19.11.2009 · Alle hatten sie Reformgesänge angestimmt. Doch langsam dämmert den deutschen Bildungspolitikern, dass es mit der Umsetzung der Bologna-Reform nicht zum Besten steht. Bildungsministerin Schavan ist unterdessen ins Bologna-Korrektorat gewechselt. Dass aber die gesamte Marschroute falsch sein könnte, wagt noch keiner einzugestehen.
Von Jürgen KaubeWarum streiken, wogegen demonstrieren die Studenten denn? Wissen sie denn nicht: Der 1999 gestartete Bologna-Prozess hat zu einer erfolgreichen Modernisierung der deutschen Hochschulen beigetragen. Der Bologna-Prozess ist ein freiwilliger Prozess, der vor allem durch den Dialog der beteiligten Staaten und der eingebundenen Organisationen, der sogenannten Stakeholder, vorangetrieben wird. Der Austausch von Good Practice ist ein wesentliches Element der Zusammenarbeit. Die Umstellung greift, die Umsetzung des Bologna-Prozesses gewinnt an Fahrt.
Für die deutschen Hochschulen ist das ein Gewinn, denn der Bologna-Prozess ist ein wichtiger Beitrag zu ihrer Internationalisierung. Das Bachelor/Master-System eröffnet den Studierenden neue Möglichkeiten für eine Kombination attraktiver Qualifikationen sowie für eine flexiblere Verbindung von Lernen, beruflichen Tätigkeiten und privater Lebensplanung. Auch die Einführung der neuen Studiengänge kommt weiter gut voran. Die Kritik daran ist gestrig. Der Anspruch der Studenten, nicht nur auf Credit Points fixiert zu sein, muss ihre eigene Einstellung zum Studium prägen.
Nein, wir sind nicht übergeschnappt. Wir haben nur zitiert. Zitiert aus Reden und Verlautbarungen der Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), ihres Staatssekretärs und des Ministeriums. Alles aus diesem Jahr, auch das mit der Fahrt.
Taktik statt Interesse
Jetzt hingegen, da die Studenten protestieren und aus den Hochschulen keine Meldungen kommen, die einen Erfolg von Bologna erkennen lassen, ist Frau Schavan, wie sie sagt, „die erste Ministerin auf Bundesebene, die gesagt hat: Die Reform ist richtig, braucht aber in der Umsetzung Korrekturen“, was auch nicht schwierig war, weil sie überhaupt erst die zweite Ministerin im Zeitraum des Bologna-Prozesses ist. Jetzt versteht sie „die Anliegen“ der Studenten, ihre Unzufriedenheit, fordert Länder und die Hochschulen auf, ihre Belange ernst zu nehmen. Und die Unternehmen werden ermahnt, die „richtigen Signale“ zu geben, dass man mit dem Bachelor „hervorragende Berufschancen“ hat.
Woher weiß Frau Schavan eigentlich, dass man diese Chancen hat? Und dass es durch den Bachelor hervorgebrachte Chancen sind, also nicht solche, die es trotz Bachelor gibt, oder solche, die gar nichts mit der Studienreform zu tun haben? Woher weiß sie, dass die Reform richtig ist? Kennt sie Hochschulen? Weiß sie, wie sich dort die Professoren, denen man Exzellenzanreize hingehalten hat, aus der Lehre in der Bachelor-Phase zurückziehen? Hat sie davon gehört, dass Bologna das Studierverhalten demoralisiert, weil es vielerorts zu rein notentaktischen Einstellungen auffordert? Dass das Vergnügen am Studium sinkt, weil es nur noch als Hindernisparcours wahrgenommen wird, auf dem es nicht mehr möglich ist, aus schlechten Seminaren auszusteigen, uninteressante zu überspringen, bei einer Sache, für die man sich begeistert, auch zu bleiben?
Der falsche Plan
Ist ihr die Wirklichkeit der schwachsinnigen Abrechnung von Studienleistungen nach „workloads“ – also den „Kontaktzeiten“ der Studierenden mit ihren Lehrern und der Pflichtlektüre – schon einmal begegnet? Weiß sie, dass man in Oxford oder Zürich nach wie vor lachen würde, wenn jemand unter Berufung auf ein deutsches Bachelor-Zertifikat den Zugang zum weiterführenden Studium erzwingen wollte? Hat sie davon gehört, dass es schon innerhalb Deutschlands ihre vielbeschworene „erhöhte Mobilität durch Bologna“ nicht gibt? Und hat sie ihre Beamten schon einmal ausrechnen lassen, wie viel Zeit für Lehre und Forschung sie und ihresgleichen vernichten, indem sie das wissenschaftliche Personal in immer neue Drittmittelantragsverfahren, Exzellenzinitiativkommissionen, Selbst- und Fremdevaluationsprozesse, Ratings und Rankings, Studienordnungsdebatten und Akkreditierungen stürzen?
Das entscheidende Wort hier ist „ihresgleichen“. Denn das Spiel, das jetzt beginnt, heißt „Wer hat’s falsch umgesetzt?“, und es ist ein verlogenes Spiel, weil nicht die Umsetzung falsch, sondern der Plan gedankenlos und ohne das geringste Gespür für naheliegende Folgen war. Dieses Spiel soll Unterschiede zwischen den Funktionären suggerieren.
So, als dächten nicht Minister und Bundespolitiker aller Parteien und Landespolitiker aller Parteien und die meisten Rektoren, auf jeden Fall aber die Hochschulrektorenkonferenz und der Wissenschaftsrat und das „Centrum für Hochschulentwicklung“ und die Bologna-Beauftragten vor Ort und die Akkreditierungsagenturen alle genau dasselbe. Als hätten sie nicht alle dieselben Reformgesänge angestimmt. Als redeten sie nicht alle vom unumkehrbaren Schicksal, wenn sie „Bologna“ meinen. Als hätten sie nicht alle kaum Anschauung von dem, was an Universitäten dort, wo diese ihr „Kerngeschäft“, die Lehre nämlich, betreiben, vor sich geht. Als interessierte sich irgendjemand aus dem Reformestablishment dafür, was aus den Studenten werden soll. Und weil die das jetzt ahnen, genau darum protestieren die Studenten.
Danke für die Artikel
Daniel Marten (Dr.D.M)
- 19.11.2009, 11:51 Uhr
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Hermann Gschwandtner (DrHermannG)
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- 19.11.2009, 13:13 Uhr