18.12.2007 · Die Sachkenntnis kommt übers Zweitfach, die Medientheorie nur übers Selbststudium: An der Technischen Universität Dortmund kann man einen Bachelor in Journalistik erwerben. Eine gute Vorbereitung auf das Arbeitsleben?
Von Oliver Jungen„Etwas mit Medien“ - dieser Halbsatz ist sehr oft zu hören, wenn Abiturienten nach ihren Berufswünschen gefragt werden. Die Studienreform von Bologna hat es als ihr Ziel erklärt, nach sechs Semestern zum ersten berufsqualifizierenden Abschluss zu führen. Innerhalb unserer Serie, in der Anspruch und Wirklichkeit des Bachelor-Studiums vor Ort besichtigt werden sollen, lag darum nichts näher als der Besuch bei einem Studiengang, der die Qualifikation zum Journalisten in Aussicht stellt.
Um kurz nach sechs schreit mich der Wecker an: Genug geschlafen, was ein Student sein will. Auch wenn ich das keineswegs sein will, schon gar nicht um kurz nach sechs. Aber für einen Tag ist mir aufgegeben, baccalaureatischen Elan zu simulieren. Diesmal steht der zu diesem Semester frisch eingerichtete Bachelor-Studiengang „Journalistik“ des renommierten Instituts für Journalistik an der noch frischer - am 1. November - zur Technischen Universität umbenannten Dortmunder Universität auf dem Programm. Alle Studiengänge sind in Dortmund inzwischen auf Bachelor und Master umgestellt, auch die Lehramtsausbildung. Klarere Strukturen und vergleichbare Leistungen sollen die Studenten besser als bislang für den europäischen Arbeitsmarkt präparieren. Was und wie man nun lernt, das möchte ich mir aus der Nähe ansehen.
Generellen Vorbehalten gegenüber einem Journalistikstudium steht zunächst einmal Empirie entgegen: Zahlreiche Medienarbeiter vor allem in der Rhein-Region haben den Dortmunder Vorgänger-Studiengang zum Diplom-Journalisten durchlaufen. Begründet wurde die universitäre Journalistenausbildung bereits im Jahre 1976 in Kooperation mit Verlagen, Rundfunkanstalten, Gewerkschaften und Unternehmensverbänden. Von Beginn an ergänzte die theoretische Ausbildung eine praktische Schulung in einem Medienbetrieb. Das hat sich unter Bachelor-Bedingungen nicht geändert: Die neue Regelstudienzeit von acht Semestern (17 Module, 240 Credit Points) schließt ein zwölfmonatiges, integriertes Volontariat (60 Credits) im dritten Studienjahr ein. Auf die Abschlussarbeit entfallen 15 Credits: Die Gewichtung ist deutlich.
Studium Generale
„Der Schwerpunkt liegt auf einer breitgefächerten Qualifizierung“, heißt es auf der Homepage des Instituts. So wird neben journalistisch-praktischen und medienwissenschaftlichen Fähigkeiten auch gesellschaftswissenschaftliches, juristisches und ökonomisches Basiswissen vermittelt. Die Wissenschaftsjournalisten - ein eigener Bachelor - haben zudem noch zahlreiche naturwissenschaftliche Seminare zu absolvieren. Ganz abwegig ist die Vorstellung also nicht, dass hier Spezialisten für Allgemeinwissen herangebildet werden. Wenn sich auf diese Weise durch die Hintertür ein Studium Generale ins totmodularisierte Universitätsuniversum eingeschlichen haben sollte, wäre das aber durchaus sympathisch.
Am besten erreicht man den Dortmunder Campus mit der S-Bahn oder mit dem Hubschrauber. An diesem Morgen beliebt es just jener Bahn, die ich in Bochum erwischen wollte, betriebsbedingt auszufallen. Bereits am Bahnsteig dreht sich alles um die Folgen des Bologna-Prozesses, den wohl nur selten jemand verteidigt. „Ich wäre lieber kein Bachelor“, sagt eine Lehramtsstudentin zu ihren Bekannten. An diesem Tag komme sie um einundzwanzig Uhr nach Hause, und am nächsten Morgen müsse sie um zwanzig nach fünf wieder raus. Meine Bedingungen jedenfalls scheinen authentisch zu sein. Auf dem Universitätsgelände selbst - ich befolge die Angaben der Instituts-Homepage - bringt mich eine kuriose Schwebebahn zum Süd-Campus. Ein Student erzählt, er habe endlich einen Nachtschichtjob gefunden. Wie robust muss man eigentlich sein, um heute studieren zu können?
Wieder in der Schule
Die Angaben waren falsch. Weltfremde Informatiker blicken mich an. Ich muss zurückschweben. Die Gondelei kostet so viel Zeit, dass ich zu spät komme zum ersten Kurs, Modul drei, Teilbereich eins: Einführung in das politische System der BRD. Der Moment des Türöffnens führt zu einer Erinnerungsimplosion: Ich bin wieder in der Schule. Knapp fünfzig Studenten blicken mich an: der gesamte Jahrgang, man durchläuft ja große Teile des Studiums gemeinsam, und die (zumindest physische) Anwesenheit wird überprüft. Reflexartig setze ich in Richtung Professor den „Entschuldigung, die Bahn“-Blick auf.
Die Diskrepanz zu Kursen, die ich aus meinem, freilich nicht journalistischen Studium kenne, könnte größer kaum sein. Häppchenweise wird den Studenten die politische Organisation der Europäischen Union (der Kurstitel ist offenbar etwas dehnbar) präsentiert: Kommission und Rat, Sperrminorität, degressive Proportionalität. Hin und wieder fragt der Dozent Vorbereitetes ab: „Wie wird der Präsident gewählt?“ Selbst nach schulischen Kategorien scheint eine solche, durch Wikipedia ersetzbare Lehrform eine Unterforderung zu sein. Schließlich hat man es mit Musterschülern zu tun: Der Numerus clausus liegt bei 1,1 bis 1,3.
Anreiz Volontariatsplatz
So seien die Kurse hier, sagt meine Nachbarin. Sie versteht meine Verwunderung, denn es ist auch ihr Zweitstudium. Sie gehört außerdem zu den wenigen Studierenden, die schon ein Volontariat durchlaufen haben. Die zwanzig reservierten Plätze für solche Bewerber würden keineswegs ausgeschöpft. Der Hauptanreiz des Dortmunder Studiums, das höre ich an diesem Tag immer wieder, liegt darin, dass es selbst den Zugang zu einem Volontariatsplatz öffnet.
Der nächste Kurs schließt sich an, Teilbereich zwei desselben Moduls: Die Struktur der Rechtsordnung. Wenn dieser Doppelstunde aber eines fehlt, dann Struktur. Der Lehrende, derselbe wie vorhin, fragt eingangs, welche Straftatbestände den Teilnehmern einfallen, die Journalisten betreffen könnten. Die Antworten schreibt er an die Tafel: Hausfriedensbruch, Bestechung, Datenschutz, Urheberrechtsverletzungen, Beleidigung. „Ist Beleidigung denn eine Straftat?“, fragt die vorlauteste Studentin. Sie ist es auch, die wenig später wissen will, ob schon das Durchleuchten von Briefen eine Geheimnisverletzung darstellt. Na, um dich werden sich die einschlägigen Blätter einmal reißen.
Anekdoten aus der Praxis
Allmählich ist kein Platz mehr auf der Tafel. Jemand besteht zu meiner Freude auf „Störpropaganda“, obwohl der Professor dies für eher unwahrscheinlich hält. Unbefugtes Teilnehmen an Journalistik-Kursen immerhin wird nicht genannt. Den Rest der Stunde füllen interessante Anekdoten aus der Praxis (wie das Cicero-Urteil) sowie Nachfragen der Teilnehmer. Das alles ist unterhaltsam, macht allerdings nicht den Eindruck von Wissenschaft, nicht einmal von Unterricht. Es wirkt vielmehr so, als hätte man sich einen zweifellos versierten juristischen Fachmann eingeladen, um diverse Fragen zu klären.
Überhaupt erstaunt die Haltung, mit welcher der Unterricht hier als Service am Studenten wahrgenommen wird. In der Mensa erklären mir angehende BA-Journalisten, die mich für einen Interessenten halten, warum man mit dem Dortmunder Angebot zufrieden sein könne. An erster Stelle steht das Volontariat - „Alle wollen natürlich zum WDR“ -, danach kommt die praktische Ausbildung in den Lehrredaktionen (Fernsehen, Hörfunk, Print, Online), drittens der überschaubare Aufwand: „Und du hast dann halt den Dortmund-Stempel.“ Ob denn bei der verschulten Lehrweise nicht die eigene Kreativität zu kurz komme, will ich wissen. „Na ja, die Wissenschaft, dafür hat man ja das Zweitfach.“
Zielorientiert und pragmatisch
In der Tat muss jeder Studierende ein Komplementärfach belegen, viel Zeit aber bleibt für dieses nicht (3 Module, 30 Credits). Wo sollen da Phantasie oder Sachkunde entstehen, die verhindern, dass am Ende öder Erfüllungsjournalismus herauskommt? Und wie kann in diesem Rahmen Sensibilität für die deutsche Sprache und Stilistik vermittelt werden? Aber vielleicht ist das auch zu viel verlangt. Orientierungslosigkeit jedenfalls kann man diesen Journalistikstudenten nicht vorwerfen: Nicht annähernd so zielorientiert und pragmatisch sind meine Kommilitonen an ihr Studium herangegangen.
Am späteren Nachmittag betrete ich Hörsaal drei, um Modul eins beizuwohnen: Wissenschaftliche Grundlagen. Die vorlaute Studentin, die auch eine investigative Ader hat, baut sich vor mir auf, doch scheint sie mir schließlich meine Identität abzunehmen trotz des heruntergelogenen Alters. Die folgende Veranstaltung sei der Höhepunkt, sagt sie. Eine Kommilitonin ergänzt, es werde gleich sehr philosophisch. Ich bin gespannt. Dann betritt der Philosoph den Raum. Zunächst bekennt er, die Journalistik müsse ein forschendes Fach bleiben. Hier bin ich richtig! Ob jemand den „Medicus“ gelesen hat, möchte er dann wissen. Ein Dutzend Hände. Man könne immer viel lernen, wenn man den Journalisten in Parallele zum Arzt betrachte, fügt der Forscher an und redet sich in folgenden Schlamassel hinein: Wie die Medizin den Arztberuf unterfüttere, so die Journalistik den Journalismus.
Die Luft und das Fernsehen
Nach einer ganzen Kaskade von Anekdoten - die meisten Studenten unterhalten sich ohnehin über anderes - landet der Redner eher zufällig beim Lehrinhalt der heutigen Stunde, dem stark angegammelten Kommunikationsmodell von Harold Lasswell. Der amerikanische Politikwissenschaftler hat vor sechzig Jahren versucht, Massenkommunikation anhand der selbsterklärenden Formel zu systematisieren: „Wer sagt was in welchem Kanal zu wem mit welchem Effekt?“ Es folgt eine langatmige, mehrere Folien bemühende Erklärung des Satzes. Schließlich - „Das sollten Sie jetzt mitschreiben!“ - präsentiert der Professor eine erweiterte Formel, in der zusätzlich die Absicht, Darstellungsweise, politischen Rahmenbedingungen sowie Rückwirkungen des Kommunizierten auftauchen, was nämlich auch wichtig ist. Eigentlich hätte er noch gerne erklärt, dass es einfache Medien wie Luft und komplizierte wie das Fernsehen gebe, aber die Unruhe im Hörsaal signalisiert ihm: Genug gelernt für heute.
Nichts erfahren haben die Studenten darüber, welche Diskursordnungen hinter welchen Modellierungen stehen, warum also noch im Jahre 1948 ein naives Distributivmodell in Anschlag gebracht werden konnte, das doch mit Karl Bühlers zeichenbasiertem Organon-Modell von 1934 eigentlich schon abgefrühstückt war (auch wenn dieses mit seiner banalen Sender-Empfänger-Struktur in den Sozialwissenschaften noch heute beliebt ist). Dass ungefähr zur selben Zeit Claude Elwood Shannon zusammen mit Warren Weaver seine wegweisende, die informationstheoretische Entropie definierende „Mathematische Theorie der Kommunikation“ veröffentlichte, die sich mit der Informationsübermittlung über einen gestörten Kanal befasst, wobei Rauschsignale ebenfalls als kommunizierte Information aufgefasst werden und so der Signal-Rausch-Abstand zur entscheidenden Größe wird, müssen die Studenten, wenn überhaupt, anderswo erfahren.
Dasselbe wie zuvor, verdichtet
Einer der Lehrenden bestätigt, was man schon ahnen konnte: Die Umstellung des Dortmunder Journalistik-Studiengangs auf den Bachelor stellte keine große Herausforderung dar, weil schon dem Diplom-Studiengang etwas Fachhochschulhaftes eignete. Man unterrichtet im Wesentlichen dasselbe wie zuvor, nur etwas verdichtet. Ob ein verschultes Studium wirklich „zu einer innovativen . . . beruflichen Tätigkeit im Journalismus“ führen kann, wie die Prüfungsordnung verspricht, scheint aber fraglich. Die Sorge bleibt, dass die weitgehend fehlende wissenschaftlich-distanzierte Herangehensweise - in diesem Fall hieße das: Diskurs- und Medienkritik auf hohem Niveau - sich auf die spätere journalistische Praxis auswirkt.
Hat nicht, wer Journalist werden will, nie genug gelernt und nie genug geschlafen? Kann nicht nur das echte Interesse am Gegenstand den Journalisten antreiben? Vom Dortmunder Bachelor-Studiengang wird solches aber offenbar auch gar nicht erwartet. Hier holt man sich nur den Stempel. Sollte ich mit meinen acht Stunden schon einen Credit Point ersessen haben, vermache ich ihn also dem jungen Mann mit der Störpropaganda.
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