Home
http://www.faz.net/-gqz-6xopw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Debatte um Wissenschaftsverlag Akademischer Frühling

Occupy Publishers: Tausende Forscher revoltieren gerade gegen die Preispolitik des Verlagshauses Elsevier, eines Giganten auf dem Markt für wissenschaftliche Zeitschriften.

© Elsevier „Non solus“ - nicht allein: Dieser Satz wirkt im Logo von Elsevier derzeit wie blanker Hohn

Im Internet formiert sich derzeit eine Revolte gegen Elsevier, den weltgrößten Verlag für wissenschaftliche Fachzeitungen. Schon sechstausend Forscher aus aller Welt haben einen Eid unterzeichnet: Sie geloben, in keiner der etwa 2500 Zeitschriften von Elsevier zu veröffentlichen, sie wollen auch keine Artikel mehr begutachten und nicht als Herausgeber der Journale zur Verfügung stehen. Als Gründe geben die Wissenschaftler an: Elsevier verlange exorbitante Preise für seine Journale, verkaufe sie in unattraktiven Bündeln und unterstütze zudem Gesetze wie den amerikanischen „Research Works Act“ zur Einschränkung des freien Austausches wissenschaftlicher Informationen.

Philip Plickert Folgen:

Angefangen hat es mit einem wütenden Kommentar des in Cambridge lehrenden Mathematikers Timothy Gowers. Dem Träger der Fields-Medaille, einer Art Mathematik-Nobelpreis, platzte Ende Januar der Kragen. Gowers erklärte in seinem Blog öffentlich, dass er nichts mehr mit Elsevier zu tun haben wolle. Kurz darauf erstellte der New Yorker Doktorand Tyler Neylon einen Boykottaufruf auf www.thecostofknowledge.com. Es ist der virtuelle Ort der Akademikerrevolte.

Nun mutet die Auseinandersetzung wie David gegen Goliath an, denn die Elsevier Gruppe ist ein Milliardenimperium, der führende Verlag vor allem für Journale aus den Bereichen Biologie und Medizin. Weltweit sind etwa zweihunderttausend Wissenschaftler als Autoren und Gutachter für die Zeitschriften tätig. Fast alle treten ihre Verwertungsrechte an den Artikeln vollständig an den Verlag ab.

Berechtige Zweifel an der Funktionalität des Wettbewerbs

Zu Elseviers Journalen gehören so bekannte wie „Cell“ oder „The Lancet“. Doch der Unmut wächst. Täglich unterzeichnen mehrere hundert Wissenschaftler den Boykott, vor allem Mathematiker, Biologen, Mediziner und Psychologen von Universitäten auf der ganzen Welt, vereinzelt auch Physiker, Informatiker und Chemiker. Wenn sich der Protest ausweitet, könnte er für den niederländisch-britischen Verlag doch unangenehm werden.

Wettbewerbsbehörden wie das britische Office of Fair Trading, das Bundeskartellamt sowie die EU-Kommission haben schon vor Jahren Untersuchungen über die Marktmacht der großen Wissenschaftsverlage erstellt. Die drei Größten - Elsevier, Wiley-Blackwell und Springer - haben in ihren Zeitschriften mehr als vierzig Prozent aller wissenschaftlichen Artikel vereint. Es gibt berechtigte Zweifel, ob unter ihnen ein funktionierender Wettbewerb herrscht, zumal die Zeitschriften hoch spezialisiert und damit kaum austauschbar sind.

„Diese Verlage haben den Markt im Würgegriff“, klagte Robert Darnton, der Direktor der Harvard-Bibliothek, im vergangenen November auf der Falling-Walls-Konferenz in Berlin, „und sie pressen so viel Geld wie möglich aus den Bibliotheken, deren Budgets schrumpfen.“ Tatsächlich verdient Elsevier prächtig: Bei einem Umsatz von 2 Milliarden britische Pfund erzielte das Unternehmen 2010 einen Gewinn von 724 Millionen Pfund. Die Umsatzrendite beträgt stolze 36 Prozent - und das schon seit Jahren.

Merkwürdige Unterschiede in der Preisentwicklung

Jahr für Jahr kommen neue Journale auf den Markt. Und gleichzeitig stiegen die Preise kräftig. Nach Untersuchungen des kalifornischen Ökonomen Ted Bergstrom haben sie sich innerhalb eines Jahrzehnts fast verdoppelt. Einzelne Titel erreichen astronomische Höhen. So kostet die Elsevier-Zeitschrift „Brain Research“ laut Preisliste 21 440 Euro für 63 Ausgaben im Jahr. Unangenehm für die Bibliotheken ist, dass es viele Journale nur in einem großen Paket gibt: Darin stecken neben einer unverzichtbaren Top-Zeitschrift weniger wichtige Journale. Für die „Excerpta Medica Full Set Series“, die gut zweitausend Hefte im Jahr umfasst, muss eine Bibliothek 91 940 Euro aufbringen. Auffällig ist auch die Preisdifferenzierung zwischen institutionellen Kunden und Privatpersonen. Für manche Journale zahlen Bibliotheken die zehnfache Abo-Gebühr. Solche Preispolitik deutet an, dass ein Anbieter Marktmacht hat und das Maximum aus den Kunden abschöpft.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kochbuchkolumne Esspapier Bekannte Gerichte, präzise Technik

Nicht so verschult wie die Molekularküche, nicht so traditionell wie bürgerliches Essen: Stéphan Lagorce hat ein bemerkenswertes Buch mit Rezepten aus der französischen Bistro-Szene veröffentlicht. Mehr Von Jürgen Dollase

18.06.2015, 16:49 Uhr | Feuilleton
Klinische Studie Ebola-Impfstoff gibt Grund zur Hoffnung

Die Medizin ist im Kampf gegen das Ebola-Virus offenbar einen Schritt weiter gekommen: Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf haben Wissenschaftler vielversprechende Daten einer klinischen Studie vorgestellt. Mehr

11.04.2015, 13:28 Uhr | Wissen
Heute in der Zeitung Zweifel an einem Alltagsmedikament

Neue Kritik am Schmerzmittel Paracetamol, Hirnforschung mit Schwerkriminellen, Big Data in der Zoologie, neue Erkenntnisse über Prionenkrankheiten - und noch mehr Themen aus dem Forschungs- und Medizinbetrieb in unserer Mittwochsbeilage Natur und Wissenschaft. Mehr

18.06.2015, 10:26 Uhr | Wissen
It’s a girl Kate und William haben eine Tochter bekommen

Die Herzogin von Cambridge hat eine Tochter zur Welt gebracht. Das bestätigte das britische Königshaus. Nicht lange nach der Geburt verkündete ein inoffizieller Bote die Nachricht - ganz altertümlich mit einer Schriftrolle. Mehr

02.05.2015, 13:01 Uhr | Gesellschaft
+++ Klimaticker Juni +++ Pekingbanden, Prinzenrede, Papstlehre

Was macht eigentlich die Apokalypse? Unser Glossenticker mit ernsten Nachrichten zum Klimawandel und ihren (weniger ernsten) Pointen. Ein Update mit Chinas Plänen, Prinz Charles Klimadiagnose und der Umweltenzyklika. Mehr Von Joachim Müller-Jung

18.06.2015, 21:01 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 14.02.2012, 16:50 Uhr

Glosse

Tunnelblickrock

Von Dietmar Dath

Altmodischer Gitarrendresche, Beckenschläge und Drumroll: Mit „Selbstauslöser“ putzt sich der S-Bahn-Fahrer die Ohren frei. Dann steigt ein Pärchen ein, und plötzlich wird das Abteil zur Musikvideo-Kulisse. Mehr 1