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Reform des Physikunterrichts : Vom unendlichen Universum zur geschlossenen Welt

  • -Aktualisiert am

Physik als Anschauungszauber: Experiment im Rahmen eines Science Slam Bild: Michael Kretzer

Die Reformpläne machen die Physik als Schulfach überflüssig. Der Physikschüler der Zukunft soll ein gefühliger Wetterbeobachter sein. Mathematik wird dafür kaum noch gebraucht.

          Ein Wesenszug der Kontrollgesellschaft ist nach Gilles Deleuze, dass die Macht, äußerlich vertreten durch die Politik, nicht allein durch ihre Überwachungsinstitutionen ausgeübt wird, sondern das Denken und Fühlen der Individuen schon im Vorfeld steuert. Der Einzelne soll vermeintlich selbstkontrolliert das umsetzen, was von anderen vorgedacht wurde. Nachdem die Universitäten und Schulen jahrelang auf die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz eingeschworen worden sind, folgt nun die neue Phase der Fächerverstümmlung, aktuell in der Physik. Dies geschieht ganz nach dem Muster der aus den Vereinigten Staaten importierten „Next generation science standards“: Man lässt namhafte Physiker die Fachentsorgung miterledigen. Diese handeln im festen Glauben, sie könnten so in schweren Zeiten die Physik als Schulfach retten.

          Die Hauptfächer hat es schon vorletztes Jahr getroffen, mit katastrophalen Folgen. Nun geht es der Physik an den Kragen, sofern sie als eigenständiges Schulfach in der konturlosen Natur-Umwelt-Soße, in die Bildungsexperten sie eingerührt haben, überhaupt noch benötigt wird. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung für den Bereich Bildung, ließ vor fünf Jahren verlauten, dass es mehr Mut als Geld koste, schulische Curricula und Bildungspläne für den erwünschten Wandel „von überflüssigem Fachwissen zu entschlacken“. Diesen Mut haben einige altgediente Physiker aus der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) zusammen mit postmodernen Fachdidaktikern und Lehrkräften in einer neuen Studie aufgebracht, die das Fachwissen in ein Prokrustesbett packt.

          Innovation mit der Abrissbirne

          Zunächst werden von den Autoren ganz im Stile eines Change-Management-Prozesses Negativbilder aufgebaut und der Schulphysik mantraartig „Überfrachtung“, „Vollständigkeitsgedanken“ und das „Sammeln von Inselwissen“ vorgeworfen. Das hat in Wahrheit kein gymnasialer Physikunterricht je betrieben. Man schaue nur einmal in das Vorwort des mehr als ein halbes Jahrhundert alten „Lehrbuch der Physik“ von Oskar Höfling. Ist der Popanz erst einmal aufgebaut, wird das Zauberwort Kompetenzorientierung ausgepackt und mit den handelsüblichen Euphemismen als „innovatives Konzept für einen zeitgemäßen, nachhaltigen Physikunterricht“ angepriesen. Als hätte das Schulfach Physik nicht schon immer das Ziel verfolgt, dass Gelerntes lange wirksam bleibt. Die Floskelsprache soll darüber hinwegtäuschen, dass der geplante Umbau genau das Gegenteil von vertieftem physikalischen Verständnis befördert: das verständnislose Durchpauken von Lehrstoffen im Modus des Durchlauferhitzers, auch Bulimie-Lernen genannt.

          Die als alternativlos beschworene „Entschlackung“ physikalischen Wissens ist auch mitnichten innovativ. Sie folgt dem bekannten Schema der Leitideen, die zu fünf schwammigen „Basiskonzepten“ (Materie, Kräfte und Wechselwirkungen, Energie, Schwingungen und Wellen) gebündelt sind. Diese Basiskonzepte sollen mit sieben fachbezogenen Methoden nach dem Kompetenzmuster der OECD angegangen werden. Als methodisches Vorgehen gilt hier schon so Tiefschürfendes wie „Fragen stellen und Versuche machen“ oder Hochstaplerisches wie „Mit Erkenntnissen jenseits der Alltagserfahrung umgehen (Quantenphysik und Relativität)“. Im Endeffekt verhindern diese schwindsüchtigen Konzepte und Methoden genau jene vertiefte Befassung mit dem Lehrstoff, die als neues Bildungsziel deklariert wird. Abgerundet wird das neue Physikmenü durch alltagsnahe „Kontexte (schülernah bzw. gesellschaftsrelevant)“, auf „Könnenserwartungen“ ausgelegt und fertig konsumierbar in Module verpackt.

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