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Debatte um Wissenschaftsverlag Akademischer Frühling

 ·  Occupy Publishers: Tausende Forscher revoltieren gerade gegen die Preispolitik des Verlagshauses Elsevier, eines Giganten auf dem Markt für wissenschaftliche Zeitschriften.

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Im Internet formiert sich derzeit eine Revolte gegen Elsevier, den weltgrößten Verlag für wissenschaftliche Fachzeitungen. Schon sechstausend Forscher aus aller Welt haben einen Eid unterzeichnet: Sie geloben, in keiner der etwa 2500 Zeitschriften von Elsevier zu veröffentlichen, sie wollen auch keine Artikel mehr begutachten und nicht als Herausgeber der Journale zur Verfügung stehen. Als Gründe geben die Wissenschaftler an: Elsevier verlange exorbitante Preise für seine Journale, verkaufe sie in unattraktiven Bündeln und unterstütze zudem Gesetze wie den amerikanischen „Research Works Act“ zur Einschränkung des freien Austausches wissenschaftlicher Informationen.

Angefangen hat es mit einem wütenden Kommentar des in Cambridge lehrenden Mathematikers Timothy Gowers. Dem Träger der Fields-Medaille, einer Art Mathematik-Nobelpreis, platzte Ende Januar der Kragen. Gowers erklärte in seinem Blog öffentlich, dass er nichts mehr mit Elsevier zu tun haben wolle. Kurz darauf erstellte der New Yorker Doktorand Tyler Neylon einen Boykottaufruf auf www.thecostofknowledge.com. Es ist der virtuelle Ort der Akademikerrevolte.

Nun mutet die Auseinandersetzung wie David gegen Goliath an, denn die Elsevier Gruppe ist ein Milliardenimperium, der führende Verlag vor allem für Journale aus den Bereichen Biologie und Medizin. Weltweit sind etwa zweihunderttausend Wissenschaftler als Autoren und Gutachter für die Zeitschriften tätig. Fast alle treten ihre Verwertungsrechte an den Artikeln vollständig an den Verlag ab.

Berechtige Zweifel an der Funktionalität des Wettbewerbs

Zu Elseviers Journalen gehören so bekannte wie „Cell“ oder „The Lancet“. Doch der Unmut wächst. Täglich unterzeichnen mehrere hundert Wissenschaftler den Boykott, vor allem Mathematiker, Biologen, Mediziner und Psychologen von Universitäten auf der ganzen Welt, vereinzelt auch Physiker, Informatiker und Chemiker. Wenn sich der Protest ausweitet, könnte er für den niederländisch-britischen Verlag doch unangenehm werden.

Wettbewerbsbehörden wie das britische Office of Fair Trading, das Bundeskartellamt sowie die EU-Kommission haben schon vor Jahren Untersuchungen über die Marktmacht der großen Wissenschaftsverlage erstellt. Die drei Größten - Elsevier, Wiley-Blackwell und Springer - haben in ihren Zeitschriften mehr als vierzig Prozent aller wissenschaftlichen Artikel vereint. Es gibt berechtigte Zweifel, ob unter ihnen ein funktionierender Wettbewerb herrscht, zumal die Zeitschriften hoch spezialisiert und damit kaum austauschbar sind.

„Diese Verlage haben den Markt im Würgegriff“, klagte Robert Darnton, der Direktor der Harvard-Bibliothek, im vergangenen November auf der Falling-Walls-Konferenz in Berlin, „und sie pressen so viel Geld wie möglich aus den Bibliotheken, deren Budgets schrumpfen.“ Tatsächlich verdient Elsevier prächtig: Bei einem Umsatz von 2 Milliarden britische Pfund erzielte das Unternehmen 2010 einen Gewinn von 724 Millionen Pfund. Die Umsatzrendite beträgt stolze 36 Prozent - und das schon seit Jahren.

Merkwürdige Unterschiede in der Preisentwicklung

Jahr für Jahr kommen neue Journale auf den Markt. Und gleichzeitig stiegen die Preise kräftig. Nach Untersuchungen des kalifornischen Ökonomen Ted Bergstrom haben sie sich innerhalb eines Jahrzehnts fast verdoppelt. Einzelne Titel erreichen astronomische Höhen. So kostet die Elsevier-Zeitschrift „Brain Research“ laut Preisliste 21 440 Euro für 63 Ausgaben im Jahr. Unangenehm für die Bibliotheken ist, dass es viele Journale nur in einem großen Paket gibt: Darin stecken neben einer unverzichtbaren Top-Zeitschrift weniger wichtige Journale. Für die „Excerpta Medica Full Set Series“, die gut zweitausend Hefte im Jahr umfasst, muss eine Bibliothek 91 940 Euro aufbringen. Auffällig ist auch die Preisdifferenzierung zwischen institutionellen Kunden und Privatpersonen. Für manche Journale zahlen Bibliotheken die zehnfache Abo-Gebühr. Solche Preispolitik deutet an, dass ein Anbieter Marktmacht hat und das Maximum aus den Kunden abschöpft.

Inzwischen hat Elsevier auf die Proteste der Wissenschaftler reagiert. Die Kritik gehe fehl, sagte Strategiedirektor Nick Fowler. Elsevier habe die Preise in den vergangenen Jahren weniger stark angehoben als der Durchschnitt der Verlagsbranche. Und steigende Preise reflektierten eben gestiegene Kosten für verbesserte Angebote. Merkwürdig ist allerdings die sehr unterschiedliche Preisentwicklung von kommerziellen Verlagen, Universitätsverlagen wie Cambridge University Press oder University of Chicago Press und nicht-kommerziellen Journalen der wissenschaftlichen Vereinigungen. Eine Untersuchung von Bergstrom ergab, dass Zeitschriften kommerzieller Verlage im Durchschnitt dreimal so viel wie die der Non-Profit-Organisationen kosteten.

Gegen die gönnerhafte Elite ist schwer anzukommen

Der Wettbewerbsökonom Justus Haucap, Vorsitzender der deutschen Monopolkommission, sieht drei Hauptprobleme des Marktes für wissenschaftliche Fachzeitschriften: Erstens ist der Markteintritt für Wettbewerber sehr schwierig; zweitens hätten die Bibliotheken hohe Wechselkosten, weil sie möglichst ganze Reihen beziehen wollen; und drittens ist daher die Nachfrage unelastisch. Das heißt, selbst bei stark steigenden Preisen zögern Bibliotheken mit einer Abbestellung. Die Kombination aus schwierigem Marktzutritt und unelastischer Nachfrage bringt oligopolistische Strukturen. Die Verlagsriesen häufen Jahr für Jahr übermäßige Gewinne an. Haucap sieht nur einen Ausweg: eine gemeinsame Aktion von Forschungsgemeinschaften, die Wissenschaftler verpflichten, ihre Artikel kostenlos oder günstig weiterzugeben.

Vereinzelt gibt es Initiativen für Open-Access-Journale. Doch ist es schwer, gegen den Ruf der Etablierten anzukommen. Und außerdem geben sich die Großverlage alle Mühe, den Markt weiter abzuschotten - durch bürokratische oder strafrechtliche Hürden gegen die Verbreitung von Artikeln. Kurz vor Weihnachten haben Elsevier, Thieme und Springer gegen den Dokumentenlieferdienst der ETH Zürich geklagt, der elektronische Kopien von Zeitschriftenartikeln verschickt. Die Verlage wollen diese Verbreitung stoppen, obwohl die ETH-Bibliothek eine Copyright-Gebühr entrichtet.

Große Auswirkungen auf die biomedizinische Forschung hätte der Research Works Act, der derzeit im Kongress diskutiert wird und die Elsevier-Boykotteure aufregt. Die National Institutes of Health (NIH) haben bislang die Regel, dass alle von ihnen mit Steuergeld geförderten Wissenschaftler ihre Ergebnisse ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung in einem Journal über das NIH-Archiv frei zugänglich machen müssen. Mit dem Research Works Act würde dies verboten. Einer der beiden Politiker, die den Gesetzentwurf Ende 2011 eingebracht haben, ist die Demokratin Carolyn Maloney aus New York. Wie inzwischen herauskam, hat sie Spenden von Elsevier erhalten. Auch diese Entdeckung hat den Boykottaufruf gegen den Verlagsgiganten angestachelt. „Wir respektieren die Freiheit der Autoren, ihre Entscheidung zu treffen“, teilte der Verlag nun gönnerhaft mit, „und wir freuen uns auf eine Diskussion über ihre Bedenken.“

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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