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Bundeswehr-Universität : Keiner weiß, wie der Landser tickt

  • -Aktualisiert am

Der Einsatz in Afghanistan prägte die Bundeswehrsoldaten - und entfremdete sie der Öffentlichkeit Bild: Imago

Studenten der Bundeswehr schreiben in einem Sammelband ihre Gedanken über die Gesellschaft nieder. Es ist die Abrechnung mit einer dekadenten Bevölkerung, für die sie sich im Grunde zu schade sind.

          Wenn sich irgendwo an einer deutschen Hochschule ein paar Studenten zusammensetzen und ein Buch schreiben über ihre „Gedankenwelt“, dann müssen weder diese Gedanken noch die Welt dahinter von herausragender Bedeutung sein. Der Fall liegt anders, wenn diese Studenten Offiziere sind und sich als die zukünftigen Führungskräfte der Bundeswehr betrachten. Das Buch „Armee im Aufbruch: Zur Gedankenwelt junger Offiziere in den Kampftruppen der Bundeswehr“ (hrsg. von Marcel Bohnert und Lukas J. Reitstetter, Miles-Verlag 2014) versammelt die Beiträge von sechzehn Studierenden der Politikwissenschaft, Geschichte und Pädagogik. Die meisten dieser jungen Truppenführer studieren im Rang eines Leutnants an der HelmutSchmidt-Universität/Universität der Bundeswehr in Hamburg (HSU). Der Band sei „freiwillig und ohne Befehlsdruck“ entstanden, versichert Herausgeber Bohnert, und mit wenigen Ausnahmen kennzeichnen die Autoren ihre Texte auch mit vollem Namen und Dienstgrad. Sie bieten ein bisher einzigartiges Porträt der „Generation Einsatz“.

          Bundeswehroffiziere müssen in der Regel ein Studium absolvieren. Doch auch als Studenten bleiben sie eingegliedert in militärische Befehlsstrukturen. So arbeitet Bohnert derzeit als einer der studentischen Führungsoffiziere an der HSU. Mit überfüllten Hörsälen, schlechter Betreuung, Wohnungsnot und Jobben zum Lebensunterhalt müssen sich seine Studenten allerdings nicht herumschlagen - den Sold zahlt die Truppe, das Apartment stellt die Universität, und das Verhältnis von Lehrenden zu Studenten ist nahezu paradiesisch. Man sollte sich den studierenden Offizier also recht zufrieden denken können. Die Beiträge dieses Buches sprechen eine andere Sprache. „Armee im Aufbruch“ ist ein Dokument der Verunsicherung, Enttäuschung und Abgrenzung. Verbissener Stolz nach innen paart sich mit scharfer Polemik gegen das Außen. Trotzig bekennt man sich zum Selbstverständnis des Auftraggebers - „Wir.Dienen.Deutschland.“ Aber es wird deutlich: „Wir“ sind das andere Deutschland, das die deutsche Gesellschaft gar nicht verdient.

          Am Anfang war Afghanistan. Der Kampfeinsatz am Hindukusch ist der gemeinsame Identifikationskern. Für Bohnert war er nach den „Dekaden der theoretischen Bedrohung die Feuertaufe, die diese Armee zu ihren militärischen Wurzeln zurückgeführt“ habe. Mit „Stolz und Selbstbewusstsein“ blickten Afghanistan-Veteranen wie er auf ihre Erlebnisse im Einsatz zurück. Frustrierend sei nur die „mangelnde Teilhabe“ der „lethargischen“ Öffentlichkeit. Was hier anklingt - militärische Selbstvergewisserung als Abgrenzung von der Gesellschaft -, wird in den darauffolgenden Beiträgen vertieft.

          Verachtung für die Hedonisten

          Es mag ja sein, dass der heutige Offizier, wie Mitherausgeber Lukas Reitstetter beklagt, nicht „weiß, wie ,die Landser‘ ticken“. Dafür weiß man in diesem Buch umso mehr darüber, wie die normalen Leute so „ticken“. Florian Rotter zufolge ist die deutsche Gesellschaft „hedonistisch und individualistisch“, die „Essenz der gesellschaftlichen Werte“ seien „Selbstverwirklichung, Konsumlust, Pazifismus und Egoismus“. Jan-Philipp Birkhoff erkennt eine „postheroische Gesellschaft“, geprägt von einer „grundsätzlich dekadenten Haltung, unkontrollierter Gewalt und Rücksichtslosigkeit“. Bevölkert sei sie von „radikalen Hedonisten und arroganten Selbstdarstellern“.

          Das „Streben nach Ehre durch eine hohe Opferbereitschaft“ werde nicht mehr akzeptiert. Diese Gesellschaft sei das „Produkt der stetig stärker werdenden Verdrängung von Leid, Tod und Elend aus dem Raum der öffentlichen Wahrnehmung“. Eine Akzeptanz militärischer Verluste fehle ganz; es dominiere das öffentliche Misstrauen „gegenüber jedem kriegerischen Altruismus“ und die „Entzauberung des Helden an sich“. Max Pritzke schildert die „individualisierte Gesellschaft“ als „breite Masse“, von der sich die „Elite des deutschen Offizierskorps abheben“ müsse.

          Und so geht das über viele Seiten. Was verlangt diese angebliche Elite von sich? Rotter ermahnt zur „patriotischen Einstellung zu Volk und Vaterland“ und Werten wie „Mut, Treue oder Ehre“ als „permanentem Gegenpol zur Gesellschaft.“ Birkhoff spitzt das noch zu im Bekenntnis zur „Parallelgesellschaft Bundeswehr“ - schließlich sei die „Masse“ der Bevölkerung „völlig inkompatibel mit dem soldatischen Wesen selbst“. Dass die Öffentlichkeit militärischen Erfolg an einer „Null-Tote-Linie“ messe und Opfer nur beklage, müsse für einen ausgebildeten Soldaten geradezu „irrational“ sein. Dagegen helfe dem Offizier nur noch eine „mentale Reinigung“ und ein „neues Berufsethos“ zur Stärkung der „geistigen Kampfkraft“. Die „kollektive Furcht vor einem Staat im Staate“ sei dabei „sowohl unbegründet als auch veraltet“. Ganz „losgelöst von den Übeln der Vergangenheit“ müsse auch die Bundeswehr heute gar keine „Angst vor sich selbst haben“. Für uns Hedonisten ist das natürlich sehr beruhigend.

          Dienst am verachteten Auftraggeber

          Zugestanden - der Band enthält auch weniger schneidige Einlassungen. Es finden sich auch Autoren, die Nachdenklichkeit und Zweifel äußern und warnen, sich nicht vor der Bevölkerung zu verstecken. Manche Beiträge schwanken noch zwischen Mensa und Feldlager, während für einige der Aufbruch vom Hörsaal in den Schützengraben gar nicht schnell genug gehen kann. Dabei bekennen sie sich zwar zu Deutschland, aber nur, wenn sie es „Volk und Vaterland“ nennen dürfen. Das suggeriert Einheit und Tradition - und bleibt doch Semantik.

          Das einzig Reale jedoch ist die Gesellschaft - also auch all die Hedonisten, Defätisten und konsumorientierten Egoisten, von denen man sich so vehement abgrenzen will und für die man im Ernstfall doch kämpfen müsste. Die nehmen sich übrigens eben jene Freiheit Deutschlands, die angeblich am Hindukusch verteidigt wird: die Freiheit, anders zu sein. Wenn Max Pritzke in seinem Beitrag behauptet, sie seien „keine Studenten im üblichen Sinne“, dann hat das seinen Grund nicht darin, dass sie in den Semesterferien weniger an ihren verspäteten Referaten, sondern ihren Fertigkeiten im Umgang mit dem Sturmgewehr arbeiten. Unüblich an ihrer akademischen Ausbildung ist vielmehr, dass sie sich schon vor ihrem ersten Semester freiwillig zum Verzicht auf maßgebliche Freiheiten „normaler“ Akademiker entschieden haben. Also auf die Freiheit, sich ihren Auftraggeber selbst auszusuchen. Für die Kompatibilität dieser Verpflichtung mit der gleichzeitigen Herabwürdigung des Auftraggebers bleiben die Autoren den Beweis allerdings schuldig.

          Bohnert nennt das Buch ein Gesprächsangebot, wenn auch ein unbestreitbar provokantes. So wichtig wissenschaftliche Beiträge seien, Aufmerksamkeit bekäme in dieser Debatte nur der, der auch Polemik nicht scheue. Für diesen Charakter als ehrliche Wortmeldung und Gesprächsangebot ist das Buch trotz allen geistigen Säbelrasselns zu loben. Man sollte den Autoren den Respekt dafür nicht versagen. Im Bereich der Analyse hätte ihm dennoch mehr Wissenschaft gutgetan. Vielleicht ließen sich dadurch Schnittmengen der übrigen Staatsbürger mit den Uniformierten erkennen? Etwa der Begriff des Helden - gibt es die wirklich nur beim Militär? Tut außer den Soldaten keiner etwas aus freiwilligem Pflichtbewusstsein? Oder Individualismus - wie verträgt sich der mit der angeblichen Massengesellschaft? Und ein Vergleich mit der gesellschaftlichen Einbettung der Armeen anderer westlicher Länder könnte die eigentliche Frage des Buches beantworten helfen, ob die hier beschworene Abgrenzung des Militärs funktionale Notwendigkeit beanspruchen kann oder doch nur Selbststilisierung ist.

          Im Grunde alles Themen der Militärsoziologie, die an den Bundeswehr-Universitäten aber nicht gelehrt wird. So bemängelt Uwe Hartmann, bis 2013 selbst militärischer Leiter der HSU, das Fehlen einer spezifisch militärischen Ausrichtung des Studienangebotes in den Gesellschaftswissenschaften der HSU. Auch für Kai-Uwe Hellmann, der von 2010 bis 2014 an der HSU Soziologie gelehrt hat, ist dies eine fragwürdige Unterlassung. „Das Militärisch-Soldatische wird als eigener Reflexionsgegenstand in der Lehre fast gänzlich ausgespart. Dabei sollte die Gründung der Bundeswehrhochschulen unter Helmut Schmidt 1973 gerade dazu beitragen, die Offiziere der Bundeswehr im Sinne der Inneren Führung dafür zu sensibilisieren, dass sie fest integrierter Bestandteil der bundesrepublikanischen Gesellschaft sind.“ Seit mittlerweile 2007 kann man an einer deutschen Hochschule tatsächlich „Military Studies“ belegen, freilich nicht an einer der beiden Bundeswehrhochschulen, sondern an der Universität Potsdam. Vielleicht könnten deren Verantwortliche das Buch zum Anlass nehmen, ein neues Curriculum für die „Generation Einsatz“ zu entwerfen. Reflexionsbedarf jedenfalls ist reichlich vorhanden.

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