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„Doing“-Hype der Wissenschaft : Sie tun was

Lasst uns alle miteinander etwas ändern! Die Betonung des Machens hat auch die wissenschaftliche Sprache erreicht. Bild: AP

Auch die Wissenschaften suchen vermehrt das Rampenlicht. Was tun sie dort? Sie tun Gesicht, sie tun Raum, sie tun Geschlecht. Schwierig wird es hingegen für den Justizminister.

          Kunst und Wissenschaft, wir werden uns verstehen“, sagt der Zauberkünstler Kiepert in Josef von Sternbergs „Blauem Engel“ und streckt dem verwirrten Professor Unrat die Hand entgegen. Die Verbindung endet für den Pädagogen bekanntlich bitter. Von der feschen Lola um Geld und Ehre gebracht, stolpert er im Clownskostüm auf die Bühne und ins Verderben hinein.

          Auch die Wissenschaften suchen vermehrt das Rampenlicht. Was tun sie dort? Sie tun Gesicht, sie tun Raum, sie tun Geschlecht. Alles ist „soziale Praxis“, ein Machen und Tun. Das klingt im englischen Original (doing face, doing space, doing gender) nicht wesentlich besser, und Uneingeweihte mögen sich fragen: Raum machen, wie tut man das? Etwa so: Live Casting „Wer war Bertha Pappenheim?“ (plus Bertha-Pappenheim-App) an der Universität Frankfurt, Medicine Science Match an der Universität Mannheim, Pecha Kucha (eine finnische Verkaufsshow) an der Bauhaus-Universität Weimar.

          Nur der Justizminister hat Probleme

          Der Politik gefällt das bunte Treiben. Bekanntermaßen greifen Politiker das, was Geisteswissenschaftler heute bereden, morgen auf (Narrativ, Gender, Diversität). Worauf wir uns einstellen müssen: Doing Klausurtagung. Doing Schuldenbremse. Doing Obergrenze oder auch nicht. Auf den „Doing“-Konferenzen geht es eher traditionell zu: Es wird referiert, erzählt, argumentiert. Wie gehabt. Gesellschaftliche Ableitungen bilden sich trotzdem.

          Man wird jetzt häufiger gefragt: Was kann der Film? Oder: Was macht er mit dir? Man könnte den Film fragen, das nennt sich Kritik und könnte auch einmal wieder neu erfunden werden. Aber bitte mit Vorsicht, wir werden beobachtet: „Wird der deutschen Gegenwartsliteratur nach 2000 von Teilen des Feuilletons nicht ganz wertungsfrei ein ,Plapperton‘ attestiert, verweist dies auf ein unmittelbar Verbales, das offenbar durch die Texte selbst inszeniert wird“, heißt es in der Ankündigung zur gerade laufenden Frankfurter Konferenz „Interferenzen von Mündlichkeit und Schriftlichkeit“. Praktisch: Wenn Texte sich selbst inszenieren, können sich Wissenschaftler wieder zurücklehnen und müssen keine Bertha Pappenheim mehr casten. Schwierig wird es für den Justizminister: Wie überweist man Tantiemen an einen Text?

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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