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Brasilianische Universitäten : Wie stampft man einen Riesen aus dem Boden?

Brasilien mobilisiert seine Massen: Zeltlager an der Universität Sao Paulo Bild: Imago

Exzellenz als bewegliches Ziel: Brasiliens Universitäten suchen Anschluss an die internationale Spitze. Austauschprogramme florieren. Doch es wächst allein die Masse. Hilft Deutschland?

          Als Alexander von Humboldt im ausgehöhlten Baumstamm durch den Amazonas und Orinoco paddelte, sechzigtausend Proben allein auf diesen Fahrten durch das Reich des Jaguars und der Boaschlangen einsammelte und die dreißig Kisten voll mit Belegmaterial in die Heimat verschiffen ließ, da dürfte es seinen Forscherkollegen in Europa ähnlich gegangen sein wie dem wissenschaftsinteressierten Betrachter heute. Sie wurden erschlagen von der schieren Masse des Unbekannten. Von einer scheinbar unermesslichen Produktivität. Von den Zeugnissen einer Weltregion, über deren außerordentliche Potentiale man allenfalls etwas zu ahnen vermochte, weil sie uns heute aus anderen Gesellschaftsbereichen wie dem Sport vertraut sind, die aber weitgehend verborgen, weil unentdeckt geblieben waren.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Brasilien mit seinen zweihundert Millionen Menschen, dessen Bundesstaat São Paulo allein schon größer ist als Deutschland, wird heute als potentieller Forschungsriese gehandelt. Und das Land tut einiges dafür, dass es als solcher wahrgenommen wird. Die Zeitschrift „Nature“ hat im vorigen Jahr unter der Schlagzeile „Big Players“ neben Argentinien auch Brasilien als Knotenpunkt einer prosperierenden südamerikanischen Forschungslandschaft präsentiert. Parallelen zu Asiens Wissenschaftshochburgen werden immer häufiger gezogen. Und die brasilianischen Repräsentanten sehen sich selbst in der größten Blüte der Wissenschaftsgeschichte. Doch wie beim Umgang mit den sozial Benachteiligten driften in Brasilien auch in der Forschungs- und Hochschulpolitik Wort und Tat auseinander. Verpackung und Inhalt sind zwei Paar Stiefel.

          Mehr als fünfzigtausend Master-Abschlüsse heute, wo man fünfundzwanzig Jahre zuvor noch dreitausend zählte, mehr als fünfzehntausend Promotionen, wo man seinerzeit auf nicht einmal tausend kam - das sind beeindruckende Statistiken. „Der Output hat sich versiebzehnfacht, die wissenschaftliche Produktion ist in einigen Gebieten auf dem Weg zur Weltklasse“, sagt der Chef der Forschungsförderorganisation „Capes“, Jorge Almeida Guimarães, einer der einflussreichsten Hochschulpolitiker des Landes. Und weil es ihm so gut gefällt, präsentiert er ein Zitat aus dem „Economist“, in dem das wissenschaftliche Potential der Brasilianer in den Innovationshimmel gehoben wurde: „In den sechziger und siebziger Jahren zahlte die brasilianische Regierung für die ausländischen Promotionen in der Erdölexploration, der Agrarforschung und im Flugzeugdesign. Heute ist Brasilien in allen drei Gebieten an der Weltspitze.“

          Deutschland ist ein beliebtes Ziel

          Nimmt man Guimarães beim Wort, findet sich Brasilien auch in den internationalen Forschungsrankings auf dem Weg an die Spitze. Bis klar wird, dass es Statistiken sind, die sich auf Mengen und Massen, nicht jedoch auf Qualität beziehen. Ebendies aber, Qualität statt Quantität - Exzellenz eben -, sollte das Thema an diesem Tag sein, an dem Guimarães Gast in seinem eigenen Reich war. Der brasilianische Wissenschaftsmanager sollte bei dem Kolloquium der Alexander von Humboldt-Stiftung in São Paulo Auskunft darüber geben, wie sich die brasilianische Forschung ihre Zukunft im globalen Forschungsbetrieb vorstellt. Denn eines ist unübersehbar: Brasilien sucht zunehmend Anschluss im Ausland. Anschluss und Anerkennung.

          Tatsächlich steht „Capes“, die bedeutendste Hochschulförderorganisation im Land, für Brasiliens Ambitionen zur Internationalisierung. Rund eine Milliarde Euro werden von der Förderagentur für Stipendien ausgegeben, ihr Programm für 100.000 Auslandsstipendien ist extrem beliebt. Ein Großteil der fünf- bis sechstausend brasilianischen Studenten in Deutschland profitiert davon. Deutschland ist mittlerweile unter den Top fünf der beliebtesten Studien- und Forschungsorte bei Brasilianern. Und auch der Humboldt-Stiftung selbst, die quer über den Globus ihre Finger nach herausragenden Nachwuchsforschern ausstreckt, hat Capes zu einem kleinen Boom verholfen. Seit es einen Kooperationsvertrag zwischen beiden Organisationen gibt, seit drei Jahren nämlich, hat sich die Zahl der Bewerber und der Humboldt-Stipendiaten verdreifacht - auf etwas über sechzig pro Jahr.

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