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Bologna-Reform Mehr universitären Liberalismus wagen

25.11.2009 ·  Die protestierenden Studenten sprechen von der Bologna-Reform als einer neoliberalen Ökonomisierung der Universität. Tatsächlich aber ist es der Geist der sozialistischen Fünfjahresplanung, der das Studium gängelt.

Von Armin Nassehi
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Die bundesweiten Proteste der Studenten sind durchaus berechtigt, vor allem was die Kritik an den neuen konsekutiven Studiengängen angeht. Vieles von dem, was bei der Umstellung der alten deutschen Diplom- und Magister-Studiengänge geschehen ist, hat nicht zur Verbesserung der Lehre geführt, nicht die Erwartungen nach mehr Flexibilität und Mobilität erfüllt, nicht dazu beigetragen, die Eigenverantwortung der Studenten zu erhöhen und erst recht nicht die Lehrinhalte verbessert. So ist es jetzt en vogue, Solidaritätsadressen an die protestierenden Studenten zu richten und ihnen im Kern recht zu geben.

Aber was sind die Forderungen? Die Studenten pflegen - neben Revolutionsrhetorik und neben der immer noch nicht ausgestorbenen ironischen Kombination von basisdemokratischen Verfahren mit endlosen Geschäftsordnungsdebatten - vor allem die Klage über den neoliberalen Geist der Hochschulreformen. Das ist inzwischen so erwartbar, dass man kaum genau nachdenkt. Den Befund „Neoliberalismus“ schlicht für falsch zu halten, hilft aber auch nicht weiter. Denn er hat nicht einmal das Zeug, falsch zu sein.

Wenn man schon die Umstellung der früheren Studiengänge auf ein plakatives Label bringen möchte, so drängt sich eine andere Analogie auf. Nicht eine (neo-)liberale Deregulierung kann man hier beobachten, auch keine „ökonomische“ Flexibilisierung. Das ist nicht der Geist dieser Reformen. Es ist eher der Odem, sagen wir besser: der Schwefelduft sozialistischer Fünfjahrespläne, den man hier riechen kann. Wie weiland in der staatlich gesteuerten Ökonomie des Ostblocks die Karotten- und Stahlträgerernte der nächsten fünf Jahre bis auf die einzelne Wurzel und bis auf die konkrete Tonne Stahl vorberechnet und kalkuliert wurde, scheint das Idealbild der neuen Studiengänge ein vollständig durchgeplanter Studienverlauf zu sein. Ähnlich wie in der politischen Ökonomie des Fünfjahresplans erzeugt der Dreijahresplan eines grundständigen Bachelor-Studiengangs die Illusion der Planbarkeit und Kontrolle.

Misstrauen als Grundstimmung

Das Bezugsproblem strenger Planung und enger Kontrolle ist Unsicherheit und Misstrauen. Strenge Planung braucht man nur dann, wenn Unsicherheit darüber herrscht, wie Prozessabläufe und Routinen sich selbst entwickeln. Und enger Kontrolle bedarf es wesentlich dann, wenn man eigensinnigen Prozessen misstraut. Das sozialistische Modell des Fünfjahresplans ist geradezu die Inkarnation des Misstrauens gegenüber Kreativität von unten. Sein zentrales Instrument ist die bürokratische Verwaltung. Was sich seit der Umstellung auf den neuen Typus von Studiengängen geändert hat, sind entsprechend nicht die wissenschaftlichen Lerninhalte selbst, sondern die Planungs- und Kontrolldichte solcher Studiengänge, die ein enges Korsett darstellen. In ihnen will man immer weniger dem Zufall dessen überlassen, was sich in Lehr- und Lernsituationen typischerweise ereignet.

Wenn die Studentenproteste derzeit also in erster Linie die „neoliberale Wende“ der universitären Ausbildung beklagen, dann sind sie womöglich an dieser Stelle naiv oder ideologisch auf einem Auge blind. Die Reform ist weniger eine deregulierend-liberale Reform, sondern eine regulierend-sozialistische, wenn man solche Etikettierungen überhaupt verwenden will. Im Übrigen liegt diese Veränderung keineswegs unmittelbar an der Einführung konsekutiver Studiengänge, deren Selbstkorrekturen vieles wieder zurechtrücken. Neu ist eher die Kultur des kontrollierenden Misstrauens, die aus Akteuren letztlich stets Dissidenten macht, wenn sie ihre Ziele erreichen wollen - auch das kennt man aus dem klassischen Planmodell.

Was ich mir wünschte, ist entgegen der Protestrhetorik eine liberale Reform. Liberal wäre der Geist einer solchen Reform dann, wenn man zugunsten der Eigenverantwortung und individueller Profile auf allzu zentralistische und gleichmacherische Strategien verzichten würde. Liberal wäre der Geist dieser Reform, wenn er nicht eins zu eins umsetzen würde, was die politischen Vorgaben an Strukturen festgesetzt haben. Antiliberal und überregulierend ist die gesamte Reform insofern, als ein eklatantes Governance-Problem vorliegt. Die Vorgaben stammen von einem praxisfernen Politikziel, das vor allem daran interessiert ist, einheitliche Regulierung zu ermöglichen, um einen europäischen Hochschulraum zu simulieren. Als politischer Erfolg wird ausgegeben, wenn die gleiche Schablone vordergründig überall passen könnte.

Akteur ist hier die europäische Bildungsadministration als Ensemble von Regulierungsbehörden, deren Erfolgskriterium darin besteht, einheitliche Standards in Resolutionsform zu bringen. Die operative Umsetzung in den Ländern und an den Universitäten kann dann nur noch halbherzig erfolgen, lustlos und ohne Engagement, weil ein Zielkonflikt vorliegt. Dieses Gefühl der Lustlosigkeit vermitteln die Universitäten ihren Studenten selbst - und deshalb ist für den Protest prinzipiell Sympathie aufzubringen. Denn was offensichtlich fehlte, waren Anreize, aus der Reform etwas je Eigenständiges zu machen, denn das war ja qua Programm gar nicht erwünscht.

Ein geradezu bürgerlicher Protest

Auch hier eine Analogie zu sozialistischen Planungsformen früherer Zeiten: Anreize wurden nur auf der Ebene der abstrakten Kollektivität lokalisiert, im Fünfjahresplan, in allerlei Zentralkomitees und ihren Resolutionen, im neuen Dreijahresplan auf der Ebene der europäischen Bildungsbürokratie und ihrer Programmpapiere. All das überträgt sich auf die Geschäftigkeit derer, die die Reformen umsetzen. Das reicht von der Ebene der politischen Umsetzung bis zur Implementierung an den Universitäten selbst.

Lösen lässt sich das nur durch eine liberale Reform der Reform, die dann nicht mit generalisiertem Misstrauen operiert, sondern Vertrauen in jene Institutionen hat, die universitäre Lehre operativ umsetzen müssen. Vielleicht wäre es ja eine Möglichkeit, die Proteste auf eine neue argumentative Basis zu stellen. Nicht ein Zuviel an Liberalismus ist das Problem, sondern ein Zuwenig an Liberalität. Die Bologna-Reform scheint insofern gegensinnig zu anderen Steuerungs- und Reformprozessen zu verlaufen. In der Sozialpolitik, in der Altersvorsorge, im Gesundheitsverhalten wird stärker auf Selbstverantwortung gesetzt. Führungskonzepte setzen zunehmend auf die Eigenverantwortung. Und Governance-Konzepte setzen auf bilaterale Verträge zwischen Verwaltung und Unternehmen, um kreative Lösungspotentiale freizusetzen.

Die Bologna-Reform tut das Gegenteil. Sie setzt auf Zentralisierung und Vereinheitlichung, auf überzogene Kompatibilität und abstrakte Parameter. Vielleicht ist der derzeitige Protest ein Anlass, dass die Universitäten das beenden. Und vielleicht ist es für die Studenten ein Anlass, die revolutionäre Kraft des Eigeninteresses zu entdecken. Was an den Protesten jedenfalls zu begrüßen ist, ist der Impetus, mit dem die Studenten sich den Bildungsraum Universität aneignen wollen und offenbar ein unbegriffliches Gespür dafür haben, worin der je individuelle Anreiz für Bildungsprozesse liegt, die weit über die beruflich relevante Ausbildung hinausgeht. Denn genau dafür braucht es eben nicht die zentralistische Durchbürokratisierung nach sozialtechnologischem Muster, sondern individuelle Freiheit als Bildungsraum. Das war immer die bürgerliche Idee der Bildung. Vielleicht sind die Studentenproteste näher an dieser Idee, als sie wissen. Und vielleicht ist es Aufgabe der Universitäten, ihnen dies beizubringen. Womöglich hat der Bildungsstreik dann sogar einen echten Bildungseffekt.

Der Autor lehrt Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Quelle: F.A.Z.
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