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Bremer Affenexperimente : Aus alten und neuen Horrorkabinetten

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Im „Vivisektor” des Historienmalers Gabriel von Max aus dem Jahr 1883 werden Herz und Verstand gegeneinander abgewogen Bild: Lenbachhaus München Courtesy Galerie Konrad Bayer

Die Debatte um die Affenexperimente in Bremen wird als ein Konflikt zwischen Herz und Verstand inszeniert. Es geht heute jedoch nicht mehr um dem Kulturzusammenhang entrissene Haustiere, sondern um im Labor gezüchtete Modellorganismen, an denen sich die Debatte entzünden muss.

          Hier beginnt die Geschichte der Scheußlichkeiten: Im Jahr 1877 erschien in einem Münchner Verlag die Novelle „Gemma oder Tugend und Laster“, benannt nach der Protagonistin Gemma, einem kleinen Mädchen, dessen selbstgestellte Aufgabe darin besteht, Tiere vor dem Tod im Labor zu retten. Der Konflikt könnte zugespitzter nicht sein. Das Tier, dessen Leben die ebenso unschuldige wie schöne Gemma zu schützen versucht, ist ihr Hund, der sie noch dazu vor dem Ertrinken bewahrt hat. Der Forscher aber, der diesen Hund der Wissenschaft opfern will, ist der eigene Vater, im Roman genannt der „Vivisektor“, eine düstere, brutale Gestalt, der am Ende wie Shakespeares King Lear für seine Untaten mit Wahnsinn bestraft wird.

          Die Autorin des Buches hieß Marie Espérance von Schwartz; sie schrieb unter dem Pseudonym Elpis Melena und war die Tochter eines Hamburger Bankiers. Ihr Roman traf deshalb den Nerv der Zeit, weil er eine ganze Erzählung von Verstrickung, Schuld, Liebe und Gewissen um eine Anekdote herumgebaut hatte, die im neunzehnten Jahrhundert leitmotivisch die Schriften der Tierrechtsbewegung durchzog und wohl jedem, der sie hörte, die Haare zu Berge stehen ließ.

          Aus dem Horrorkabinett der Medizingeschichte

          Dieses Horrorkabinettstück stammte aus der Kaderschmiede des medizinischen Fortschritts, aus dem Labor von François Magendies, dem Präsidenten der Pariser Akademie der Wissenschaften und Begründer der experimentellen Methode in Pharmakologie, Physiologie und Pathologie. „Der berühmte Professor Magendie“, wusste eine tierschützerische Publikation der Zeit zu erzählen, „erlaubte sich solche Scheußlichkeiten gegen die unglücklichen Opfertiere, dass man ihn zu den ruchlosesten Sündern zählen muss, die je auf Erden gelebt haben. So nagelte er zum Beispiel ein feines nervöses Wachtelhündchen mit seinen vier Pfoten und seinen langen seidenweichen Ohren auf den Tisch, wohlbemerkt, ohne es zu narkotisieren, um so seinen Schülern in bequemerer und ungestörterer Weise das Durchschneiden der Augennerven, das Aufsägen des Hirnschädels, das Zerschneiden des Rückgrates und das Bloßlegen der verschiedenen Nervenbündel demonstrieren zu können.“

          Es ist diese Szene, die Schwartz als Urszene für ihren Roman diente und auch den Münchner Historienmaler Gabriel von Max 1883 zu dem Gemälde „Der Vivisektor“ inspirierte. In den Armen von Justitia schlummert eben das „feine nervöse Wachtelhündchen“, die Augen zugekniffen, in ein Tuch gewickelt wie ein Kind. Die Allegorie der Gerechtigkeit hält in der Hand die Waage, der durch ein Gehirn repräsentierte Verstand in der einen Schale, das flammende Herz - es wiegt schwerer - in der anderen. Sich umwendend, wirft der Forscher einen Blick in Richtung des Tieres, das Skalpell in der Hand, vor ihm der prototypische Seziertisch des neunzehnten Jahrhunderts. In den Schraubvorrichtungen soll der Hund stillgestellt werden, durch die Schlitze in der Holzplatte fließen Blut und andere Körperflüssigkeiten ab. Wer sich weiter mit der Geschichte der Vivisektion, also der Lebendsezierung von Tieren, vertraut machen will, sei der hervorragende von Nicolaas Rupke 1987 herausgegebene Band „Vivisection in Historical Perspective“ empfohlen.

          Herz gegen Verstand

          Diese Geschichte muss man kennen, um zu verstehen, welcher Konflikt gerade in Bremen hochkocht, wo dem unfreiwillig berühmt gewordenen Hirnforscher Andreas Kreiter die Genehmigung entzogen werden soll, seine experimentelle Forschung an Affen fortzusetzen. Die Bremer Behörde hat ihm soeben einen Aufschub bis Ende Dezember gewährt, dann muss eine Entscheidung fallen. Aber will man das Tierexperiment des neunzehnten Jahrhunderts im Ernst mit dem im einundzwanzigsten Jahrhundert vergleichen? Ist nicht, was gerade in Bremen passiert, etwas vollkommen anderes? Gebetsmühlenartig wiederholt Kreiter zum Beispiel, dass seine Makaken unter Narkose die Halterungen eingesetzt bekommen, die später dazu dienen, den Kopf in einer festen Position festzuhalten.

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