassen Fußballvereine verbreiten, wenn ein Spieler betrunken in eine Polizeikontrolle geraten ist. Erstaunlicherweise hat Raders Regelverstoß für den Verlag die Substanz des Buches nicht beschädigt. Hätte dann die Beifügung eines Errata-Zettels nicht genügt? „Die eigentliche wissenschaftliche und geistige Leistung der Autoren, Seekriegsgeschichte in globalhistorischer sowie primär kultur-, nicht militärgeschichtlicher Perspektive darzustellen, sieht der Verlag durch die Übernahmen aus Fremdtexten auf der Faktenebene nicht beeinträchtigt. Wir weisen auch im Namen der Autoren den Vorwurf zurück, das Buch bestehe aus nichts weiter als solchen Übernahmen, weil das auch bedeuten würde, dass es außer chronologischen und technischen Fakten nichts zu bieten hätte. Diese Fakten sind jedoch nur die Grundlage für eine Interpretation von 2500 Jahren Geschichte aus maritimer Perspektive.“

Es ist verständlich, wenn die Autoren diese Sicht einnehmen. Dass der Verlag sie sich zu eigen macht, bezeugt ein merkwürdiges Verständnis vom Publizieren historischer Sachbücher. Ihre Käufer haben ein Interesse an Fakten, das der Verlag herunterspielt. Sie nehmen an, dass die Fakten nach wissenschaftlichen Standards geprüft sind und dass die Interpretation diese gesicherten Fakten zum Fundament hat. Realistischerweise wird man vermuten, dass der Nonchalance im Umgang mit Nachweisen auch gedankliche Nachlässigkeit entspricht.

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