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Debatte : Open access als Traum der Verwaltungen

  • -Aktualisiert am

Freier Zugang zu den Büchern? Bild: Dieter Rüchel

Manche Universität denkt über eine Verpflichtung für ihre Forscher nach, alle Texte elektronisch zu publizieren. Das liefe auf die Zerstörung des wissenschaftlichen Buches und auf eine vollends verwaltete Forschung hinaus.

          Open access ist eine gute Sache, in den Naturwissenschaften. Zu Recht haben Universitäten und Forschungsorganisationen es nicht mehr länger mit ansehen wollen, dass hochspezialisierte Zeitschriften Unsummen des Bibliotheksetats verschlingen und sich einige wenige monopolistische internationale Unternehmen, die immer noch den Namen Verlag tragen, maßlos daran bereichern. Man kann nur hoffen, dass Physiker, Chemiker oder Biologen neue, preiswertere Kommunikationswege finden, auf denen sie ihre Forschungsergebnisse ohne Einbußen an Qualitätskontrolle in ihrer jeweiligen community zirkulieren lassen können, und dabei sollten ihnen Politiker, Universitäten und Forschungsinstitutionen alle erdenkliche Unterstützung bieten.

          Nun ist der Begriff Open Access für diesen Sachverhalt vielleicht etwas zu hoch gegriffen, denn das Problem ist ja nicht, dass jede beliebige Person den neuesten Artikel aus Princeton zur String-Theorie umgehend abrufen kann. Wenn es nur darum ginge, wäre es wegen Belanglosigkeit nie zur Open-Access-Bewegung gekommen. Denn um einen Artikel schnell zu lesen, ist es auch für den Laien ein leichtes, den betreffenden Autor anzuschreiben, der im Regelfall schnell und geschmeichelt einen pdf-File verschicken wird. Nein, das Problem ist im Wesentlichen, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis der Wissenszirkulation innerhalb der verschiedenen scientific communities nicht mehr stimmt, und da ist die Suche nach neuen Wegen notwendig.

          Es ließe sich viel Papier sparen

          Open access ist auch in den Geisteswissenschaften eine gute Sache. Wer kennte nicht in seinem jeweiligen Fach die leider nicht so seltenen Dissertationen, die ihre Existenz vielleicht doch lieber auf dem entsprechenden Universitätsserver fristen würden als in irgendwelchen abgelegenen Dissertationsreihen? Es ließe sich viel Papier sparen. Und auch die Flut der Sammelbände - einer im Prinzip sinnvollen, interdisziplinären Einrichtung - hat ihren Höhepunkt hoffentlich bald hinter sich. Jedenfalls sollten Artikel nach einer gewissen Frist, die mit den Verlagen zu vereinbaren ist, frei im Netz verfügbar sein. Aber, und das ist der entscheidende Punkt, ein Zwang, der von irgendwelchen forschungsfinanzierenden Institutionen ausgeübt wird, darf aus all dem nicht erwachsen.

          Die Universität Zürich legt ihren neu angeworbenen Wissenschaftlern, sofern sie über Drittmittel vom Schweizer Nationalfonds finanziert werden, gegenwärtig einen Anstellungsvertrag vor, in dem es wörtlich heißt: „Sämtliche im Rahmen des Arbeitsverhältnisses erstellten Werke, Erfindungen und Computerprogramme sind Eigentum der Arbeitgeberin. Nutzungs- und Verwertungsrecht an diesen Werken und Erfindungen werden der Arbeitgeberin umfassend abgetreten.“ Werke, das betrifft auch Buchmanuskripte und Forschungsartikel. Doch kann es zumal bei geisteswissenschaftlicher Produktion kaum darum gehen, Geld zu verdienen; anders als bei Erfindungen oder Computerprogrammen. Eher schon ist ist zu vermuten, dass die Universität sich das Recht vorbehalten will, ob und wie sie diese Werke unter eigener Regie publiziert.

          Erleichternd, aber nicht tröstlich

          Die juristische Seite des Vorgangs ist kürzlich von Volker Rieble (Forscher sind nicht normale Angestellte: Über das Recht des Forschers, frei zu publizieren) beleuchtet worden, und es ist erleichternd, wenn auch nicht tröstlich, dass eine solche Regelung in Deutschland mit dem Grundgesetz nicht vereinbar zu sein scheint. Die Schweiz wird in dieser Frage ihren eigenen Weg gehen, sobald die erste Klage gegen die Regelung erhoben wird. Doch man kann das Szenario auch einmal jenseits der juristischen Fragen durchspielen.

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