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Der Bachelor im Test (1): Germanistik : Die totale Bürokratisierung des Studiums

  • -Aktualisiert am

Studieren im Eiltempo: Der Bachelor macht Druck Bild: dpa

Was ist eigentlich ein Bachelor? Was können Absolventen damit anfangen? Wie studiert es sich in Zeiten nach dem guten alten Diplom? Tilmann Lahme hat einen Selbstversuch gestartet und sich noch einmal in den Hörsaal gesetzt. Erste Folge einer FAZ.NET-Serie zu den neuen Studienbedingungen.

          Morgens um acht. Kein Mensch studiert um diese Zeit. Jedenfalls bisher nicht. Doch um acht Uhr an diesem Donnerstag drängeln sich die Studenten vor dem Göttinger „Verfügungsgebäude“, blicken müde in den trüben, kalten Herbsttag. Wir wollen in diesem Wintersemester versuchen, die tiefgreifenden Änderungen an den deutschen Universitäten durch die Einführung des Bachelor konkret, im Hörsaal und im Seminarraum zu überprüfen. Dies führt mich nach Göttingen, ins Seminar für Germanistik. Es ist eines der größten und bekanntesten in Deutschland, hat einen hohen Numerus clausus und schneidet gewöhnlich bei Vergleichstests gut ab.

          Zu „meiner Zeit“, so muss es nun heißen, obwohl das eigene Studium erst vor sechs Jahren mit einem Staatsexamen für Deutsch und Geschichte in Kiel endete, zu meiner Zeit fanden um acht Uhr nur die Veranstaltungen jener Professoren statt, die keine Lust auf volle Seminare (und zu viele Hausarbeiten) hatten, sowie die Plagegeister: Latinums- oder Graecums-Kurse. Nun ist dies der übliche Beginn des studentischen Tages.

          „Ich will Schriftstellerin werden“

          Niemand murrt. Die Erstsemester sitzen rechtzeitig in ihren Seminarräumen, „Basisseminar Literaturwissenschaft 1.1“ etwa, ich unter den etwa vierzig, zwei Drittel weiblich. „Du kommst aber nicht gerade von der Schule, oder?“ Ein Einführungsseminar für alle Bachelorstudenten, und das sind seit diesem Wintersemester alle, die in Göttingen Germanistik zu studieren beginnen. Magister und Staatsexamen gibt es nur noch als auslaufende Studiengänge. Hier studiert man jetzt Bachelor, in zwei Fächern, sechs Semester lang, wobei man sich zwischen der „normalen“ und der Lehramtsversion, die ein paar fachdidaktische Kurse und Schulpraktika verlangt, entscheiden muss.

          Uni Göttingen

          Die Studenten sind vorbereitet, eingeweiht in die neuen Begriffe von „Workload“ über „Credits“ bis „Modul“, wissen genau, welche Veranstaltungen ihnen welche examensrelevanten Punkte erbringen und welche sie bleiben lassen können. Das alles hat viel mit Bürokratie und Studienplanung zu tun, mit Neigung kaum. Dieser gilt immerhin die erste Frage der Dozentin, einer jungen Doktorandin: Sie will wissen, was zur Wahl des Germanistikstudiums führte. „Ich lese gern“ und „ich habe Deutsch in der Schule gemocht“ sind häufige Antworten. Keine schlechten. „Ich will Schriftstellerin werden“, hört man auch zweimal.

          Hineinschnuppern ist ausgestorben

          Die Stundenpläne der Tischnachbarn sind gefüllt, sicher mit Ballast am Beginn des Semesters, doch selbst die notwendigen Kurse füllen den Tag und machen klar, warum es schon so früh am Tag losgeht: Basisseminare in den drei Gebieten Neuere Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft und Germanistische Mediävistik, abzuschließen mit Klausur; Tutorien dazu, geleitet von Studenten höherer Semester; Vorlesungen, die ebenfalls verpflichtend sind, meist ebenfalls mit Abschlussklausur.

          Dann ist da noch das zweite Fach. Und das, was man „Schlüsselqualifikationen“ nennt, Fremdsprachenkurse etwa. Alles, was man aus Interesse belegen möchte, eine Vorlesung etwa, die ansprechend klingt, muss außerhalb dieser Pflichtstunden belegt werden. Ich frage Bachelorstudenten aller Semester, ob sie sich auch andere Fächer als die eigenen angesehen haben - und bekomme in zwei Tagen nur eine einzige positive Antwort von jemandem, der das Fach wechseln will. Hineinschnuppern in Bereiche, die einen interessieren könnten, ob Kunstgeschichte, Psychologie oder Atomphysik - das ist ausgestorben. „Keine Zeit.“

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