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Plagiatsfall „Große Seeschlachten“ : Glänzend geschrieben, wenn auch nicht immer von unserem Autor

In Teilen abgeschrieben, aber in der Substanz nicht beschädigt? Ausschnitt des Buchcovers der „Großen Seeschlachten“ Bild: C.H.Beck/dpa

Die falschen Friedriche und die falschen Sachbücher: Der Plagiatsfall „Große Seeschlachten“ beim Verlag C.H. Beck wird dort etwas nonchalant behandelt.

          Der Verlag C.H. Beck hat das Buch „Große Seeschlachten. Wendepunkte der Weltgeschichte von Salamis bis Skagerrak“ von Arne Karsten und Olaf B. Rader aus dem Verkauf genommen. In den von Rader verfassten Kapiteln stehen zahlreiche Sätze, die ohne Nachweis aus „Wikipedia“ übernommen sind. Im Kapitel über die Schlacht von Trafalgar hatte Rader sich an einen im Internet gefundenen Aufsatz angelehnt, ohne die Quelle zu nennen. Der Facebook-Nutzer Arne Janning hatte das Plagiat publik gemacht.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Statt sich bei Janning zu bedanken, überzieht ihn der Verlag in der Pressemitteilung vom 29. April mit Gegenvorwürfen. Die haltlose Formulierung, das ganze Buch sei zusammenkopiert, und die Vermutung, Fördergelder seien verschwendet worden, hatte Janning schnell zurückgezogen. Der Verlag behauptet jetzt: „Die Plagiatsverdächtigungen gegen Arne Karsten erweisen sich als haltlos.“ Mehrere Beispiele Jannings stammten allerdings aus dem Epilog, der nach Verlagsangaben von Olaf Rader „im Namen beider Autoren“ geschrieben wurde. War für Janning ersichtlich, dass Rader den Epilog allein verfasst hat? Und tut es überhaupt etwas zur Sache, wenn Rader ihn doch zugleich im Namen seines Mitautors schrieb?

          Fakten und Interpretation

          Während Janning Sorglosigkeit vorgeworfen wird, zeigt der Verlag Nachsicht gegenüber dem Autor, der ihn blamiert hat. „Olaf Rader bedauert die nicht nachgewiesene Nutzung fremder Texte zutiefst.“ Solche Mitteilungen lassen Fußballvereine verbreiten, wenn ein Spieler betrunken in eine Polizeikontrolle geraten ist. Erstaunlicherweise hat Raders Regelverstoß für den Verlag die Substanz des Buches nicht beschädigt. Hätte dann die Beifügung eines Errata-Zettels nicht genügt? „Die eigentliche wissenschaftliche und geistige Leistung der Autoren, Seekriegsgeschichte in globalhistorischer sowie primär kultur-, nicht militärgeschichtlicher Perspektive darzustellen, sieht der Verlag durch die Übernahmen aus Fremdtexten auf der Faktenebene nicht beeinträchtigt. Wir weisen auch im Namen der Autoren den Vorwurf zurück, das Buch bestehe aus nichts weiter als solchen Übernahmen, weil das auch bedeuten würde, dass es außer chronologischen und technischen Fakten nichts zu bieten hätte. Diese Fakten sind jedoch nur die Grundlage für eine Interpretation von 2500 Jahren Geschichte aus maritimer Perspektive.“

          Es ist verständlich, wenn die Autoren diese Sicht einnehmen. Dass der Verlag sie sich zu eigen macht, bezeugt ein merkwürdiges Verständnis vom Publizieren historischer Sachbücher. Ihre Käufer haben ein Interesse an Fakten, das der Verlag herunterspielt. Sie nehmen an, dass die Fakten nach wissenschaftlichen Standards geprüft sind und dass die Interpretation diese gesicherten Fakten zum Fundament hat. Realistischerweise wird man vermuten, dass der Nonchalance im Umgang mit Nachweisen auch gedankliche Nachlässigkeit entspricht.

          Noch weitere Fälle?

          Fünf weitere Bücher Raders wurden bei Beck verlegt. Derzeit prüft der Verlag die Biographie ’Friedrich II. Der Sizilianer auf dem Kaiserthron’ von 2010 sowie das in der Reihe ’Wissen’ erschienene Taschenbuch über den Staufer auf Plagiate. Stichproben legen nahe, dass Rader schon vor dem Ausflug in die Marinegeschichte als Freibeuter unterwegs war. 2011 gab er zusammen mit Johannes Fried einen Band über „Erinnerungsorte eines Jahrtausends“ heraus. Man zitierte mit diesem Untertitel ein besonders anspruchsvolles Konzept der französischen Kulturwissenschaft; versprochen wird ein Ineinander von Fakten- und Interpretationsgeschichte. Rader handelt über „Die Burg“ - und kann den Unterschied von französischem Donjon und deutschem Bergfried nicht ohne Wikipedia erklären.

          Kathrin Passig hat Übereinstimmungen zwischen dem letzten Kapitel der langen Friedrich-Biographie und dem Text einer Amateurhistorikerin auf einer Internetseite über historische Verbrechen entdeckt. Petra Hannebauer nennt als Quelle für ihre Darstellung von Tile Kolup, der sich als Kaiser Friedrich ausgab, die „Geschichte des Verbrechens“ von Gustav Radbruch und Heinrich Gwinner. Daher nahm Frau Passig an, Rader habe sich möglicherweise ebenfalls bei Radbruch bedient, nur im Unterschied zur Internet-Amateurin ohne Nachweis. Ein Radbruch-Referat mit versehentlich fortgelassener Quelle wäre urheberrechtlich ebenso zu bewerten wie die Raubkopie aus www.geschichte-verbrechen.de, sähe aber wissenschaftlich seriöser aus.

          Bloße Paraphrasierungen

          Der Textvergleich ergibt, dass Rader direkt bei Hannebauer abgeschrieben hat. Er hat noch nicht einmal das dort genannte Radbruch-Buch konsultiert, obwohl dessen Kapitel über die falschen Friedriche wohl als der locus classicus zu seinem Thema zu gelten hat. Rader paraphrasiert also die Radbruch-Paraphrasen der Internet-Nacherzählerin. Radbruch berichtet von der Hoffnung der Staufer-Anhänger, der tote Kaiser werde auferstehen, „um seine Feinde niederzuwerfen“. In Petra Hannebauers Bearbeitung wird daraus die Erwartung, Friedrich werde „seine Widersacher ,in die Knie zwingen’“. Rader tilgt die Anführungszeichen und korrigiert die Präposition: „seine Widersacher auf die Knie zwingen“. Auf der Wikipedia-Seite „Tile Kolup“ werden eine lange Reihe gelehrter Aufsätze aufgeführt - und als einziger Weblink der Text von Frau Hannebauer.

          Für Radbruch ist das Phänomen der falschen Friedriche Anlass für eine kriminalpsychologische Differenzierung zwischen verschiedenen Typen täuschender Verkörperung hochgestellter Personen, dem modernen Hochstapler und dem wahnhaft von seiner falschen Identität überzeugten Wiedergänger. Von dieser geistigen Leistung bleibt nichts übrig in den trivialen Bemerkungen Raders über die „interessanten Nachahmungsphänomene großer Vorgänger“, die „bis in die Nähe der Betrüger wie dem Hauptmann von Köpenick oder der literarischen Figur eines Felix Krull“ führen.

          Zweieinhalb Seiten der Friedrich-Biographie befassen sich mit der Waffenmode der Zeit. Am Ende des ersten Absatzes dieses Abschnitts verweist eine Fußnote auf den Aufsatz von Ortwin Gamber aus dem Katalog der Stuttgarter Staufer-Ausstellung von 1977. Das kann man so verstehen, dass damit alle Gedanken des Absatzes, insbesondere auch ein dreigeteiltes Epochenschema für die Zeit von 1150 bis 1250, als Anlehnungen gekennzeichnet sind. Nun paraphrasieren aber auch sämtliche Sätze von zwei der drei folgenden Absätze Thesen und Beobachtungen Gambers ohne jede Zutat Raders. Der Tipp, dass man den Unterschied von französischem und deutschem Schwertmodell sehr schön an den Reichsinsignien in der Wiener Schatzkammer studieren kann; die Einordnung, dass Ludwig der Heilige und Friedrich II. dem dreizehnten Jahrhundert die Leitbilder des Rittertums vorgaben; sogar der Hinweis, dass in „iserkolzen“, der Eisenhose, das italienische Wort für Strümpfe steckt - alles bei Gamber.

          Raders Paraphrasen - ein Textstellenvergleich

          Wie Gerätehersteller ihren Kunden die jüngste Version naturgemäß auch dann verkaufen wollen, wenn die zweitjüngste noch tadellose Dienste tut, beruht das Geschäftsmodell der historischen Sachbuchverlage auf dem Versprechen, dass die neueste Biographie Friedrichs II. oder Darstellung der Kreuzzüge die beste ist. Sie bewegt sich tänzerisch auf der Höhe der Forschung und ist natürlich - so circa hundert Prozent aller Beck-Klappentexte - glänzend geschrieben! Nicht selten wird aber das ältere, gründlich gearbeitete Buch dem mit großem Tamtam daherkommenden jüngeren vorzuziehen sein, zumal dann, wenn der Autor wie Rader auch stilistisch ein Blender ist, dem regelmäßig Grammatikfehler unterlaufen.

          Neueste Forschung ist für das allgemeine Publikum nicht unbedingt interessant und oft nicht einfach zu vermitteln. Es mag ja sein, dass es zur Bewaffnung der Stauferzeit in den 33 Jahren zwischen Staufer-Ausstellung und Raders Biographie keine neuere Forschung mehr gegeben hat, so dass Gambers Aufsatz noch den state of the art darstellte. Aber warum unterbricht der Biograph seine Schilderung der Schlacht von Bouvines, um ein Mikroepochenschema aus einer hochspekulativen Disziplin wie der Mittelalterarchäologie als sicheres Wissen zu präsentieren? Auf die These von Gambers Aufsatz, die Behauptung eines durchgehenden Einflusses der orientalischen Mode, geht Rader mit keinem Wort ein, obwohl es sich bei Friedrich II., dem vermeintlichen Freund der Mauren, doch aufgedrängt hätte. Wenn dann noch nicht einmal die Wiedergabe des Schemas ohne Fehler abgeht, werden chronologische Präzision und Forschung nur fingiert.

          Im Gespräch mit dieser Zeitung verriet Olaf Rader auf der Frankfurter Buchmesse 2013 die Geheimnisse der literarischen Produktion, die er neben seiner Editorentätigkeit für die ehrwürdigen Monumenta Germaniae Historica entfaltet hat. „Die Kunst ist, dass der Leser nicht vordergründig merkt, auf welchen soliden Fundamenten ein gut lesbares Buch ruht.“ In der „Geschichte des Verbrechens“ von Radbruch und Gwinner, einem Buch, dessen Lektüre der belesene Rader wohl noch vor sich hat, heißt es im Kapitel über die falschen Friedriche: „Jede Zeit hat die Betrüger, die sie verlangt.“

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