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Veröffentlicht: 01.03.2012, 20:03 Uhr

Debatte um Privatdozenturen Sortiert den PD früher aus!

Hat das akademische Prekariat wirklich einen Namen? Stefan Laubes Rettungsversuch für die Privatdozenten führt in eine nicht mehr zeitgemäße Versorgungsmentalität.

von Volker Rieble
© dpa Professor Volker Rieble antwortet auf die Forderungen des Privatdozenten Stefan Laube

Der Privatdozent Stefan Laube beklagt, dass Privatdozenten unentgeltlich lehren müssen, und fordert die aus seiner Sicht „unerlässliche“ Festanstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter nebst automatischer Professur - wenigstens als Bezeichnung - nach einigen Jahren. Das trübe Schicksal trifft die erfolglosen Privatdozenten, jene also, die keinen Ruf erhalten und auch bei Lehrstuhlvertretungen leer ausgehen.

Vorwärts zurück: Das Geforderte hatten wir schon. Die Mittelbau-Universität, die ihre auf dem Lehrstuhlmarkt erfolglosen Akademischen Absolventen durch Hausberufung mit Professuren versorgt oder sie als akademische Räte lebenslang durchfüttert, ganz gleich wie gut oder wie schlecht sie lehren und forschen, war Praxis der siebziger Jahre und hat sich in den personellen Folgen vor gar nicht so langer Zeit „ausgewachsen“.

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Davor gab es die „Universitätsdozenten“, die nach der Habilitation regelmäßig verbeamtet wurden. Die deutschen Universitäten haben sich von diesem Versorgungsmodell aus guten Gründen verabschiedet - die der Kulturwissenschaftler und Historiker Laube ausblendet. Hauptgrund war das erschreckende Überangebot an Habilitanden, das nicht mehr versorgt werden konnte. Genau hinzusehen lohnt sich: Ursachen der Privatdozenten-Misere benennt Laube nicht. Auf absehbare Folgewirkungen seines Vorschlages achtet er ebenso wenig.

Zu den Ursachen: Der Professoren-Stellenmarkt ist begrenzt. Je nach Spezialisierung kommen womöglich nur wenige Stellen für den, der sich habilitiert, in Betracht. Mag der Wettbewerb auch nicht immer fair sein und die Bestenauslese gelegentlich anderen Kriterien weichen - stets wagt sich der Habilitand in eine ungewisse Zukunft. Die Universitäten „produzieren“ in manchen Fächern all zuviele Privatdozenten, die gar nicht alle unterkommen können. Außerdem sind die Ansprüche an die Habilitation im Zeitalter der Massenuniversität gesunken: Wirklich originelle Köpfe bringt diese so selten wie früher hervor.

Woher sollen die Stellen kommen?

Den Mut, mittelmäßigen Nachwuchswissenschaftlern durch Versagung der Habilitation das Ende der Karriere zu bedeuten und Forschungsjahre mit einem Federstrich zu entwerten, diesen Mut bringt heute kaum eine Fakultät auf. Die deutsche Universität ist auch ein feudales System. Insofern trifft das Bundesverfassungsgericht das richtige Maß, indem es den Alimentationssold des einfachen Professors beim Oberstudienrat A 15 einordnet.

Auch geht es um ein Sonderrisiko für den, der nichts anderes als Universität kann oder will und das Risiko einer gescheiterten Wissenschaftlerkarriere nicht in seine Berufswahlentscheidung einbezieht. In der Medizin wirken Habilitierte als Oberärzte klinisch; habilitierte Volkswirte und Juristen finden in Ministerien und gelegentlich auch in Unternehmen Verwendung. Habilitierte Naturwissenschaftler gehen in die private Forschung. Eng wird es für Privatdozenten der philosophischen Fakultäten, weil diesen vom Arbeitsmarkt die praktische Verwendbarkeit eher abgesprochen wird.

Die Befristung ist rechtens

Die Forderung nach „unerlässlicher“ Festanstellung bedenkt nicht die Folgen: Woher sollen die Stellen für gescheiterte Privatdozenten unter knappen Haushalten kommen? Erwartbar ist in Wiederholung der Mittelbau-Universität, dass Nachwuchsassistentenstellen der Doktoranden und Habilitanden umgewidmet werden in PD-Versorgungsstellen.

Der Nachwuchs also, der noch wissenschaftlich ausgebildet werden will, müsste das Versorgungsbedürfnis der erfolglosen Privatdozenten bezahlen. Dabei anerkennt die Rechtsordnung durchweg - vom Lehrling über den wissenschaftlichen Assistenten bis hin zum Facharzt -, dass Ausbildungsstellen zu befristen sind, damit der künftige Nachwuchs nicht von jenen blockiert wird, die den Absprung in ein erfolgreiches Berufsleben aus eigener Qualifikation und eigener Kraft nicht schaffen und auf solchen Stellen hängenbleiben.

Eine finanzielle Anerkennung

Schließlich: Wenn jeder Habilitierte einen haushaltswirksamen Anspruch auf Festanstellung haben soll, könnte die Habilitation kein Recht der Fakultäten mehr sein. Bezahlen müsste die Hochschule, und deren Leitung müsste die Habilitation kontingentieren. Und wenn die Hausberufung auf eine mäßig dotierte, aber doch lebenslang garantierte und mit Professorenwürde versehene BAT-Stelle sicher ist, welche Anreizwirkung hätte dies? Versorgungsmentalität und innovatorische Unruhe - das geht nicht zusammen.

Richtig ist der Einwand, dass die Lehraufträge für Privatdozenten (besser) bezahlt werden müssen. Dahinter steckt harte Arbeit, gerade wenn eine Vorlesung erstmals konzipiert werden muss. Dass der nie berufene Privatdozent anteilig wie ein Professor bezahlt werden müsste, wie Laube vorrechnet, scheint mir zweifelhaft. Für eine „zweistündige“ Lehrveranstaltung (also: 1,5 Zeitstunden in der Woche) über ein Semester ist ein Betrag um 2000 Euro durchaus angemessen. Von solchem Teilzeitsalär kann zwar keiner leben. Eine Anerkennung für die erbrachte Leistung wäre das dennoch. Und sie hätte einen positiven Nebeneffekt: Die Fakultäten müssten sich Rechenschaft ablegen darüber, wen sie mit einem vergüteten Lehrauftrag ausstatten.

Zum Aussortieren gezwungen

Derzeit darf jeder Privatdozent in seinem Fach alles lehren. Erfolglose Privatdozenten sind mitunter schlechte Lehrer und scheitern womöglich daran, dass sie mit ihrem Probevortrag im Bewerbungsverfahren an der fremden Universität nicht überzeugen. Bislang werden solche den Studenten der Heimatfakultät kontrollfrei zugemutet, auch damit der Privatdozent durch permanente Lehre seine Berufungschancen erhalten und auch verbessern kann. Ein sachgerechter Vergütungszwang zwingt die Fakultäten, bestimmte Privatdozenten früh auszusortieren. Für die Studenten ist ein Lehrauftrag an einen hinreißenden Praktiker allemal besser als derjenige für einen langweiligen Privatdozenten.

Treffende Antwort auf Stefan Laubes Petitum geben die Fantastischen Vier: „Es könnt’ alles so einfach sein, isses aber nicht.“

Glosse

Wer liest denn schon noch?

Von Kerstin Holm

Selbst Menschen, die öffentlich über Bücher sprechen, erklären häufig, sie hätten ja gar keine Zeit zum Lesen. Der Bazillus des nichtinformierten Diskurses verbreitet sich zusehends. Mehr 3 12

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